Berliner Morgenpost: Herr Schröder, haben Sie heute schon Kinderdienst gehabt?
Gerhard Schröder: Jawohl! Ich bin um halb sieben aufgestanden, habe Brote für Gregor geschmiert und dann die beiden Kinder zur Schule gebracht.
Was war auf den Broten?
Leberwurst. Bioqualität! Und ein Apfel dazu. Obst ist immer dabei. Das ist ein Muss.
Und der Apfel kommt dann, wie bei den meisten Kindern, mittags heil und unversehrt wieder zurück?
Nein, der ganze Apfel kommt nie zurück. Mindestens zum Teil wird er brav gegessen.
Was gab es Weihnachten für Geschenke für die Kinder?
Viktoria hat ein Mikroskop bekommen, für Gregor gab es etwas zum Zusammenbauen. Er ist sehr begabt im Zusammenbauen und legt großen Wert darauf, dass die Altersangabe auf der Packung oberhalb seines Alters beginnt.
Haben Sie die Geschenke besorgt?
Psst! Doch nicht verraten! Bei Gregor bringt doch noch das Christkind die Geschenke.
Wird bei Ihnen in der Familie noch zusammen gespielt? Oder hockt man höchstens mal zusammen vor dem Fernseher?
Nein. Wir spielen gerne zusammen. Ich finde zum Beispiel „Mensch ärger dich nicht“ immer noch ein tolles Spiel. Allerdings, anders als der Titel es verlangt, ärgere ich mich doch sehr, wenn ich kurz vor Schluss rausfliege.
Lassen Sie Ihre Kinder trotzdem mal gewinnen?
Nein. Wir lassen niemanden gewinnen. Bei uns sollen die Kinder ja gerade lernen, dass man ein Spiel auch verlieren kann.
Ärgern Sie sich manchmal über Ihr häufig zitiertes Wort von „Familie und Gedöns“?
Nein, das war ja gar im Grunde auch keine Missachtung des Themas. Ich weiß das noch wie heute: Ich kam als Kanzlerkandidat in die Bundestagsfraktion und wollte erklären, wer für dieses Thema zuständig sein sollte. Und mir fiel in diesem Moment der sehr lange Name des …
… Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Ja, genau. Das fiel mir einfach nicht ein, und dann… Na, Sie wissen schon. Es hat mir dann auch leidgetan. Aber das war ja nicht die einzige Fehlleistung in meiner Karriere. Nur, dass einem so etwas so lange nachhängt, das hätte ich damals nicht gedacht.
Wann hat Ihnen Ihre Frau eröffnet, dass sie selbst in die Politik gehen will?
2008 ist sie vom damaligen SPD-Spitzenkandidaten Wolfgang Jüttner angesprochen worden, ob sie nicht kandidieren wolle. Doris hat das mit Rücksicht auf unsere damals noch sehr jungen Kinder zurückgewiesen.
Hat Sie die Entscheidung Ihrer Frau, doch noch den Weg in die Politik zu suchen, überrascht?
Nein. Sie war schon immer ein hochpolitischer Kopf. Andererseits war klar, dass sie nach den Kanzlerjahren nicht in ihren ursprünglichen Beruf als politische Journalistin zurückkehren wollte. Also kam nur die aktive Politik infrage.
Wie erleben Sie es, wenn Sie auf dem SPD-Parteitag in Reihe eins sitzen, bei den Ehrengästen, neben Helmut Schmidt?
Das ist ein guter Platz!
Worüber reden Sie mit Schmidt?
Meist über internationale Fragen, aber auch über die Agenda 2010. Dazu hat er mir etwas aufgeschrieben. Ich bat ihn darum, das zu unterschreiben, weil ich es meinem Sohn geben wollte.
Was hat Schmidt geschrieben?
Das sage ich nicht. Das gehört sich nicht. Aber gehen Sie mal davon aus, dass Helmut Schmidt kein Gegner der Agenda 2010 ist. Also: Ich freue mich immer, ihn zu treffen, aber auch Erhard Eppler oder Hans-Jochen Vogel. Diese drei Männer sind auf ihre jeweilige Weise große historische Figuren.
