Sie sind oft noch Kinder, doch sie haben schon mehr erlebt, als sie eigentlich aushalten können: Die wachsende Zahl junger Flüchtlinge, die ohne Eltern oder Verwandte nach Deutschland kommen, bringt die Jugendämter in Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Dortmund an ihre Grenzen. Die Bundesregierung will ihre Lage jetzt per Gesetz verbessern: allein reisende Kinder und Jugendliche sollen über das ganze Bundesgebiet verteilt werden.

„Die Versorgung dieser Kinder und Jugendlichen spitzt sich dramatisch zu“, sagte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) nach dem Kabinettsbeschluss am Mittwoch. Allein von Januar bis Mai 2015 kamen laut Ministerium rund 4100 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland – insgesamt leben inzwischen mehr als 22.000 von ihnen unter der Obhut der deutschen Jugendämter. Sie sind vor Krieg, Zwang und Gewalt geflüchtet: „Viele“, sagt Schwesig, „sind auch traumatisiert.“ Neben den Großstädten, wo viele junge Flüchtlinge ankommen, sind vor allem Kommunen in Grenzregionen oder an Verkehrsknotenpunkten besonders gefordert.

Bislang gilt, dass minderjährige Flüchtlinge dort untergebracht und betreut werden müssen, wo sie zum ersten Mal behördlich erfasst wurden. Die Regelung war ursprünglich gut gemeint: Sie sollte verhindern, dass Kinder und Jugendliche nach ihrer Flucht nicht auch noch innerhalb von Deutschland weitergeschickt werden, sondern an dem Ort zur Ruhe kommen, den sie angesteuert haben. In der Praxis aber heißt das heute: Einige Städte betreuen Tausende allein reisende Flüchtlingskinder – andere gar keine. „Systematische Kindeswohlgefährdung“ nennt Andreas Dexheimer von der Diakonie in München das, was sich an den Brennpunkten daraus entwickelt hat: überbelegte Unterkünfte, verschleppte medizinische Versorgung, zu wenig geschultes Personal. „Wir haben oft nicht mal Zeit, die Kinder in den Arm zu nehmen.“

Auch in Berlin hat sich die Lage verschärft. Martina Mauer vom Berliner Flüchtlingsrat warnt: „Die Unterbringung ist aktuell sehr prekär. Jugendliche werden provisorisch untergebracht und es ist fraglich, ob überall eine ausreichende pädagogische Versorgung gewährleistet ist.“ Allein 2014 kamen mehr als 1000 allein reisender Kinder nach Berlin. Gegenüber 2011 hat sich diese Zahl damit verdoppelt.

Beobachter rechnen unterdessen damit, dass die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in nächster Zeit weiter steigt – und dass immer jüngere Flüchtlinge ankommen: „Es ist kein Zufall“, sagt Flüchtlingsexperte Andreas Dexheimer, „dass neuerdings so viele junge Kinder kommen.“ Schleuser würden Kinder oft von ihren Eltern trennen und vorausschicken, um auf diese Weise den Druck auf die Familien zu erhöhen. Die Mehrheit der allein reisenden Flüchtlinge ist nach wie vor mehr als 16 Jahre alt, doch es kommen auch schon Kinder im Grundschulalter. „Der Jüngste bei uns war ein Achtjähriger aus Eritrea“, sagt Dexheimer.

Ab Januar 2016 sollen die jungen Flüchtlinge nach einer Quotenregelung bundesweit auf die Jugendämter verteilt werden. Dazu werden unbegleitete junge Flüchtlinge zunächst an ihrem Ankunftsort in Obhut genommen und gesundheitlich untersucht, dann aber soll kurzfristig entschieden werden, welches Jugendamt den Flüchtling auf Dauer betreut, versorgt und unterbringt. Die Länder hätten zugestimmt, versichert Schwesig. Auf freiwilliger Basis könnte die neue Verteilung bereits in diesem Sommer anlaufen. Die Jugend- und Flüchtlingsexperten der Grünen kritisieren die Regelung scharf: Schwesig missachte das Kindeswohl. Es sei „illusorisch“, innerhalb weniger Tage nach der Ankunft festzusetzen, wohin der junge Mensch verschoben werde. Eine Klärung des individuellen Bedarfs an medizinischer und psychologischer Betreuung sei da nicht möglich. Die Linksfraktion im Bundestag ärgert vor allem, dass die Verteilung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge „nach bürokratischen Quoten“ ablaufen solle – „anstelle einer strikt am Kindeswohl orientierten Unterbringung“. Auch der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge lehnt die Quotenregelung ab. „Zwang, Nichtinformation, Nichtbeteiligung und Transitwartezeiten werden die Jugendlichen dazu treiben, ihre eigenen, gefahrvollen Wege zu suchen.“

Schwesig will mit dem neuen Gesetz nicht nur die Brennpunktstädte entlasten – sondern auch den jungen Flüchtlingen mehr Rechte verschaffen: 16- und 17-Jährige sollen im Asylverfahren künftig nicht mehr wie Erwachsene behandelt werden, sondern bekommen einen gesetzlichen Vertreter an die Seite. Bei der Neuregelung des Bleiberechts hatte sich die Koalition zudem darauf geeinigt, dass junge Flüchtlinge, die eine Lehre beginnen, für die Dauer der Ausbildung vor Abschiebung geschützt sind und anschließend eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhalten können.

Verdoppelt Die Zahl unerledigter Asylanträge in Deutschland hat sich seit dem gleichen Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Ende Juni war über die Anträge von 237.877 Menschen noch nicht entschieden worden, wie die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ (Mittwoch) unter Berufung auf aktuelle Erhebungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge berichtet. Das seien 110 Prozent mehr als Ende Juni 2014.