Pliezhausen liegt idyllisch zwischen Obstwiesen und Neckar auf der Schwäbischen Alb. Zur Zeit kämpft das 9300-Einwohner-Dorf mit einer Frage, die ganz Deutschland bewegt: Wo finden wir Erstunterkünfte für Flüchtlinge? Das Landratsamt macht Druck: 2015 werden monatlich mehr als 100 Flüchtlinge erwartet, die ja irgendwo unterkommen müssen. Aber der Bürgermeister sieht sich einer breiten Ablehnerfront gegenüber. Die Anwohner – und in Pliezhausen sieht sich jeder als Anwohner – befürchten Lärm, Müll und Sicherheitsrisiken. Während Flüchtlingen in vielen anderen Gemeinden des Landkreises große Hilfsbereitschaft zuteil wird, passiert in Pliezhausen das Gegenteil.
Anders in der Samtgemeinde Hoya in Niedersachsen: Auch hier wird händeringend nach neuen Standorten gesucht, auch hier sind rund 100 Flüchtlinge unterzubringen. Die Zahl der Mietwohnungen ist erschöpft. Aber ein Netzwerk aus Einzelnen, Vereinen und Kirchen hat eine Willkommenskultur geschaffen.
Warum klappt die Unterbringung von Flüchtlingen in manchen Orten reibungslos, und warum stößt sie in anderen auf erbitterten, teilweise gewaltsamen Widerstand? Am Königsteiner Schlüssel, der die Verteilung von Flüchtlingen auf die Bundesländer je nach Steueraufkommen und Bevölkerungszahl regelt, kann es nicht liegen. Dieser Schlüssel ist ein reines Verwaltungsinstrument und berücksichtigt natürlich nicht die Gegebenheiten vor Ort. Manche Gemeinden oder Stadtbezirke haben kaum noch öffentliche Flächen, die sie zur Verfügung stellen könnten. Da muss manche Festwiese ran – aber während das in A-Dorf Ärger mit Vereinen provoziert, bildet sich in B-Dorf eine Helferinitiative.
Interessant ist, dass die Flüchtlingsunterbringung am ehesten da klappt, wo sie quasi auf vorbereiteten Boden trifft, nämlich auf eingespielte soziale Strukturen: aktive Kirchengemeinden, sozial engagierte Vereine, Orts- oder Stadtteil-Beiräte oder Kulturinitiativen, die sich in aktuelle politische Fragen einschalten (nicht immer zur Freude der Politik). Als im Bezirk Treptow-Köpenick ein neues Containerdorf für Flüchtlinge aufgestellt werden sollte, gab es prompt Mahnwachen und Proteste – aber sehr schnell auch ein breites Flüchtlingsunterstützerumfeld aus Initiativen des Allende-Viertels. Als in der Hamburger Messehalle B6 die ersten Flüchtlinge einzogen, stellte die große Stadtteilinitiative „St. Pauli selber machen“ innerhalb von Stunden ein Hilfsprogramm auf die Beine.
Solche Initiativen sind ein wirksames Gegengewicht zu Asylgegnern. Und sie sind die Gegenposition zu dem türenschlagenden Europa, das sich dem Flüchtlingsdrama verweigert. Selbst kleine funktionierende Gemeinden „bereiten sich vor, die Helferkreise werden vorab schon von den Kirchen organisiert, man sammelt vorher Spenden, spricht mit den Tafeln, schaut sich etwas bei anderen Gemeinden ab, und für die Arbeiten nutzt man die Freiwillige Feuerwehr“, schreibt der Blogger Don Alphonso in der „FAZ“ über seine Heimat Bayern. „Wenn der Bürgermeister, die Landfrauen, die Vorsitzenden von Schützenverein, Sportverein und Freiwilliger Feuerwehr und der Pfarrer das befürworten, dann ist noch lange nicht jeder glücklich oder begeistert, aber dann macht man das halt. Und sei es nur, damit niemand auf dem Dorfplatz auf Pappe schlafen muss.“ Die Bürger mitnehmen ist so ein Standardtextbaustein der Politik, der heute auf dem Prüfstein liegt. Wo Stadträte, Landräte oder Bürgermeister auch bisher gern „top down“ regiert haben, wo Gemeinden aus Verwaltungsgründen einfach zusammengelegt wurden, wo es keine gemeinsame Identität und keine sozialen Kerne gibt, sind Flüchtlingsfragen oft die Auslöser lange angestauter Empörung („Wir werden ja nicht gefragt“). So kann man Heidenau auch lesen.
Der Bürgermeister von Pliezhausen war überrascht über den Unmut, der ihm entgegenschlägt, zeigte aber Einsicht. Er habe die Pliezhäuser Bürger nicht in die Suche nach geeigneten Flächen mit einbezogen, räumte er im „Schwäbischen Tagblatt“ ein. Das sei ein Fehler gewesen.

