„Je suis Charlie“

Enormer Andrang bei „Charlie“-Gedenken in Paris und Berlin

Frankreichs Präsident Hollande empfängt in Paris Staatschefs zum Gedenken. „Heute schlägt das Herz Europas französisch“, so Bundesaußenminister Steinmeier. 18.000 Menschen versammeln sich in Berlin.

Foto: Reto Klar

Schon Stunden vor dem Marsch gegen den Terror ist der Platz der Republik in Paris schwarz vor Menschen. Nach der islamistischen Gewaltserie wollen Hunderttausende ihre Solidarität mit den 17 Opfern demonstrieren. Dutzende Staats- und Regierungschefs sind zu dem historischen Schweigemarsch gekommen. Sie stellen ihren Schulterschluss mit Frankreich und dem von einem schweren Attentat heimgesuchten Satiremagazin „Charlie Hebdo“ unter Beweis.

Die Mobilisierung ist beispiellos. Beispiellos waren aber auch die Verbrechen, die das Land über Tage in Atem hielten. Paris ist deshalb in einem Ausnahmezustand – es gilt die höchste Sicherheitsstufe.

„Paris ist heute Welthauptstadt“ – Welthauptstadt der Solidarität und Geschlossenheit, ruft Staatspräsident François Hollande aus, bevor er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas einreiht. Hollande und Merkel haken sich kurz ein. Viele internationale Medien sind präsent, wie TV-Kameras auf Kränen und Übertragungswagen zeigen.

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Drei oder, je nach Route, dreieinhalb Kilometer sind es, die an diesem Sonntag unter dem teils bewölkten Pariser Himmel zurückgelegt werden. Auf den Dächern wachen Scharfschützen über die Sicherheit der prominenten Demonstranten, Polizei und Militär begleiten die Menge. Die Kanalisation haben sie zuvor auf Bomben kontrolliert.

„Je suis Charlie, policier, juif“ (ich bin Charlie, Polizist, Jude) steht auf dem Schild einer jungen Demonstrantin, die damit gleich an alle Opfer der schlimmen Serie von Attentaten und Geiselnahmen der vergangenen Tage erinnert. Denn in einem koscheren Geschäft fielen vier Menschen einem der drei islamistischen Gewalttäter zum Opfer.

„Nicht der Islam hat uns angegriffen“

Seitdem geht ein Ruck durch Frankreich, gespeist von Entsetzen und Wut, vom Wunsch nach Anteilnahme und Solidarität. „Ich bin Charlie“, das hat sich die Lehrerin Gudrun auf Deutsch für den Marsch gemalt, um sich in den großen Marsch zu der Place de la Nation einzureihen.

„Holt eure Stifte heraus“, fordern Schilder in Verbeugung vor den vier Cartoonisten, die neben acht anderen Menschen beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ kaltblütig umgebracht worden waren. „Die Franzosen sind stark in solchen Augenblicken“, meint der 18-jährige Xavier Declerck, um ganz differenziert anzufügen: „Nicht der Islam hat uns angegriffen, es sind Terroristen, die uns angegriffen haben.“

Trotz wechselhaften Winterwetters fühlen sie sich durch die internationale Solidarität gewärmt. Und diesmal folgen sie ihrem sonst nicht sehr geschätzten sozialistischen Staatschef Hollande, der diese Losung ausgegeben hatte: „Das Land muss sich erheben.“ Die nationale Einheit, das Zusammenrücken sollten manifestiert werden. Und so gehen auch am Sonntag nicht nur in Paris Hunderttausende „Charlies“ auf die Straße, viele mit der französischen Trikolore ganz fest in der Hand.

Im „Hochsicherheitstrakt Paris“ kommt es zum Verkehrschaos: Zehn Metro-Stationen sind von vorneherein geschlossen, Zehntausende müssen kilometerweit bis zum Platz laufen, weil die Transportmittel bereits überquellen. In den langen Strom zur Kundgebung haben sich auch der kleine Yves und die kleine Claudine, etwas fröstelnd, eingereiht. Sie haben sich „Charlie“-Schildchen mit großen roten Herzen gebastelt.

Auch die schwarzen „Charlie“-T-Shirts haben sich schon gut verkauft, von Demonstranten trotzig vorgeführt. Diese Solidaritätsbekundung, die um die ganze Welt gegangen ist, hat sich ein Mann auf die Stirn geschrieben. All das soll heißen: Hier ist ein Land aufgebrochen, in der Hoffnung, dass das nicht gleich wieder abebbt.