Bietet Schmidt Ihnen bei solchen Gesprächen Mentholzigaretten an?
Nein, er weiß ja, dass ich die nicht rauchen würde. Außerdem ist er ja der Einzige, der überall in Deutschland rauchen darf. Es gibt eine wunderbare Geschichte, die so gut erfunden ist, dass sie wahr sein könnte: Helmut sitzt im Speisewagen und schmökt eine Zigarette. Etwas weiter winkt eine kämpferische Nichtraucherin den Kellner herbei und sagt: „Weisen Sie bitte den Herrn Altbundeskanzler darauf hin, dass das Rauchen hier verboten ist.“ Meint der Kellner: „Können Sie ihm das nicht selbst sagen?“
Wenn es nach der EU-Kommission geht, werden Mentholzigaretten demnächst verboten.
Ich nehme an, die Bundesregierung macht sich dagegen stark.
Wer gewinnt am nächsten Sonntag in Niedersachsen?
Ich rechne mit einer neuen, rot-grünen Landesregierung. Die drei kleinen Parteien – also Linke, Piraten und FDP – werden wohl nicht in den Landtag kommen. Die CDU glaubt, sie läge vorne, das ist aber keinesfalls sicher. Schließlich wollen laut der letzten Umfrage nur noch 30 Prozent eine Fortsetzung der derzeitigen CDU/FDP-Regierung, während 47 Prozent das ablehnen und eine rot-grüne Regierung wollen. Darüber hinaus hat die CDU keinen Partner zum Regieren.
Bei der Wahl zwischen dem Ministerpräsidenten David McAllister von der CDU und dem SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil sind Sie für Weil?
Eindeutig! Stephan Weil ist hochkompetent, ich schätze ihn sehr. Er hat als Oberbürgermeister in Hannover einen erstklassigen Job gemacht. Und er wird ein hervorragender Ministerpräsident.
McAllister ist doch ein guter Typ, als Bauchmensch eher Ihre Kragenweite, oder?
Keine Ahnung. Ich bin ihm nie begegnet.
Aber seinen Vorgänger Christian Wulff kennen Sie. Er wohnt seit dieser Woche ja sogar in Ihrer Nachbarschaft.
Den kenne ich, er war ja über lange Jahre mein Gegenkandidat in Niedersachsen. Wir hatten gelegentlich Kontakt in der Vergangenheit, aber nicht sehr eng.
Haben Sie mit Wulff noch einmal geredet nach seinem Rücktritt als Bundespräsident?
Nein.
Haben Sie Mitleid mit ihm?
Mitleid ist eine besondere Kategorie. Wenn ich Ihre Frage bejahen würde, klänge das ein wenig von oben herab. Lebensentwürfe können scheitern, und Respekt bedeutet, dies nicht zu kommentieren. Das hat nichts mit mangelnder Sensibilität zu tun, sondern nur mit Respekt. Und ich wünsche beiden, dass sie die neue Situation gut verarbeiten.
Wundern Sie sich über Peer Steinbrück, den Kanzlerkandidaten der SPD?
Ich wundere mich darüber, was Peer Steinbrück alles vorgeworfen wird. Nun wird auch noch kritisiert, was er vor mehr als einem Jahrzehnt einmal werden wollte. Ich wollte mal Lokomotivführer werden!
Wundern Sie sich denn gelegentlich über Angela Merkel?
Es gibt bei ihr Politikbereiche, bei denen ich weniger Kritik, und solche, bei denen ich mehr Kritik habe. Der persönliche Politikstil von Frau Merkel hätte jedenfalls nie dazu geführt, eine Agenda 2010 durchzusetzen.
Was vermissen Sie konkret?
Es fehlt bei ihr die Fähigkeit, das Risiko der eigenen Abwahl einzugehen. Natürlich müssen Politiker wiedergewählt werden wollen. Aber das darf nicht dazu führen, dass notwendige Politik nur wegen der Wahlperspektiven ausbleibt. Frau Merkel meidet unbequeme Entscheidungen. Da ist sie anders als einige ihrer Vorgänger.
Deshalb regiert sie inzwischen ja auch länger als Sie.
Ich weiß nicht, ob das der Grund ist. Möglicherweise.




