Milliardengeschäft

Wie das Vermögen deutscher Stiftungen versickert

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Hannelore Crolly

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Ihre wichtigste Währung ist Vertrauen – doch viele Stiftungen sind geplagt von Vetternwirtschaft und Selbstbedienung. Verbände fordern nun mehr Kontrolle.

Der anonyme Brief erreichte zeitgleich den Bundesgesundheitsminister, diverse Abgeordnete und mehrere Krankenkassen. Auf drei Seiten waren harsche Vorwürfe aufgelistet: Von Missmanagement bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war die Rede.

Der Vorstand der gemeinnützigen Organisation zur Förderung der Organspende leiste sich Luxuslimousinen, Nobelhotels und einen teuren Verwaltungssitz am Frankfurter Mainufer, statt effizient zu arbeiten, hieß es.

Mitarbeiter würden gemobbt, Verwandte oder Vertraute bekämen lukrative Aufträge zugeschanzt. Die Stiftung wies alles zurück. Der parlamentarische Gesundheitsausschuss will die Sache dennoch geklärt sehen, aus Angst um das Ansehen der Organspende. Jetzt schauen Wirtschaftsprüfer in die Bücher.

Wichtigste Währung ist Vertrauen

Verschwendung, Selbstbedienung, Vetternwirtschaft: Wenn gemeinnützige Einrichtungen mit solchen Begriffen in Verbindung gebracht werden, hat nicht nur die beschuldigte Organisation ein Problem, sondern die ganze Wohltätigkeitsbranche, deren wichtigste Währung das Vertrauen ist.

Der „Goodwill“-Sektor lebt vom guten Willen der Spender, Stifter, Ehrenamtlichen und letztlich auch der Steuerzahler. Denn gemeinnützige Organisationen genießen Steuervorteile.

Sollten sich die Vorwürfe gegen die DSO erhärten, wären zwar keine Spenden betroffen, öffentliche Mittel allenfalls indirekt; die Arbeit wird von den Krankenkassen finanziert. Auch muss nicht gleich Untreue im Spiel sein, wenn eine Spesenrechnung hoch ausfällt.

Ein Rückzug potenzieller Mäzene aus Misstrauen wäre jedoch fatal. Schließlich werden allein in diesem Jahrzehnt vermutlich etwa zweieinhalb Billionen Euro vererbt. Nicht wenige Senioren sind kinderlos, immer mehr wollen der Nachwelt etwas Sinnvolles hinterlassen.

Seit Jahren schon erlebt Deutschland daher einen Gründungsboom: Jeden Tag kommen trotz Finanzkrise mehr als zwei Stiftungen hinzu. Im Rekordjahr 2007 wurden sogar über 1100 gegründet.

Stiftungsvorstände fordern mehr Aufsicht

Aus Sorge um den guten Ruf fordern Stiftungsvorstände daher sogar freiwillig mehr Aufsicht über ihre Branche. „Es geht darum, die Glaubwürdigkeit bei den Spendern zu erhalten“, sagt Michael Endres, der nach elf Jahren den Vorstandsvorsitz bei der Frankfurter Hertie-Stiftung jetzt aufgibt.

Der 71-Jährige war aus dem Vorstand der Deutschen Bank zu Hertie, einer der größten Privatstiftungen im Land, gewechselt.

Bisher dürfen gemeinnützige Organisationen fast ohne Pflicht, an die Öffentlichkeit zu berichten, arbeiten. Anders als in den USA müssen Stiftungen nichts über ihre innere Struktur oder ihre Vorstandsgehälter offenbaren.

Eine Aufsicht überwacht zwar, ob der Stiftungszweck eingehalten wird, und das Finanzamt hat ein Auge auf die Gemeinnützigkeit. Doch die Öffentlichkeit wird, wenn überhaupt, oft mit ein paar warmen Worten über gute Absichten abgespeist.

