Es war eine der längsten Sitzungen in ihrer politischen Karriere. Mehr als 17 Stunden hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Sonntagnachmittag bis Montagmorgen ohne Pause verhandelt. 27 Stunden kam sie ohne Schlaf aus. Dann, um 9.20 Uhr, folgte die Pressekonferenz nach dem Marathongipfel der Euro-Regierungschefs in Brüssel. Die Kanzlerin präsentierte sich in Bestform: konzentriert, schlagfertig und gut gelaunt wie selten.
Sie hatte es geschafft. Endlich, nach monatelangen quälenden Verhandlungen, zeigte sich der griechische Regierungschef Alexis Tsipras bereit, im Gegenzug für ein neues Hilfspaket in Höhe von bis zu 86 Milliarden Euro harte Reformen durchzuführen und eine weitgehende Kontrolle durch die Gläubiger zuzulassen. Beides hatte er zuvor vehement immer wieder abgelehnt. Nur acht Tage ist es her, dass er die Griechen dazu aufgerufen hatte, in einem Referendum Spar- und Reformauflagen aus Brüssel abzulehnen. Als einen „Sieg der Demokratie“ hatte er es bezeichnet, dass ihm die Griechen folgten. Eine bessere Verhandlungsposition versprach er sich. Doch in der Nacht zum Montag musste er dann doch einlenken. Änderungen bei der Mehrwertsteuer und im Rentensystem sollen schon am Mittwoch vom Parlament in Athen verabschiedet werden. Die Kanzlerin, heute im weißen Blazer, beschrieb die Situation so: „Die Vorteile überwiegen die Nachteile. Die Grundprinzipien wurden eingehalten. Ich glaube, dass Griechenland auf einen Wachstumspfad zurückkehren kann.“
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erklärte später, es gebe keine Gewinner und auch keine Verlierer. „Ich denke, es wurde weder das griechische Volk gedemütigt noch haben die anderen Europäer ihr Gesicht verloren.“ In den frühen Morgenstunden habe man ein „typisches europäisches Arrangement“ gefunden. Vorangegangen waren schwierige Verhandlungen. Es sei auch „die Nacht der Spielchen“ gewesen, berichten diejenigen, die dabei waren. Mehrfach sei Merkel, erbost über Tsipras, aufgesprungen. „So kommen wir nicht weiter“, soll sie gerufen haben.
Viele Gespräche in kleinem Kreis
Tsipras ließ sich davon lange Zeit nicht beeindrucken. „Ich muss das mit Athen besprechen“, hatte er immer wieder gesagt, wenn es brenzlig wurde. Der junge Regierungschef fürchtete, dass er viele der Bedingungen nicht in seiner Regierungspartei Syriza durchsetzen könnte. Immerhin hatten ihm mehrere Abgeordnete schon am Donnerstag, als das Parlament über einen Reformkatalog befand, die Gefolgschaft verweigert.
Es waren Fragen, die auch im kleinen Kreis besprochen wurden. Merkel, Frankreichs Staatspräsident François Hollande und EU-Ratspräsident Donald Tusk knöpften sich Tsipras zwei Mal für insgesamt mehr als sechs Stunden im so genannten Beichtstuhlverfahren vor – damit werden im EU-Jargon vertrauliche Einzelgespräche mit dem Präsidenten des Europäischen Rats bezeichnet, der auf dieser Grundlage mögliche Kompromisslinien formulieren kann. Gleichzeitig musste Merkel dafür sorgen, dass sich Hollande und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi mit ihrer Forderung nach einem „schnellen Deal“ nicht einfach durchsetzten. „Es kann keinen Einigung um jeden Preis geben“, sagte Merkel immer wieder.
„Wie war die Atmosphäre, Frau Bundeskanzlerin?“, fragte ein Journalist. „Sie war eigentlich für die vielen Stunden sehr sachlich“, antwortete Merkel. Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann wurde deutlicher: „Die Anstrengungen waren sehr intensiv, die Diskussionen sehr kontrovers. Und die Umsetzung der Reformen wird ein harter Weg werden“. Eine weitere Frage an Merkel: „Befinden wir uns in einem deutschen Europa?“ Merkel lächelte kurz und antwortete kühl: „Ganz zum Schluss haben wir ein gemeinsames Stück zusammen bekommen. Das zählt“.