Steinmeier „tief bewegt“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich „tief bewegt“ über den großen Gedenkmarsch in Paris gezeigt. Hunderttausende Menschen seien zu der „gewaltigen Kundgebung“ gekommen, „um gemeinsam ein Zeichen der demokratischen Stärke und Einheit der französischen Gesellschaft zu setzen“, erklärte Steinmeier, der am Sonntag gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und weiteren Mitgliedern der Bundesregierung an der Demonstration teilnahm.

„Wir sind heute nach Paris gekommen, um unsere europäische Solidarität mit Frankreich und den Opfern der brutalen Anschläge der letzten Tage zu zeigen“, erklärte Steinmeier. „Das Signal an die Menschen hier in Paris ist: Wir stehen fest und entschieden an der Seite unserer französischen Freunde und Nachbarn.“ Frankreich könne sich auch in schweren Zeiten auf seine Freunde verlassen. „Heute schlägt das Herz Europas französisch“, fügte Steinmeier hinzu.

Die Anschläge hätten sich nicht nur gegen Frankreich gerichtet, erklärte Steinmeier zur Begründung. „Sie richteten sich gegen uns alle. Sie richteten sich gegen unsere Demokratien, unsere Werte und unsere offenen Gesellschaften“. Frankreichs Trauer sei daher auch „unsere Trauer“. Frankreichs Entschlossenheit, für Freiheit und Demokratie einzustehen und sich nicht von Terror und Terroristen einschüchtern zu lassen, sei „auch unsere Entschlossenheit“.

Die in Paris versammelten internationalen Staats- und Regierungschefs beendeten nach einer guten Viertelstunde ihre Teilnahme an dem großen Pariser Solidaritätsmarsch. Der französische Staatspräsident François Hollande blieb am Sonntagnachmittag an Ort und Stelle und sprach mit den Angehörigen der Opfer, wie französische Medien berichteten. Zuvor hatte der 60-Jährige viele der Staats- und Regierungschefs umarmt.

Merkel würdigt „weltweite Unterstützung“

Nach dem großen Gedenkmarsch in Paris für die Opfer der islamistischen Anschlagsserie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die „weltweite Unterstützung“ für Frankreich gewürdigt. Die Bilder von dem „Republikanischen Marsch“ in der französischen Hauptstadt, an dem auch Merkel teilnahm, hätten zudem ein „Meer von Menschen“ gezeigt, sagte die Kanzlerin am Sonntagnachmittag vor Journalisten in Paris. „Das zeigt, es gibt viele, die sich für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stark machen.“

Merkel hob auch die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft hervor und verwies darauf, dass die Deutschen „in diesen schweren Stunden an der Seite aller Menschen in Frankreich stehen und ihnen viel Kraft wünschen“. In Berlin gedachten nach Angaben der Polizei rund 18.000 Menschen der Opfer.

Auch Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) nannte die Demonstration ein Zeichen für Toleranz und Meinungsfreiheit. Der Marsch sei ein „trauriger Anlass“, zugleich mache er aber auch „selbstbewusst und zeigt, dass wir eine ganz große Verbundenheit in Europa haben“.

Zu der Demonstration, bei der mehr als eine Million Menschen in der französischen Hauptstadt teilnahmen, waren zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt gekommen. Schon Stunden vor dem großen Gedenkmarsch hatten sich in Paris tausende Menschen versammelt. Unter strahlend blauem Himmel strömten bereits am Mittag zahlreiche Menschen in Richtung Place de la République, wo der Gedenkzug am Nachmittag unter Teilnahme von Familienmitgliedern der Opfer startete. Einigen Demonstranten standen die Tränen in den Augen in Erinnerung an die fürchterliche Anschlagsserie, die zwischen Mittwoch und Freitag insgesamt 17 Menschen das Leben gekostet hatte. „Ich will zeigen, dass wir keine Angst vor den Extremisten haben. Ich will die Meinungsfreiheit verteidigen“, sagte die 70-jährige Jacqueline Saad-Rouana.

