Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Vergnüglicher Vordenker

Das fängt ja gut an. Zu unserem Spaziergang haben wir uns an dem kleinen Café mit dem hübschen Namen „Thea & Coffee“ in der Birkenstraße 19 in Moabit verabredet. Nicht ohne Grund, hat in diesem Haus doch der Urgroßvater von Rüdiger Lentz, Ernst Lentz, Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt und hier seine Fabrik aufgebaut. Rüdiger Lentz, 67, ist schon da, er sitzt an diesem herrlichen Sommertag vor dem Café, Wespen umschwirren ihn. Er wedelt mit den Händen, in seinem Glas schwimmt eine Wespe, in der kleinen Flasche gar fünf, sechs von ihnen. „Was trinken Sie da?“ – „Apfelschorle, offenbar eine sehr süße.“ Jetzt umschwirren die Wespen auch mich. Ich fange an, mit den Händen zu wedeln, der Fotograf auch. Wir brechen alsbald auf.

Rüdiger Lentz ist Direktor des Aspen Instituts in Berlin und das, was man einen Vordenker nennt. Ein Netzwerker. Ein ehemaliger Journalist. Einer, der ganz viele, ganz große, ganz wichtige Menschen kennt. Einer, der viel zu sagen hat. Doch erst einmal wollen wir uns auf die Spuren seines Urgroßvaters begeben, denn deshalb haben wir uns zum Spaziergang in Moabit verabredet. „Ernst Lentz hat 1893 die eisernen Krankenhausmöbel erfunden“, erzählt Rüdiger Lentz 122 Jahre später, im Hinterhof an der Havelberger Straße stehend. Dort, an der wieder restaurierten Wand, prangen hoch oben noch die Buchstaben E. L. und das Datum 1893. Lentz war Schlossermeister, entwickelte viele Teile für Krankenhausbetten oder -schränke, reiste zu den Weltausstellungen und baute seine Fabrik, die den ganzen Block in Moabit zwischen Birken- und Havelberger Straße umfasste, auf.

„Aber er hat nix draus gemacht, der blöde Kerl“, sagt Rüdiger Lentz lachend. Ernst Lentz’ Sohn musste auch Schlosser lernen und die Firma übernehmen. „Dann war schon wieder Schluss, ein typisches Gründerschicksal damals.“ Wir stehen in dem schönen Hof, in dem ehemaligen Fabrikgebäude gibt es jetzt Lofts. Ein Mieter aus dem Vorderhaus kommt vorbei, Rüdiger Lentz spricht ihn sofort an. „Wenn hier irgendwann was frei wird, würde ich gerne einziehen“, sagt Lentz. „Ich auch“, antwortet der Mieter wie aus der Pistole geschossen. Lautes Gelächter erfüllt den Hof.

Schmiedearbeiten an der Kirche

Rüdiger Lentz ist ein vergnüglicher Vordenker. Zurück an der Birkenstraße schauen wir uns an der Heilig Geist Kirche noch die Schmiedearbeiten an den Kirchentüren an, denn das sind auch Arbeiten seines Urgroßvaters, dann aber geht es um ihn. Lentz leitet seit September 2013 das Aspen Institut in Berlin – der erste Deutsche an der Spitze dieser von Amerikanern gegründeten Denkfabrik. Die Aspen-Idee reicht zurück in das Jahr 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der amerikanische Unternehmer Walter Paepcke, ein Sohn deutscher Einwanderer, in die Kleinstadt Aspen in den Bergen von Colorado reiste. Paepcke träumte angesichts der menschlichen und moralischen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs „von einem Platz, an dem der menschliche Geist aufblühen kann“. Heute gibt es Aspen-Institute in der ganzen Welt, in Washington, Paris, Rom, in Tokio oder auch Bukarest und Madrid. Das deutsche Institut wurde 1974 in Berlin gegründet, der erste Direktor war der charismatische Shepard Stone.

„Wir sind ein transatlantisches Institut, wir sind kein US-Institut“, betont Rüdiger Lentz. Und: „Wir sind ein unabhängiges Institut.“ Man ist dem Ideal der freien, der offenen Gesellschaft verpflichtet, den gemeinsamen Werten. Und man will vermitteln, Denkanstöße geben. Deshalb gibt es viele Vorträge im kleinen oder größeren Kreis, Konferenzen, Diskussionsrunden. Dass Rüdiger Lentz die Arbeit des Instituts einmal leiten würde, damit hatte er selbst nicht gerechnet.