Dabei waren sich Merkel und Hollande auch in dieser Nacht nicht immer einig darüber gewesen, wie weit sie den Griechen entgegenkommen sollen. Überhaupt: Die Gräben zwischen den 19 Euro-Regierungen über den richtigen Kurs gegenüber Athen waren gerade am Anfang der Verhandlungen tief. Zahlreiche Länder wie Deutschland, die Niederlande, Finnland oder die Slowakei forderten mehr Härte gegenüber Tsipras; Frankreich, Italien oder Zypern waren wesentlich konzilianter.
Es war ein Gipfel, der auch das Vertrauensverhältnis zwischen Frankreich und Deutschland auf das Härteste strapazierte. Viele Stunden habe sie mit dem französischen Staatspräsidenten Hollande verbracht, sagte Merkel, so viele wie seit den Bemühungen um ein Friedensabkommen in der Ukraine nicht mehr. Frankreich hatte sich in den vergangenen Tagen für ein Abkommen mit Griechenland starkgemacht. Es waren Experten aus Paris, die der griechischen Regierung dabei halfen, das Papier mit Reform- und Sparmaßnahmen zu formulieren. Gegen die von Bundesfinanzminister Schäuble vorgebrachten Pläne eines Grexits auf Zeit sperrten sie sich.
Staatspräsident Hollande verteidigte seine Linie. „Worum es mir ging, war mehr als das Interesse Griechenlands, es war das Interesse Europas“, sagte er nach Abschluss des Krisengipfels. Der Sozialist sagte, ein Teil der Abmachung betreffe Schuldenerleichterungen für das pleitebedrohte Land. So sollten Kreditlaufzeiten verlängert werden. Diese Erleichterungen waren bereits vor drei Jahren von der Eurogruppe in allgemeiner Form zugesagt worden.
Die Stimmungslage ging laut hohen EU-Diplomaten immer wieder „auf und ab“. Etwa gegen 23 Uhr in der Nacht zum Montag hieß es in Diplomatenkreisen, ein Scheitern des Gipfels – und damit der Grexit – sei nicht mehr auszuschließen.
Dann gab es auch immer wieder Momente der Hoffnung. Gegen 4.09 Uhr twitterte der Sprecher von Tusk, der EU-Ratspräsident wolle einen Kompromiss vorlegen. Ein gutes Signal – es verrauchte schnell. Tsipras lief nach mehr als zwölf Stunden Verhandlungen gegen 4.30 Uhr in der Nacht noch einmal zur Hochform auf. Er zeigte sich lange Zeit nicht bereit, die volle Einbindung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Überwachung des neuen Hilfsprogramms zu akzeptieren.
Das erinnere die Griechen zu sehr an die alten Zeiten der Troika-Inspektionen von IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank (EZB). Erst zur Frühstückzeit bewegte sich Tsipras endlich und akzeptierte die Forderung. „Er hatte keine andere Wahl, er pokerte aber bis zuletzt“, sagte ein Diplomat. Weiterer wichtiger Streitpunkt bis ganz zuletzt: die Einrichtung eines Privatisierungsfonds in Athen, in den griechische Vermögenswerte in Höhe von 50 Milliarden Euro übertragen werden sollen und für Schuldentilgung, die Rekapitalisierung von Banken und Investitionen eingesetzt werden. Tsipras wehrte sich heftig gegen die Zahl 50, er wollte offenbar einen Wert unter 20. Ebenfalls hoch umstritten: Die Regierung von Tsipras hatte ohne Zustimmung der Gläubiger kostspielige soziale Maßnahmen, wie Lebensmittelmarken, eingeführt und auch darum die Sparziele verfehlt. Vor allem die niederländische Regierung forderte, diese Maßnahmen zurückzunehmen oder aber an anderer Stelle zu sparen.
Nun richten sich alle Augen auf Alexis Tsipras, der das in Brüssel gefundene Ergebnis in Athen verteidigen muss. Als der Regierungschef das Ratsgebäude verließ, in dem 17 Stunden verhandelt worden war, da hatte er leicht rote und schwere Augen. Doch er ging aufrecht und lächelte. Er scherzt mit den umstehenden Journalisten, dann berichtet er davon, dass er in den vergangenen Monaten hart für einen würdevollen Deal für die Griechen gekämpft habe. Erfolgreich, findet er. „Wir haben einen gerechten Kampf geführt“, sagte der Regierungschef. „Wir stehen jetzt vor schweren Entscheidungen.“ Seine Regierung habe „extreme Maßnahmen“ verhindert. Der junge Regierungschef verteidigte den Kompromiss.

