Spekulationen

Chinas Vizepräsident Xi Jinping verschwunden

Seit einer Woche ist Chinas Vizepräsident Xi Jinping verschwunden – und alle rätseln. Auch weitere Mitglieder der Machtelite fehlen.

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Außenminister Yang Jiechi hat vergangene Woche im Beisein von Hillary Clinton Pekinger Korrespondenten ermahnt, keine Gerüchte zu verbreiten. Es sei mit den USA abgesprochen, dass Chinas Vizepräsident Xi Jinping die US-Außenministerin nicht treffen wird. Er hoffe, dass die „Leute darüber nicht unnötig spekulieren“.

Das war vergangenen Mittwoch. Seither hat sich der designierte Nachfolger für den Staats-, Partei- und Armeechef Hu Jintao, der auf dem kommenden 18. Parteitag ernannt werden soll, der Öffentlichkeit nicht mehr gezeigt. Eigentlich hätte er am Montagnachmittag Dänemarks Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt treffen sollen. Doch auch da kam ohne weitere Erklärungen Chinas Wirtschaftszar Wang Qishan zum Gespräch – und eben nicht Chinas Vizepräsident. Von der Absage erfuhren die Dänen erst wenige Stunden vor dem vereinbarten Treffen, so wie auch Hillary Clinton erst in der Nacht vorher informiert wurde, dass Xi am nächsten Morgen verhindert sein würde. Es war, anders als einige gleich vermuteten, kein politischer Affront. Sie erhielt nicht nur mit Premier Wen Jiabao einen gleichwertigen Gesprächspartner als Ersatz. Mit ihr wurden am gleichen Tag auch Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong sowie die Vorsitzende des russischen Föderationsrats, Valentina Matwijenko, die alle ursprünglich Xi treffen sollten, ohne weitere Erklärungen versetzt.

Wo war Xi Jinping abgeblieben – oder: Was war ihm zugestoßen? Die für Chinas strenges Protokoll ungewöhnliche Kette an Absagen lässt seither nicht nur unter Journalisten alle möglichen Gerüchte laut werden. Zuerst war von einem Sport- und dann von Autounfall die Rede. Die Frage beschäftigte am Dienstag auch internationale Konzernchefs und mittelrangige chinesische Funktionäre am Rande des Tianjiner Sommer-Davos, dem China-Ableger des Weltwirtschaftsforums von Klaus Schwab. Sie tuschelten in den Pausen über „das Thema“. Selbst an „öffentlichen Orten“ war ihr Raunen vernehmbar: „Ist an den Gerüchten etwas dran?“ Eine in offiziellen Internetportalen veröffentlichte Rede von Xi Jinping auf der Parteischule brachte auch wohlmeinende Chinesen dazu, mitzutratschen.

„Die Rede ist ja alt“, sagte eine chinesische Teilnehmerin auf dem Forum. Sie hatte entdeckt, dass Xi, der auch Direktor der Parteihochschule ist, seine Rede am 1.September zur Begrüßung des neuen Studienjahrgangs gehalten hatte. Es war sein letzter dokumentierter öffentlicher Auftritt vor Chinesen. Zwei Tage vorher hatte er noch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking getroffen.

Informationen aus „guter Quelle“

Xi habe sich beim Schwimmen am Rücken verletzt. So wollte es das erste Gerücht wissen, das vergangenen Donnerstag entstand. Nein, der fußballbegeisterte Vizepremier, der selbst gerne kickt, hätte sich im Parteisitz Zhongnanhai beim Spielen verletzt. Schwerer wogen die aus Hongkong und Taiwan über das Internet nach China zurückgelangten Informationen aus „guter Quelle“, dass Xi am Abend vor seinem Treffen mit Frau Clinton bei einem Verkehrsunfall verletzt und ins Pekinger Prominentenkrankenhaus 301 eingeliefert worden war. Fast zeitgleich sei auch der oberste ZK-Kontrolleur für Parteidisziplin He Guoqiang, der auch im Politbüroausschuss sitzt, Opfer eines Autounfalls geworden. Aus den Unfallnachrichten wurden binnen 24 Stunden angebliche Anschläge auf beide Politiker. In der Gerüchteküche brodelte es.

Tatsache ist, dass zwei der neun Mitglieder der Inneren Führung Chinas seit fünf Tagen nicht mehr öffentlich aufgetaucht sind – und dass Pekings Parteibehörden und das Außenministerium nichts dazu sagen. Normalerweise erfahren Ausländer und die Mehrheit der Chinesen nicht, was Pekings Führer tun oder lassen. Diese Gewohnheit, den Bambusvorhang um sich zuzuziehen, stammt aus Zeiten, als China noch eine geschlossene sozialistische Gesellschaft war. Sie gehört zur anachronistisch gewordenen Gewohnheit einer verschworenen Partei, alles um sich und ihre Führer zur Geheimsache zu erklären. Selbst das Datum des 18. Parteitags, auf dem die Parteiführung der Welt- und Wirtschaftsmacht China neu gewählt und Xi Jinping zum neuen Parteiführer gekürt wird, wird von Peking bisher nicht bekannt gegeben. Obwohl jeder davon ausgeht, dass der Parteitag, für den 2270 Delegierte bereits gewählt wurden, Mitte Oktober stattfinden soll. Es könnte durchaus sein, dass Xi und He nur deshalb verschwunden sind, weil sie das vor dem Parteitag notwendige ZK-Plenum vorbereiten, das die endgültige Tagesordnung festlegt. Aber das würde nicht die plötzliche Absage der internationalen Treffen erklären. Daher deutet alles eher doch auf einen Unfall.

Pekings Führer haben auch in der Vergangenheit schon Gerüchte immer wieder ignoriert – bis es nicht mehr ging. Etliche Führer wurden etwa zu Lebzeiten für tot erklärt, von Deng Xiaoping bis Jiang Zemin. Sie tauchten erst wieder auf, als die Aktienkurse fielen. Irgendwie ist an der Kommunistischen Partei, der weltgrößten Handelsmacht und zweitgrößten Volkswirtschaft, vorbeigegangen, dass sie nicht mehr im Zeitalter der Abschottung, sondern in der Ära des Internet lebt.

Warum aber allmächtige KP-Führer, die heute weltweit mitbestimmen und über alles informiert werden wollen, immer noch nicht in der Lage sind, ihrem Volk und dem Ausland zu erklären, was es mit Chinas kommender Nummer eins auf sich hat, steht auf einem anderen Blatt. Premier Wen Jiabao dürfte wissen, wohin Chinas Kronprinz verschwunden ist. Wen sollte Dienstagabend auf Tianjins Wirtschaftsforum reden.

Der Premier hat in den vergangenen Tagen viele große Ansprachen gehalten. Wiederholt rief er sein Volk und auch das Ausland dazu auf, mit Vertrauen und Zuversicht die vielen Krisen zu überwinden. Dabei sprach er vom Euro, der Weltwirtschaft und der einheimischen Glaubwürdigkeit. Über den verschwundenen Xi Jinping verlor er trotz der vielen Spekulationen allerdings nicht ein einziges Wort.