Tausende gedenken in Berlin der Terroropfer

Rund 18.000 Menschen haben in Berlin der Opfer der Terrorattacken in Paris gedacht und ihre Solidarität bekundet. Das teilte die Polizei am Sonntag mit. Trotz Sturms versammelten sie sich auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor, wo die französische Botschaft liegt, und den umliegenden Straßen. Einer von ihnen ist Nil. Der hat erst vor wenigen Tagen gelernt, was Terrorismus ist. Seine Mutter Khadija Bouassida hat es ihrem neunjährigen Sohn nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ erklärt. Mit einem kleinen Holzschild steht Nil jetzt in der Menge vor der französischen Botschaft am Pariser Platz.

Auf seinem Schild steht: „Ich bin Charlie“. Auf der anderen Seite die gleichen Worte in Französisch: „Je suis Charlie“. „Ich bin für Charlie und gegen Terroristen“, sagt er. „Wir sind nicht mehr sicher. Das, was in Paris geschehen ist, kann jederzeit wieder passieren“, sagt seine Mutter. Sie ist halb Französin, halb Tunesierin. Als sie ihrem Sohn erzählte, dass sie gemeinsam vor die französische Botschaft gehen würden, sagte er, er habe Angst. Denn die Terroristen, die die Zeichner von Charlie Hebdo töten wollten, müssten ja auch ihre Unterstützer hassen. „Das hat mir einen ganz schönen Stich versetzt“, sagt Khadija Bouassida.

„Je suis Charlie“ als Projektion an der Botschaft

In großen Lettern sind die Worte „Je suis Charlie“ an die Fassade der französischen Botschaft projiziert. Die Menschen halten Bilder der Opfer in die Höhe, weiße Blumen, Karikaturen und Stifte, das Arbeitswerkzeug der Zeichner bei „Charlie Hebdo“. An Laternenmasten hängen schwarze Plakate mit den Namen der 17 Opfer. Die Namen der Zeichner, Polizisten, Studenten. Vor der Botschaft legen die Menschen wie schon in den Tagen davor Blumen nieder, zünden Kerzen an. Liesa Vos legt ein Plakat zwischen die Blumen. Aus bunten Bleistiften hat sie das Wort „Charlie“ aufgeklebt. „Ich finde, der Bleistift ist so ein tolles Symbol. Er steht für das Recht, alles sagen zu dürfen“, sagt die Künstlerin, die aus den Niederlanden stammt. „Meinungsfreiheit ist so verdammt wichtig.“

Auch viele Franzosen sind an diesem Tag auf den Pariser Platz gekommen. Um Solidarität mit ihren Landsleuten zu zeigen. „Diese Terroristen haben unsere Werte angegriffen“, sagt Cedric Mollaret. „Es gibt ein ,Vor-‘ und ein ,Nach-dem-7.-Januar-2015‘. Das habe ich auch meinem Sohn erklärt.“ Der ist acht Jahre alt und hält genau wie sein Vater ein Schild in die Höhe. „Ich bin gekommen, weil ich für die Pressefreiheit bin“, sagt Maximilian.

Gedenken auch in anderen Städten Frankreichs

Nicht nur in Paris – auch in zahlreichen anderen Städten in ganz Frankreich haben am Sonntag Hunderttausende Franzosen ihre Solidarität mit den Opfern der jüngsten Terroranschläge demonstriert. Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete von mindestens einer halben Million Teilnehmern bei Aufzügen außerhalb der Hauptstadt. Bereits am Samstag seien in ganz Frankreich 700 000 Menschen auf die Straße gegangen.

Allein im Elsass demonstrierten am Sonntag Zehntausende Menschen ihre Solidarität mit den ermordeten Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. In Straßburg beteiligten sich nach Angaben der französischen Präfektur mehr als 30.000 Menschen an dem kilometerlangen Demonstrationszug, mehr als 26.000 demonstrierten im südelsässischen Mülhausen, in Colmar waren es etwa 10.000.

Auf Schildern stand „Wir sind alle Charlie“ in mehreren Sprachen. Einige hielten überdimensionale Bleistifte aus Pappe oder Holz als Symbol der Meinungsfreiheit. Vertreter der Religionsgemeinschaften und Regionalpolitiker liefen an den Spitzen der Züge.

Zwei Islamisten hatten am Mittwoch die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in Paris angegriffen und dort sowie auf der Flucht zwölf Menschen erschossen. Ein Gesinnungsgenosse tötete später bei einem Angriff auf eine Polizistin und einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt insgesamt fünf Menschen. Die drei Islamisten wurden am Freitagnachmittag bei Einsätzen von der Polizei erschossen.

Foto: YVES HERMAN / REUTERS