Berlin –

Vom Weltmeister zum Buhmann

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Schümer

In Europa wird nach dem harten Griechenland-Kurs wieder gegen Deutschland gehetzt

Berlin –.  Da ist er also wieder: der hässliche Deutsche. Wir hatten fast schon vergessen, wer das war. Aber nun stößt uns die halbe Welt mit der Nase drauf. Der hässliche Deutsche – das ist dieser spießige Fiesling, der bedenkenlos kleine Nationen niederwalzt. Der hässliche Deutsche kann im Rollstuhl sitzen und mit sturer Überzeugung den europäischen Partnern sein Nein entgegenschleudern. Die hässliche Deutsche kann aber auch eine mollige Mutti sein, die, statt ans Wohl der darbenden Welt zu denken, panisch das Portemonnaie zukneift und nicht einmal von den Tränen eines Flüchtlingsmädchens zu erweichen ist. Machen wir uns also nichts vor: hässliche Deutsche – das sind wir alle.

Dabei hatte es exakt vor einem Jahr doch noch ganz anders ausgesehen. Damals feierte der Planet die deutschen Fußballweltmeister. Wir wurden repräsentiert durch zwei Dutzend smarte Sportler, die fantasievoller spielten als die Brasilianer und die Verlierer auch noch trösteten wie wohlerzogene Schwiegersöhne. Die Deutschen als Volk der systematischen Problemlöser, der langfristigen Planer und bescheidenen Siegertypen.

Soll das alles falsch gewesen sein? Statt eines modebewussten, gut gekämmten Schwarzwälders, dessen Leitspruch „Höggschde Konzentration!“ zum Motto der EU taugte, raunt jetzt ein anderer Schwarzwälder: „Isch over!“ Können wir der Welt erklären, dass beide Facetten unserer Daseinsweise – Weltmeister und Wachtmeister – irgendwie untrennbar zusammengehören? Dass wir alle nichts gewinnen, wenn die Deutschen immer nur abgeben? Es sieht ganz so aus, als sei es fürs Argumentieren zu spät. Der Deutschenhass ist längst über Griechenlands Grenzen geschwappt und hat alles überspült. Von Staatsfolter ist in Italiens Medien die Rede. Vom germanischen Machtwahn „über alles“. Vom genetischen deutschen Trieb nach Allmacht. Vom Vierten Reich. In Portugal wird Schäuble mal eben zur größten Bedrohung des Kontinents erklärt, weit vor Islamismus, Terrorismus, Populismus. Es gibt kein Halten mehr.

„Unvorstellbare Demütigungen“

Die digitale Kampagne #BoycottGermany, mit der jetzt von Siemens bis Oetker die lange so beliebten Marken bestreikt werden, entstand in Spanien. Und Österreichs Kanzler Werner Faymann stieß, wenn auch etwas diplomatischer, ins gleiche Horn: Deutschland habe mit seiner „Provokation“ Ansehen verspielt. Und Italiens Premier Matteo Renzi sprach von „unvorstellbaren Demütigungen“ des griechischen Volkes. Ein Janis Varoufakis darf den Grexit fordern und bleibt sexy wie Che Guevara; ein Wolfgang Schäuble, der dasselbe tut, wird spontan zum Albert Speer erklärt. Und wir hässlichen Deutschen lernen vom egoistischen Ausland, dass man es in Resteuropa gar nicht elegant findet, wenn sich die deutsche Regierung um deutsche Wähler und deutsche Interessen kümmert.

Die Rolle des Bösewichts in diesem Drama ist nun mal vorab vergeben. Der französische Ethnologe Marcel Mauss hat in seinem Standardwerk „Die Gabe“ schon 1923 an spendablen Indianerstämmen nachgewiesen, dass der reiche Protz sich unbeliebt macht und alle Sympathien stets dem Habenichts zufliegen. Verschenken macht Feinde – wir hätten das vorher bedenken sollen.

Mit der Rollenzuteilung und dem Hinweis auf die Nazivergangenheit appelliert man pfeilgrad an den deutschen Schuldkomplex. Schäubles Hitlerbärtchen und Merkels straffe SS-Uniform funktionieren immer wieder prächtig. Wir können uns darüber reflexhaft aufregen und argumentieren, dass die Fakten doch ganz andere sind, dass zwischen Endlösung und Eurorettung gewisse inhaltliche Differenzen bestehen. Doch es hilft nichts.

Es gibt für uns hässliche Deutsche natürlich die Möglichkeit des vorauseilenden Gehorsams. Der liegt uns ja im Blut. Wir können uns also zerknirscht an die Brust schlagen, weil wir nicht noch viel mehr bezahlen. Grüne Spitzenpolitiker gehen diesen Weg der Pauschalentschuldigung, wenn sie sich auf dem Syntagma-Platz zum politischen Bußgottesdienst aufstellen. Dabei hätte es ohnehin nicht geklappt, wenn sich Angela Merkel beim Brüsseler Machtpoker diskret zum Nickerchen zurückgezogen und den unbarmherzigen Letten und Slowaken Kommando und Scheckbuch überlassen hätte. Dieselben globalen Giftspritzen gegen hässliche deutsche Allmacht hätten dann deutsche Feigheit gegeißelt.

Hass und Klischees

Gerade von der einstigen Weltmacht Großbritannien können wir lernen, mit Hass und Klischees umzugehen. Wenn man es ohnehin keinem recht machen kann, dann entschuldigt man sich nicht und man beschwert sich auch nicht. Man buhlt nicht um Zuwendung und ignoriert die Häme – wie ein echter Gentleman. Doch die Deutschen, die in ihrer jüngeren Geschichte so viel Grund zum Entschuldigen und so wenig Grund zum Beschweren hatten und mit ihren allzeit kaputten Gewehren und Hubschraubern nie eine Großmacht sein werden, fremdeln mit der unerwarteten Rolle des Buhmanns. Wir wollten doch nur, dass alle anderen uns lieb haben. Wir wollten so elegant dastehen wie Jogi Löw. Und nun kommen wir so verbissen rüber wie Wolfgang Schäuble. Das einzig Tröstliche an diesem hinterhältigen Spiel, in dem wir niemals Weltmeister werden: Irgendwann isch over.

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