Denn sein Weg war ein anderer, kein gerader, ein Weg, auch von Zufällen geprägt. „Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte“, erzählt er. Der Vater war schon viele Jahre bei der Bundeswehr und gab den Tipp, das doch auch erst einmal zu machen. Lentz verpflichtete sich für acht Jahre („Das gab es damals noch“), war Soldat, dann als Jugendoffizier in Schulen und Universitäten unterwegs, schließlich Pressesprecher an der neuen Bundeswehr-Hochschule in Hamburg. Es war die Zeit der Auf- und Nachrüstungsbeschlüsse, der militärischen Konfrontation in Europa und der Welt. Ab 1973 studierte Lentz in Hamburg Politikwissenschaften – und wurde dann Journalist beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Militärkorrespondent“, sagt Lentz. Es sei Zufall gewesen, eigentlich habe er gar nicht Journalist werden wollen. Aber der Beruf gefiel ihm und führte ihn von Hamburg dann zum WDR, wo er für Sicherheits- und Außenpolitik zuständig war, eine Live-Sendung im dritten Programm hatte, viele wichtige Menschen wie Bischof Tutu oder den damaligen libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi („Das fand ich schon sehr spannend“) interviewte. Doch dann lockte der Rias in Berlin, denn, so Lentz, „mein Lebenstraum war es, nach Amerika zu gehen“. Und den konnte der Rias besser erfüllen als der WDR, auch wenn einige Kollegen damals, 1988, nicht verstanden, dass man freiwillig von einer solch großen Rundfunkanstalt zum „Winzling“ Rias wechselte. Ausgestattet mit einen Fünf-Jahres-Vertrag sollte Lentz für Rias-TV von Washington aus berichten. „Nina Ruge war damals meine Volontärin“, erinnert er sich lachend an die Zeit vor rund 30 Jahren.

Doch es kam anders als gedacht: Die Mauer fiel. Der Rias ging in der Deutschen Welle auf, Lentz hat trotzdem großartige Erinnerungen an die Zeit. Denn er war kurz vor dem Mauerfall von Washington zu einem Besuch nach Berlin gekommen, traf sich am 8. November mit einem Wirtschaftsexperten der DDR-Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt – und war am nächsten Tag schon wieder da, diesmal aber an der Sonnenallee, wo die Menschen nachts über die geöffnete Grenze von Ost- nach West-Berlin strömten. Lentz war wie etliche andere Journalisten und Prominente am Abend des 9. November bei der Geburtstagsfeier von Filmemacher Ulrich Schamoni in West-Berlin gewesen, als die Nachricht „Die Mauer ist auf“ die Runde machte. Er fuhr mit anderen Partygästen sogleich zum Grenzübergang Sonnenallee, von dort zum Kudamm. „Auf dem Rückflug nach Washington ein paar Tage später habe ich immer wieder geheult“, erzählt Rüdiger Lentz. „Es hat gedauert, bis ich die Größe dieses Ereignisses verarbeitet hatte.“ Auch in Amerika freuten sich viele Menschen über den Mauerfall, über die deutsche Einheit. „Wenn es irgendetwas gab, was mich in meinem Leben berührt hat, dann war das dieser Moment“, sagt Lentz.

Er, der so gerne in den USA geblieben wäre, musste aber dann nach Deutschland zurück, arbeitete für die Deutsche Welle in Brüssel – und durfte schließlich, im Jahr 1999 wieder nach Washington, als Büroleiter der Deutschen Welle. Die Quote interessierte ihn nicht, die Arbeit schon. „Die Bedeutung, wie uns andere in der Welt sehen, hat zugenommen“, sagt Lentz. Zehn Jahre wurden es in den USA, dann hörte Lentz bei der Deutschen Welle auf und machte noch einmal etwas ganz anderes: Er gründete ein Museum, ein kleines, in Washington, in Chinatown, dort, wo anfangs die deutschen Einwanderer lebten. Ein Museum, das die Geschichte der deutschen Einwanderer erklärt. „4000 bis 6000 Besucher hatten wir im Jahr, viele Schulklassen.“ Nicht nur sein Vorfahr, sein Urgroßvater in Berlin, interessiert ihn, Geschichte überhaupt hat es ihm angetan.

