Als die Männer beginnen, seine Familie abzuschlachten, versucht Ali al-Sajed, nicht zu stark zu zittern. Der Elfjährige lässt sich zu Boden fallen, greift neben sich und beschmiert sich mit dem Blut seines Bruders. Die Mörder sollen denken, sie hätten auch ihn erwischt. Ali stellt sich tot, um zu überleben.

Nacheinander ermorden die Männer mit ihren langen Bärten und den kahl geschorenen Köpfen seine Eltern und vier Geschwister. Der jüngste der Familie, Alis sechsjähriger Bruder Nader, wird in den Kopf und in den Rücken geschossen. Seit fünf Tagen ist Ali ein Waisenkind. Er hat damit großes Glück.

Ali ist einer der wenigen Überlebenden des Massakers in Hula, seine Erzählung wirft ein Schlaglicht auf die Verhältnisse in Syrien. In Hula, einer Ansammlung von kleinen Bauerndörfern mit Olivenhainen in der syrischen Provinz Homs, wurden am Wochenende mehr als 100 Menschen getötet, die meisten wurden in ihren Häusern erschossen oder erstochen.

Das Massaker sorgt weltweit für Entsetzen. UN-Beobachtern zufolge wurden die meisten Opfer aus nächster Nähe erschossen, so wie Alis Eltern und Geschwister. Die Täter hatten es besonders auf Kinder und ältere Menschen abgesehen – offenbar, um möglichst viel Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Wenn es stimmt, was Augenzeugen sagen, stammen die Angreifer aus benachbarten Ortschaften. Die Opfer könnten ihre Mörder in vielen Fällen also sogar gekannt haben.

Die Lage in Syrien droht nun vollkommen außer Kontrolle zu geraten. Der syrische Rebellenführer Riad al-Asaad verlangte von Kofi Annan, dem UN-Sondergesandten für Syrien, er müsse das Scheitern seines Friedensplanes eingestehen und Militärschläge gegen die Regierungstruppen zulassen. Ein anderer Offizier der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) stellte Damaskus ein Ultimatum zur Beendigung aller Kampfhandlungen bis Freitagvormittag. Sonst werde die Rebellenarmee den Annan-Plan ignorieren und angreifen. Von der „Afghanisierung“ des Landes ist die Rede, von anarchischer Gewalt auf beiden Seiten, befeuert von ausländischen Parteien mit jeweils eigener Agenda. Ein Stellvertreterkrieg.

Notfalls ohne UN-Resolution

US-Außenministerin Hillary Clinton warf Russland eine Mitverantwortung für die verfahrene Situation vor, weil Moskau sich einem Mandat des UN-Sicherheitsrates, das auch eine militärische Intervention rechtfertigen würde, per Veto verweigere. „Russland erklärt, dass man keinen Bürgerkrieg in Syrien wünscht. Ich sage ihnen, dass ihre Politik zu einem Bürgerkrieg beitragen wird“, sagte sie in Kopenhagen. Jeder Tag, der vergehe, stärke die Argumente für einen Militärschlag.

Susan Rice, US-Botschafterin bei den UN, ging noch weiter. Wenn der Sicherheitsrat uneinig bleibe, müssten dessen Mitglieder und die internationale Gemeinschaft prüfen, „ob sie bereit sind, Maßnahmen außerhalb des Annan-Plans und der Autorität dieses Rates zu ergreifen“, sagte die Diplomatin. Sie deutete damit erstmals an, das Weltgremium zu umgehen.

Russland dagegen warnte vor einem „Missbrauch“ des Massakers in Hula für einen Militärschlag. Der russische Botschafter bei der EU, Wladimir Tschischow, sagte, Moskau fühle sich „ungut“ an die Situation im ehemaligen Jugoslawien erinnert, als der Westen ohne UN-Mandat gegen die damalige Führung in Belgrad mit Waffengewalt vorgegangen war. „Ich hoffe, dass die Regierungen in der EU und anderen Ländern einen kühlen Kopf bewahren.“

UN-Beobachter und Augenzeugen machen die Schabiha-Miliz zumindest teilweise für die Gewalt verantwortlich. Sie gehört wie der Clan von Präsident Baschar Assad der Minderheit der Alawiten an, einer Konfession innerhalb der Schiiten. Die Schlägertrupps erlauben es der syrischen Regierung, sich von dem Terror zu distanzieren.

In Kopf und Nacken geschossen

Der elfjährige Ali ist immer noch in Hula, Verwandte haben ihn aufgenommen. Reporter kontaktierten ihn über Aktivisten in Hula, die ein Interview via Internetdienst Skype arrangierten. Alis Geschichte konnte nicht unabhängig überprüft werden. Die meisten Kommunikationswege sind abgeschnitten, viele Bewohner bereits geflohen. Ali guckt mit seinen großen braunen Augen in die Computerkamera, er erzählt ganz sachlich. Wie seine Mutter angefangen habe zu weinen, als die elf Männer mitten in der Nacht ins Haus gekommen seien. Sie hätten Alis Vater und ältesten Bruder nach draußen geführt. „Meine Mutter begann zu schreien: ‚Warum habt ihr sie mitgenommen? Warum habt ihr sie mitgenommen?'“, erzählt Ali. Er habe sich mit seinen Geschwistern zusammengedrängt, als ein Mann in Zivilkleidung seine Mutter ins Schlafzimmer geführt und ihr fünf Mal in Kopf und Nacken geschossen habe.

„Dann verließ er das Schlafzimmer. Er benutzte eine Taschenlampe, um sehen zu können“, sagt Ali. „Als er meine Schwester Rascha im Flur entdeckte, schoss er ihr in den Kopf.“ Ali hatte sich mit Nader und dem achtjährigen Aden versteckt. Die Männer töteten Nader und Aden und schossen dann auf Ali, trafen ihn aber nicht. „Ich war entsetzt“, sagt Ali. „Mein ganzer Körper zitterte.“ Doch der Junge reagierte geistesgegenwärtig: „Ich schmierte mich von Kopf bis Fuß mit dem Blut meines Bruders ein und stellte mich tot.“

Am Donnerstag wurde das Gebiet Hula erneut beschossen, vom schweren Maschinengewehrfeuer ist die Rede. Auch in der Provinz Deir as-Saur, wo diese Woche 13 Mordopfer entdeckt worden waren, fanden Aktivisten drei weitere Leichen mit gefesselten Händen, die per Kopfschuss getötet worden waren. Das Blutvergießen geht weiter.