Vermögenstopf von 100 Milliarden Euro

Bei seinen Recherchen zu dem Buch „Die Goodwill-Gesellschaft“, das aus der unsichtbaren Welt der Stifter, Spender und Mäzene berichtet, hat der Autor Robert Jacobi diese Haltung immer wieder angetroffen: „Einige sagen: ‚Das ist doch meine Stiftung, da kann ich machen, was ich will.‘“

Nur 15 Prozent der Stiftungen veröffentlichen einen wirtschaftlichen Jahresbericht. Dabei sitzen die mittlerweile fast 19.000 deutschen Stiftungen auf einem Vermögenstopf von 100 Milliarden Euro, Geld, das in irgendeiner Form vor dem Zugriff des Finanzamts bewahrt wurde oder wird.

Sie stecken, Spenden und Zuschüsse eingerechnet, rund 30 Milliarden Euro pro Jahr in Projekte – und das alles fast völlig nach eigenem Gusto. Es gibt Stiftungen, die sich ausschließlich um „bedrohte Wildyaks und in Zentralasien beheimatete doppelhöckerige Kamele (Trampeltiere)“ bemühen, andere versuchen, mit einem mageren Stiftungskapitel von 50.000 Euro gegen Erdnussallergien zu kämpfen.

So manches Stiftergeschenk kann Kommunen belasten, wenn etwa für Kunstsammlungen Museen gebaut und unterhalten werden müssen.

Unprofessionelle oder ineffiziente Arbeit

„Wer mit Geld hantiert, das von Steuern befreit ist, muss sich auch Fragen gefallen lassen, ob sein Tun redlich, sinnvoll und effizient ist“, sagt der Jurist und Ex-Banker Endres. Für ihn ist mehr Transparenz längst überfällig. Er wundert sich, dass die Auflagen für börsennotierte Aktiengesellschaften ganze Bibliotheken füllen, obwohl dort ausschließlich mit privaten Mitteln hantiert wird, während gemeinnützigen Unternehmen offenbar blind vertraut wird.

Dabei versickere bei vielen Stiftungen das Geld regelrecht im Boden, weil sie unprofessionell oder ineffizient arbeiteten. Viele Stifter kleckern nach Endres’ Einschätzung allein vor sich hin, um ihren Namen hoch- oder im Gegenteil geheim zu halten. Besser wäre es, mit anderen Organisationen gemeinsame Sachen zu machen.

Dazu kommt: Viele Stiftungen haben gar nicht viel zu verteilen. Jede dritte Stiftung besitzt weniger als 100.000 Euro Stiftungskapital. Das Kapital selbst darf nicht angerührt werden, gute Taten sind durch Erträge aus dem Grundstock oder mit Zuschüssen und Spenden zu finanzieren.

Bei niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt sind die Gewinne oft so gering, dass sie kaum die Verwaltungskosten decken. „Solche Stiftungen im Alleingang bringen wenig“, kritisiert Endres.

Bundesverband setzt auf Freiwilligkeit

Auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen wirbt für beides – für mehr Transparenz und für mehr Kooperation. Der Verband setzt aber auf Freiwilligkeit, damit die Bürokratie nicht ausufert. 2010 wurde die Initiative Transparente Zivilgesellschaft gegründet. Sie soll einheitliche Mindeststandards für den Dritten Sektor etablieren, zu dem auch rund 600.000 Vereine gehören.

Alle sollten freiwillig preisgeben, woher ihre Mittel kommen, wie sie verwendet werden und wer die Entscheidungsträger sind. Bisher hält sich die Resonanz aber in Grenzen.

Stiftungsexperte Karsten Timmer bezweifelt, dass Freiwilligkeit Erfolge bringt: „Nötig sind verbindliche Standards für gemeinnützige Organisationen, nach denen Leistung bewertet und verglichen werden kann. Die müssen vom Gesetzgeber kommen.“

Timmers Mannheimer Panta Rhei Stiftungsberatung berät Gründer bei Fragen wie: Bewirkt mein Geld das, was ich mir vorgenommen habe? Wie finde ich die besten Empfänger? Es reiche nicht, dass jede Stiftung einen Jahresbericht vorlegt. „Wir brauchen eine Debatte über Qualitätskriterien für gemeinnützige Arbeit.“ Die stecke aber noch in den Anfängen.

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