Sie haben sich bestimmt immer schon gefragt, wie Sportreporter auf ihre Themen kommen, nicht wahr? Wo die ihre messerscharfen Analysen hernehmen. Nichts interessiert Sie brennender als das. Ich weiß. Also lehnen Sie sich zurück! Ich erzähle es Ihnen.
Ich hatte eine wahnsinnig tolle Idee. Fand ich zumindest. Ich hatte mir Gedanken über Pal Dardai gemacht, den Cheftrainer von Hertha BSC. Der ist Ungar und spielt an diesem Freitag mit seiner Mannschaft gegen Werder Bremen in der Bundesliga. Bei Werder ist Viktor Skripnik Trainer – ein Ukrainer. Ungarn, Ukraine. Denk nach, Meyn!
Aber klar doch. Der Ostblock. Mangelwirtschaft. Und wenn Ossis etwas können sollen, dann ist es improvisieren. Ich schämte mich noch nicht einmal für die platte Reflexhaftigkeit meiner Gedanken, weil ich ja selbst Ostdeutscher bin – zumindest war ich es sieben Jahre lang.
Also schnell nachgeschaut, wie viele Trainer es heute eigentlich in der Bundesliga gibt, die in einer sozialistischen Gesellschaft groß wurden. Ergebnis: drei. Dardai, Skripnik und Dirk Schuster. Letzterer ist gerade mit Darmstadt von der dritten in die erste Liga durchmarschiert und kommt aus dem Ort mit dem ossigsten Namen überhaupt: Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Wenn das nicht nach Mangel, nach Pfusch am Bau und zimmerwarmem Bier klingt, weiß ich auch nicht mehr.
Sie müssen wissen, dass wir Sportreporter manchmal ziemlich gut darin sind, für eine These – ist sie erst einmal beschlossen – reichlich Argumente zu finden. Da passt dann plötzlich alles ganz wunderbar zusammen. Hier war es so: Alle drei Trainer wuchsen nicht gerade in einem materiellen Überfluss auf. Alle drei kommen aus einer kollektivistischen Kultur, in der die Gemeinschaft mehr galt als der Einzelne. Und – das war ja mein genialer Gedanke – alle drei bringen jene Osterfahrungen gerade in die Arbeit bei ihren Klubs ein: Dardai, Skripnik und Schuster müssen einen – mal mehr, mal weniger – großen Mangel verwalten und aus wenig viel machen. Ossis, wie sie sind, können sie das natürlich prächtig. Alle drei kommen dabei – mal mehr, mal weniger – stark über die Beschwörung des Kollektivs. Ob sie auch zimmerwarmes Bier mögen, wusste ich leider nicht. Aber egal. Die Geschichte stand.
Ich habe mir dann sogar noch die Mühe gemacht und einen Blick in die Zweite Liga riskiert. Und zack: Die eben erst er-, ähm, gefundene These wurde dadurch noch einmal belegt. In Liga zwei gibt es nämlich nur einen Ossi auf der Trainerbank: Torsten Fröhling bei 1860 München. Der stammt aus Bützow in Mecklenburg-Vorpommern. Da gab es zu Ostzeiten ein großes Möbelwerk. Und Fröhling muss die Löwen aus München ja auch gerade mächtig aufmöbeln, weil es im Verein vor allem an Fachkompetenz mangelt. Riesenpfusch am Bau also. Heute steht ein Knast in Bützow. Wie Insassen fühlen sich bestimmt auch einige Spieler bei 1860. Junge, Junge. Die Geschichte wird immer besser, dachte ich.
Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum diese überragende Story niemals erschienen ist. Lehnen Sie sich zurück! Ich erzähle es Ihnen.
Die Antwort lautet „Dagobert-Kaugummi“. Das sagte mir Dardai, als ich in dieser Woche mit ihm über seine Ostkindheit sprach. Er, so der 39-Jährige, habe keineswegs Mangel erlebt. „Ich hatte alles. Dagobert-Kaugummi, Adidas-Schuhe, Coca-Cola. Der Rest im Osten hat uns Ungarn doch immer dafür beneidet“, sagte Dardai.
Ich habe das nachgeschaut. Es stimmt. „Gulaschkommunismus“ ist das Stichwort. Ab den 60ern gab es in Ungarn eine vergleichsweise recht lockere Kultur- und Konsumpolitik. Scheibenkleister, dachte ich. Die schöne These ist hin. Was nun? Eine bewährte Lösung für derlei missliche Lagen ist, richtig, Skandalisierung. Kann doch nicht sein, dass von 36 Profiklubs in Deutschland nur vier von einem Ostblocker trainiert werden. Sie haben Glück. Ich habe mich besonnen. Auch diese Geschichte ist nie erschienen.

