Dissident Yu Jie

"Ich will so in China nicht mehr weiterleben"

Der chinesische Dissident und Literat Yu Jie kapituliert vor der Verfolgung der Behörden und flieht in die USA. Peking versucht, sein Schweigen trotzdem zu erpressen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Oberflächlich betrachtet hielt das Jahr 2011 für Yu Jie durchaus Sonnenseiten bereit. Mehrfach konnte der chinesische Dissident und Literat, der in seiner Heimat seit mehr als zehn Jahren aus politischen Gründen Berufsverbot hat und nichts veröffentlichen darf, auf Traumurlaube gehen. Noch vor sechs Wochen planschte er etwa mit seiner Frau Liu Min auf Staatskosten weit vom eiskalten Peking entfernt im Meer vor Sanya, Chinas beliebtestem Badeort auf der subtropischen Insel Hainan. Beide waren in einer 60-Quadratmeter-Suite im Fünfsterne-Orienthotel untergebracht. Der Erholungswert hielt sich dennoch in Grenzen.

Denn nebenan logierte die Staatssicherheit. Deren Beamte hatten für den 38-jährigen Yu die kafkaesk anmutende Luxus-Verbannung arrangiert. Der Zeitpunkt der Reise war nicht zufällig gewählt: Am 8. Dezember 2011 jährte sich die Vergabe des Friedensnobelpreises von Oslo an Yus engsten Freund Liu Xiaobo, der als Hauptverfasser des Freiheitsaufrufes „Charta 08“ zu elf Jahren Haft verurteilt wurde.

Aus Staatsraison musste Yu Peking verlassen, um unerreichbar für Freunde und Medien zu sein. Falls er nicht freiwillig verreiste, würden ihn die Behörden wie früher unter verschärften Hausarrest in Peking stellen. „Seit 2009 mussten wir regelmäßig vor heiklen Zeitpunkten, wie etwa zum 4. Juni, dem Erinnerungstag des Tiananmen-Massakers 1989, die Hauptstadt verlassen. Zweimal zahlten wir unsere Reise selbst, viermal die Behörden.“

Folter im geheimen Verhörhaus der Staatssicherheit

Ein Jahr zuvor hatte Yu Jie die Staatssicherheit ganz anders erlebt. Er stand unter Hausarrest, als ihn am 9. Dezember 2010 rund ein Dutzend Polizisten abholten. Sie zogen ihm eine Kapuze über den Kopf und verschleppten Yu zu einem geheimen Verhörhaus. Dort zogen sie ihn nackt aus, demütigten, quälten und ohrfeigten ihn mehr als 100 Mal.

Er sei ein renitenter Dissident, der den Behörden seit mehr als zehn Jahren als Unterstützer von Liu Xiaobo zu schaffen mache. In seinen in Hongkong und Taiwan erschienenen Büchern attackiere und schmähe er Chinas Führer.

Stundenlang prügelten sie auf den schmächtig gebauten 38-Jährigen ein, verlangten sein Eingeständnis, dass er ein „Vaterlandsverräter“ sei. Yu verlor das Bewusstsein. Die Schläger hatten ihn lebensgefährlich verletzt, dass ihn nur noch die Notaufnahme eines Krankenhauses retten konnte. Erst Tage später war er einigermaßen wiederhergestellt, sodass ihn die Behörden zumindest daheim abliefern konnten.


2011 wurde für Yu ein Jahr anhaltender Verfolgung, in dem auch seine Frau ihren Job verlor. Im Wechselbad zwischen Schikanen, Hausarrest und zwangsweisen Luxusurlauben war er am Ende so weich geklopft, dass er mit Frau und dem drei Jahre alten Sohn ins selbst gewählte Exil in den USA ausreisen wollte.

„Ich kann in China nicht mehr arbeiten und will so nicht mehr weiterleben.“ Er kündigte das auch den Behörden an. Sie schritten nicht ein, als er im Dezember Flüge buchte, sich das Visum besorgte und seine Wohnung unter Wert verkaufte. Eine formale Anklage strebte Peking offenbar nicht an. Nach elf Jahren Haft für Liu hätten sie Yu ähnlich aburteilen müssen und neuen internationalen Wirbel ausgelöst.

"Vergesst nicht, dass eure Eltern hier leben"

Prominente von Ex-Präsident George W. Bush bis hin zu Kanzlerin Angela Merkel trafen den in Peking ungeliebten Autor. Der Sicherheitspolizei zu Hause wurde er dadurch nur ein größerer Dorn im Auge, und sie wollten Yu einfach nur loswerden. Er musste sich, wie er "Morgenpost Online“ kurz vor seiner Ausreise sagte, verpflichten, im Ausland nichts zu sagen oder zu tun, „was gegen Chinas Verfassung verstößt oder Staat und Volk schadet“.

