Organspende-Skandal

Daniel Bahr fordert „bessere Verfahrensregeln“

Daniel Bahr hat dazu aufgerufen, sich in Sachen Organspenden nicht von den Skandal-Vorwürfen in Göttingen abschrecken zu lassen.

Foto: DAPD

Nach dem Skandal an der Uniklinik Göttingen hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die Notwendigkeit zur Organspende betont. Er appelliere an die Bürger, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, sagte Bahr der in Berlin erscheinenden „Welt am Sonntag“. „Die Organspende rettet Leben“, betonte er. Zugleich forderte der Minister aber „bessere Verfahrensregeln“ bei Organtransplantationen. Ärztevertreter schlugen schärfere Kontrollen vor.

„Es ist gut, dass die zuständige Staatsanwaltschaft den Vorwürfen nachgeht“, sagte Bahr. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, reichten allerdings Konsequenzen für die Verantwortlichen nicht aus. Der Minister begrüßte in diesem Zusammenhang „die offene Diskussion“ der Transplantationsexperten.

Der Chef der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Hans Lilie, schlug eine zusätzliche Kontrolle der Patientendaten nach dem Vier-Augen-Prinzip vor. „Bei dem Skandal in Göttingen wurden offenbar Laborwerte verfälscht. Daher verfolge ich die Idee, dass ein Laborarzt die Daten, die Eurotransplant geschickt werden, noch einmal prüfen sollte“, sagte Lilie der Tageszeitung „Die Welt“ (Samstagsausgabe). Eurotransplant ist die für Deutschland zuständige Vermittlungsstelle für Organspenden.

Der zusätzlich hinzugezogene Arzt wäre ein Zeuge für die Richtigkeit der Daten, sagte Lilie. Er käme „selbstverständlich nicht aus dem Umfeld des zuständigen Transplantationsmediziners, sondern wäre unabhängig und hätte daher auch kein Interesse an einer Verfälschung“.

Der Medizinprofessor Eckhard Nagel sprach sich ebenfalls für die Einführung des Vier-Augen-Prinzips aus. „Es würde die Sicherheit vor Ort und die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung von Betrügereien erhöhen, wenn zwei Ärzte die Befunde unterschreiben müssten“, sagte Nagel, der dem Deutschen Ethikrat und dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags angehört. „Diese Form des Betrugs hat es in den letzten 25 Jahren noch nie gegeben.“ Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik in Essen hatte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier vor der Nierenspende an dessen Frau beraten.

Gegen eine zusätzliche Kontrollinstanz sprach sich der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, aus: „Ich bin dagegen, das Vier-Augen-Prinzip einzuführen. Das ist für manche Entscheidungen nicht günstig und praktisch auch nicht immer machbar.“ Man müsse „nicht das ganze System revolutionieren“, sagte das Mitglied der Kommission Organtransplantation. Er gehe „nicht davon aus, dass alle Ärzte korrupt sind“, fügte Windhorst hinzu. Vielmehr müssten alle Transplantationszentren darauf überprüft werden, ob dort bisher richtig gearbeitet wurde. Dies sollte mit Einzelfallprüfungen per Zufallsprinzip geschehen.

Am Uni-Klinikum in Göttingen wurden in den vergangenen zwei Jahren offenbar in großem Stil Krankenakten gefälscht, damit bestimmte Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation nach oben rücken. So wurden sie beispielsweise durch angeblich schlechte Laborwerte kränker gemacht als sie waren. Gegen den mutmaßlich verantwortlichen Oberarzt ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Bestechlichkeit. Man geht davon aus, dass es sich um ein Netzwerk von Tätern handelt.