Fußball-EM

Debatte um Boykott der Ukraine verschärft sich

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Die Behandlung von Ex-Regierungschefin Timoschenko wird kritisiert - doch Innenminister und Sport-Funktionäre sind gegen einen Fußball-Boykott.

Sechs Wochen vor Beginn der Fußball-EM in der Ukraine spitzt sich die Diskussion über die politischen Missstände im Co-Gastgeberland der EURO 2012 zu. Sport und Politik sind im Menschenrechtsfall Julia Timoschenko gespalten. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) jedenfalls ist strikt gegen einen Boykott – ebenso wie führende Fußball-Funktionäre.

„Ich würde nicht mit Boykott drohen“, sagte der Innenminister: Er halte Boykott-Ideen im Bereich des Sports grundsätzlich für nicht geeignet, weil Sport ja eigentlich für das „Völkerverbindende und den fairen Wettbewerb der Jugend“ stehe. Zugleich müsse sich aber die Ukraine, die zusammen mit Polen Gastgeber der Fußball-EM (8. Juni bis 1. Juli) ist, kritische Fragen gefallen lassen, sagte Friedrich, der als Innenminister auch für den Sport zuständig ist.

Die Bundesregierung habe „sehr klare Erwartungen“ mit Blick auf die frühere ukrainische Regierungschefin Timoschenko. Sie war im Oktober in einem international vielkritisierten Verfahren wegen Amtsmissbrauchs in ihrer Zeit als Ministerpräsidentin zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Aus Protest gegen ihre Haftbedingungen war die gesundheitlich schwer angeschlagene Timoschenko am vergangenen Freitag in einen Hungerstreik getreten.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vermag nach einegen Angaben derzeit keine Druckmittel des Sports im Fall Timoschenko zu erkennen. „Denn wir als Sportverband können nicht die Probleme lösen, die die Politik bisher nicht lösen konnte“, sagte der neue DFB-Präsident Wolfgang Niersbach im „heute journal“ des ZDF. „Wenn wir wissen, dass es der Bundesregierung nicht gelungen ist, mit ihrem Einfluss eine medizinische Behandlung von Frau Timoschenko in Deutschland zu ermöglichen, dann wird das auch schwer über das Ereignis EURO 2012 zu realisieren sein.“

Arnold Vaatz, stellvertretender Unions-Fraktionchef, sagte: „Die ukrainische Regierung darf für dieses Vorgehen in keiner Weise politisch belohnt werden. Man muss ihr vielmehr die Möglichkeit verbauen, die Fußball-Europameisterschaft als Form der Anerkennung ihrer Regierungspraktiken zu verkaufen.“ Vaatz weiter zur „Mitteldeutschen Zeitung“: „Unsere Offiziellen müssen sich ganz klar abgrenzen vom Vorgehen der Regierung. Ich rede hier vom Deutschen Fußball-Bund, aber auch von jedem anderen, der dort in offizieller Mission aufkreuzt.“

„Ich glaube schon, dass der Sport auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe hat“, sagte Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, im ARD-Morgenmagazin. „Sport ist keineswegs ein Satellit im rechtsfreien Raum. Er hat sehr wohl die Aufgabe, seine Stimme zu erheben“, sagte die SPD- Politikerin – und bezog sich damit auf UEFA-Präsident Michel Platini. Der hatte vor der Fußball-EM in der Ukraine und Polen die Einmischung in Regierungsangelegenheiten ausgeschlossen hatte. Platini hatte sich für Zurückhaltung ausgesprochen. „Die UEFA ist keine politische Institution und wird nie eine sein“, hatte der Franzose gesagt.

Die politische Kritik bezieht sich dabei nicht allein auf die Fußball-EM. Die Vergabe der Eishockey-WM 2014 an Weißrussland hat zuletzt auch verstärkt Kritik auf sich gezogen – das Land wird von Staatspräsident Alexander Lukaschenko totalitär beherrscht. Laut SPD-Politikerin Freitag gibt es einen Antragsentwurf von SPD und Grünen im Bundestag, „der die Bundesregierung und den Deutschen Eishockey-Bund auffordert, im Mai beim Kongress des Internationalen Eishockey-Verbandes IIHF in Helsinki darauf hinzuwirken, dass die Vergabe der WM 2014 an Weißrussland zurückgenommen wird“.

Die CDU plant laut ihres Obmanns im Sportausschuss, Klaus Riegert, diesbezüglich einen eigenen Antrag einzureichen. Darin sollen „Menschenrechtsverletzung angeprangert, aber nicht die Rücknahme der WM gefordert werden“.

( dapd/dpa/SID/dino )

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