Warum wollte er fort aus den USA? „Eigentlich wollte ich noch bleiben, aber in den USA wird man sehr über seinen Beruf definiert. Wenn der Beruf weg ist, dann bist du ein Nobody“, sagt Lentz. Und dann kam 2013 der Anruf. Ob er sich vorstellen könne, Direktor des Aspen Instituts in Berlin zu werden? Er konnte, aber es gab ja noch andere, amerikanische Bewerber. „Und dann wurde ich, der Deutsche ausgewählt, da musste ich springen.“

Rüdiger Lentz sprang und ist jetzt seit zwei Jahren Chef im Aspen Institut. Sein Vertrag wurde schon verlängert, bis 2017 wird er die Geschäfte des Instituts, das seinen Sitz an der Friedrichstraße 60 hat, führen. Neun Mitarbeiter gibt es, vom Staat aber kein Geld mehr. „Wir finanzieren uns über unsere Mitglieder, unsere Projekte, und wir haben einige große Förderer.“ Rund eine Million Euro kommen so im Jahr zusammen – Geld, mit dem man viele Menschen zusammenbringen kann.

Konferenz mit Steinmeier

Wie Mitte Oktober. Da lädt das Aspen Institut zu einer transatlantischen Konferenz, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll eine Rede halten, auch der stellvertretende russische Außenminister Aleksej Y. Meshkov ist eingeladen. Beim Galadinner wird der frühere Schach-Weltmeister und heutige russische Oppositionspolitiker Garry Kasparov die Rede halten.

„Wie sehen Sie die Weltlage, mit der Ukraine-Krise, dem IS-Terror, dem Flüchtlingsstrom aus Syrien, dem Irak, aus Afrika?“ Rüdiger Lentz muss nicht nachdenken: „Die Welt ist ein Chaos.“ Es könne einem angst und bange werden, aber man müsse etwas tun, man dürfe nicht den Mut verlieren, man müsse für die Werte einstehen, um sie kämpfen. „Die Krisen werden nicht verschwinden“, sagt Lentz. Aber man könne den Flüchtlingsstrom managen, man müsse das jetzt auch. Die Ukraine-Krise, die beschäftigt Lentz sehr, aber die Bundesregierung, die Europäische Union hätten diese bislang gut gemeistert.

Es sind schwere Themen für diesen schönen Sommertag, für einen Spaziergang. Doch das sind die Themen, für die man ein Aspen Institut, einen Think Tank braucht. „Die Welt brennt an allen Ecken und Ende, und es scheint kein Feuerlöscher da zu sein“, sagt Lentz. „Das ist bedrückend, aber wir dürfen auch nicht die Hände in den Schoss legen. Wir müssen uns, unsere Werte, wir müssen Europa verteidigen. Dazu brauchen wir auch eine politische Führung, also Menschen, die auch führen wollen und können.“

Und, ist Deutschland in einem guten Zustand, was das angeht? „Ich glaube, wir haben zu wenig Führung“, sagt der 67-Jährige. „Es wird sehr viel von Deutschland erwartet, wir können natürlich nicht alles leisten. Aber ich wünsche mir noch mehr Führung, wir sollten nicht nur das tun, was mehrheitsfähig ist, sondern das tun, was richtig ist.“ Ein Satz, der nachwirkt.

In Berlin ist Lentz, der Amerika-Freund, angekommen. Mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Künstlerin Petra Seebauer, lebt er in Kreuzberg. „Zu West-Berliner Zeiten wäre ich nie hierher gekommen, nach dem Fall der Mauer aber schon“, erinnert er sich. Er mag die Stadt, weil sie unfertig, weil sie immer in Bewegung sei. „Die Stadt hat noch Entwicklungspotenzial, sie kann sich noch besser verkaufen“, so Lentz. Von Hartmut Mehdorn, dem ehemaligen Flughafenchef, hat sich das Aspen Institut kürzlich erklären lassen, warum das so schief geht mit dem Flughafen BER („Es war ein vergnüglicher Abend, und wir haben auch einiges verstanden“), vom neuen Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat er einen ganz guten Eindruck. „Digitalisierung 4.0, das geht in die richtige Richtung. Wir wollen dabei auch mithelfen“, sagt Lentz.

Und für sein Institut, was wünscht er sich da? „Boris Johnson.“ Der Londoner Bürgermeister sagte die Einladung in diesem Jahr ab, aber 2016, da will Lentz es noch einmal versuchen. „Den Papst hätte ich natürlich auch gerne...“, sagt der Direktor – und lacht. Es war ein Scherz, auch wenn es mit Franziskus sicherlich viel, viel zu bereden gäbe.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.