Für Yu war es sein zweites schriftliches Versprechen, das er den Behörden gab. Schon einmal hatte er versichern müssen, nichts über die erlittene Folter bekannt zu machen. Bevor er in die USA ausreiste, warnte ihn die Polizei erneut zu schweigen: „Du und deine Familie können gehen. Vergesst nicht, dass eure Eltern hier im Land leben.“

Angst vor dem Jasmin-Aufstand

Vergangene Woche enthüllte der 38-Jährige auf einer Pressekonferenz in Washington alle Details seiner Misshandlungen: Er halte „Schweige-Verpflichtungen nicht ein, die ich unter Zwang eingehen musste“. Er erlaubte auch „Morgenpost Online“, über das erlittene Leid und die Folter zu berichten.

Bei zwei Treffen noch in Peking hatte Yu gesagt, er werde Chinas Führung für ihre polizeistaatliche Willkür anklagen, mit der sie Andersdenkende verschleppen und misshandeln lässt und ihre eigenen Gesetze bricht.

So wie Yu Jie erging es 2011 Dutzenden prominenten Autoren, Anwälten und Künstlern in Peking und vermutlich unzähligen Unbekannten in den Provinzen. Im Frühjahr 2011 ließ die Polizei sie zu Geheimverhören verschleppen, weil Chinas Führer einen Jasmin-Aufstand befürchteten, bei dem der arabische Rebellionsbazillus übergreifen würde.

"Wir brauchen ein, zwei Stunden, um alle zu verscharren"

Alle Verfolgten, darunter Künstler wie Ai Weiwei, wurden zu Stillhalte-Verpflichtungen genötigt. Yu sagte, die Polizei habe ihm gegenüber geprahlt, auf Anweisung zu handeln. Sie hätten Namenslisten von „hundert, zweihundert“ als besonders gefährlich eingestuften Oppositionellen.

Wörtlich hätten sie gedroht: „Wenn wir die Weisung dazu von oben erhalten, brauchen wir ein, zwei Stunden, um alle zu verscharren. Wir sind heute reich. Wir haben keine Angst, dass sich Ausländer einmischen könnten.“

Yus Ausreise haben viele im Lande lebende Bürgerrechtler aufmerksam verfolgt. Wie Yu haben sie ihre Hoffnung in Chinas Reformfähigkeit verloren. Die Rechnung der Behörden scheint aufzugehen. Bekannte Kritiker, die unter Verfolgungsdruck stehen, nicht publizieren dürfen und sich rechtlos fühlen, überlegen, Yus Schritt zu folgen.

Jede Debatte dazu im Internet wurde gelöscht. Aber in Mikroblogs beklagten etwa christliche Mitstreiter Yus offen, dass es in einem auf Unterdrückung basierenden Staat wie China keinen Platz für „Intellektuelle mit Gewissen“ mehr gebe. Es sei eine Tragödie, wenn patriotisch gesinnten, eigenständig denkenden Chinesen nichts anderes als die Erkenntnis bleibe, dass „dort, wo Freiheit herrscht, künftig auch mein Vaterland ist“.

Schnellverfahren gegen drei Dissidenten-Veteranen

Der Fall Yu schlägt Wellen, weil er anders gelagert ist als die früher abgeschobenen Dissidenten. Yu Jies tolerierter Abgang ins Exil ist die Ausnahme von der repressiven Regel, mit der Chinas Behörden Dissidenten üblicherweise unnachsichtig verfolgen. Noch vor dem am Montag begonnenen, einwöchigen Frühlingsfest zum Neuen Jahr des Drachen, urteilten willfährige Richter Kritiker der Reihe nach ab.

Pekings Parteiführung, die im Oktober auf dem 18. Parteitag turnusgemäß ihre komplette Runderneuerung inszeniert, will in der „heißen Phase“ ihres Wachwechsels keine störenden Zwischenrufe hören. Schon gar nicht, wenn sie von Regimegegnern kommen.

Von Ende Dezember an wurden in Schnellverfahren gleich drei Veteranen unter den Dissidenten, Chen Xi, Chen Wei und Li Tie, zu Strafen von jeweils neun oder zehn Jahren Haft verurteilt. Den Richtern genügten kritische Internetaufsätze der Aktivisten, unter denen zwei Gründer demokratischer Parteien sind, um ihnen subversive Umsturzpläne anzulasten. Yu Jie will sich dieser Atmosphäre nicht länger aussetzen – und geht dahin, wo er Urlaub machen darf, wann er mag.

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