Berlin

So ticken die Deutschen wirklich

Pünktlich und äußerst pflichtbewusst? Eine neue Untersuchung zeichnet ein ganz anderes Bild von uns Deutschen.

Berlin. Deutschland gilt als Republik der Akkuraten, Rationalen und Unterkühlten, deshalb liegt es nahe, den Beweis, dass alles anders ist, mit Zahlen zu führen. Mit 71, 46 und 82 zum Beispiel. 71 Prozent der deutschen Fußgänger gehen bei Rot über die Straße. 46 Prozent der Bürger glauben, dass es Landsleute mit hellseherischen Fähigkeiten gibt. 82 Prozent kuscheln gerne.

Akkurat, rational, unterkühlt? „Die Deutschen sind nicht so, wie man sie im Ausland häufig sieht“, sagt der Psychologe Holger Geißler, der die Zahlen gemeinsam mit Meinungsforschern erhoben hat: Sie seien nahbar, geradezu zärtlich – und sehr gelassen.

Geißler und das Institut YouGov leuchten das Land mithilfe Hunderter repräsentativer Umfragen aus. Sie zerstören das Bild des organisierten Pedanten, das die Welt noch immer von uns hat, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens GfK aus diesem Jahr zeigt. Geißlers Erhebung legt offen, was in Zahlenwerken des Statistischen Bundesamtes, der OECD oder der EU allenfalls durchscheint: die intime Seite der Deutschen. Ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihre Gedanken. Die nationale Seele. „Wie wir Deutschen ticken“, so hat Geißler das Buch genannt, das die Ergebnisse jetzt erstmals und exklusiv zusammenfasst. An diesem Montag erscheint es.

192 Seiten, 555 Grafiken, und doch kommt auch der Lesestoff nicht unterkühlt daher. Es ist ein humorvoller Blick auf das eigene Gemüt. Feinsinnige Unterhaltung, basierend auf preußisch genau erhobenen Statistiken. Ja, es geht auch um die großen Linien. Um Politik, Staat und Religion. Um jene Themen, die die Nation an ihren Stammtischen diskutiert – 14 Prozent der Deutschen haben übrigens einen. Mehr Europa oder mehr Nationalstaat? Euro oder D-Mark? Tief im Inneren jedoch zerreißen die Republik oft ganz andere Fragen. Aldi oder Lidl? Schaltung oder Automatik? Katze oder Hund? Berge oder Meer? Vor allem: Wein oder Bier?

Genuss bevorzugt

Aldi, Schaltung, Hund, Meer. So lauten die Antworten. Und: 57 Prozent der Deutschen bevorzugen Wein. „Sie mögen es elegant und genießen gern“, sagt Geißler. Absolut betrachtet kaufen sie zwar fünfmal mehr Bier. Dennoch ist ein Roter, ein Weißer oder ein Rosé offenbar das Getränk, das der Durchschnittsbürger höher schätzt. „Wir sind kein Land grobschlächtiger Biertrinker“, sagt Geißler. „Wir sind auch ein Land lebenslustiger Weinliebhaber.“

Lebenslust. Wein. Liebhaber. Das klingt nach Toskana und Côte d’Azur, nicht nach Pinneberg oder Gelsenkirchen. „Die Deutschen werden südländischer“, sagt Geißler. Nicht nur beim Genuss, sondern auch, wenn es um Nähe geht, um Berührung. Sind wir menschenscheu, wie im Ausland manche sagen? Küsschen links, Küsschen rechts oder eine Umarmung, so begrüßen sich Freunde hierzulande am liebsten. Acht von zehn Frauen empfangen einander derart herzlich. In der Kombination Mann/Frau sind es ähnlich viele, in der Paarung Mann/Mann immerhin noch ein Drittel. Pinneberg und Gelsenkirchen haben sich wohl die Variante der Franzosen abgeschaut.

Für den Lauf der Welt mögen die Fragen, die sich Geißler und sein kleines Team ausgedacht haben, nicht so wichtig sein. Doch sie könnten helfen, die Deutschen ein wenig besser zu verstehen. Dass „Mensch ärgere Dich nicht“ ihr Lieblingsspiel ist und 77 Prozent von ihnen gerne Besuch zu Hause empfangen, sagt ja auch etwas aus. Die Leute sind gesellig. Das allerdings nicht gerne mit einer Beitrittserklärung. Der spöttische Satz, wenn sich drei Deutsche treffen, gründen sie zuerst einen Verein, ist Klischee. Kegelklub, Kleingarten, Schützengesellschaft? Mögen die Befragten gar nicht. Lediglich Sportvereine haben einen großen Zulauf.

Ziemlich cooler Typ

Auch Volksfeste sind nichts für die Bürger, anders als es die verbreitete Meinung nahelegt. Die Deutschen feiern am liebsten auf Geburtstagen, Hochzeiten oder Firmenfesten. Dann aber richtig: Jeder Vierte hat schon einmal vergessen, wie er nach Hause gekommen ist. Jeder Zwanzigste ist neben einer Person aufgewacht, an deren Namen er sich nicht erinnern konnte. Auch diese Seite des Landes, die sympathisch-chaotische, zeigen Geißlers Grafiken.

Fügt man sie zusammen, die 555 Schaubilder, verschmilzt man sie zu der Idee eines Menschen, zu einem gedachten Bürger, dann käme vor allem eines heraus: Der Deutsche ist ein ziemlich cooler Typ.

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