Weltbevölkerung

Siebenmilliardste Babys so weit das Auge reicht

7.000.000.000.000 – so viele Menschen leben nun offiziell auf dieser Welt. Dieses Mal wurde nicht wie zuvor ein einzelnes Symbolbaby ausgewählt, sondern ganz viele.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Sie ist erst 2,5 Kilogramm schwer und schon ein kleiner Weltstar: Danica. Das kleine Mädchen wurde um zwei Minuten vor Mitternacht auf den Philippinen geboren und als erstes Baby symbolisch von UN-Vertretern zum siebenmilliardsten Erdenbürger ernannt. „Sie sieht so süß aus“, sagte ihre Mutter Camille Galura, während die Kleine mit einer viel zu großen, roten Mütze auf ihrem Bauch lag und in die Kameras blinzelte. Journalisten und UN-Vertreter gratulierten der jungen Mutter noch im Kreißsaal eines Krankenhauses in Manila.

Zum Geburtstag bekam Danica einen Schokoladenkuchen mit der Aufschrift „7B Philippines“ sowie ein Stipendium und einen Gutschein für Gratisschuhe, denn bislang lebt die Familie nur von dem Gehalt des Vaters. Doch als Fahrer eines „Jeepneys“, eines für die Philippinen typischen Kleinbusses, kann er gerade so für den Unterhalt sorgen.

Danica, deren Name übersetzt „Morgenstern“ heißt und die noch einen älteren Bruder hat, war eine echte Überraschung. Und zwar nicht nur für die Mutter, weil das Baby einen Monat zu früh geboren wurde, sondern für die ganze Welt. Denn eigentlich sollte am 31. Oktober, dem Tag, an dem die Sieben-Milliarden-Grenze statistisch durchbrochen wird, kein Kind offiziell als Symbolbaby ausgewählt werden. Stattdessen sollte sich jedes Land sein eigenes Kind aussuchen, um auf das Problem der Weltbevölkerung aufmerksam zu machen.

Ressourcen werden knapp

Die Erdbevölkerung wächst rasant, was laut Experten dramatische Folgen hat. Wurde die erste Milliarde Menschen erst im Jahr 1804 erreicht, dauerte es bis zur zweiten 123 Jahre, für die dritte nur noch 33 Jahre, 14 Jahre für die vierte, 13 Jahre für die fünfte und jeweils zwölf Jahre für die sechste und die siebte. Wenn es so weitergeht, sind es im Jahr 2050 fast zehn Milliarden. In Zukunft rechnen die Wissenschaftler vor allem mit immer mehr Konflikten um immer knapper werdende Ressourcen wie Wasser oder Erdöl. Die Umweltorganisation WWF errechnete, dass es fast drei Erden brauchte, wenn alle Menschen ausreichend versorgt werden sollen.

Auch Danicas Mutter sorgt sich um die Zukunft ihres Kindes. Obwohl sie wie ihr Mann Katholikin sei, wolle sie weiter verhüten: „Die Zahl der obdachlosen Kinder auf den Straßen wächst“, sagte sie. „Wenn ich sie sehe, fühle ich mich schlecht, weil ich esse und sie vielleicht nicht.“

Ihre Tochter Danica ist nun zwar das erste, aber nicht das einzige siebenmilliardste Symbolbaby. In Indien wurde die kleine Nargis, die bei Uttar Prades um 7.20 Uhr das Licht der Welt erblickte, ausgewählt. Drei Kilogramm ist sie schwer und das erste Kind von Ajay und Vinita Yadav. Der junge Vater und seine Frau setzen große Hoffnung in ihre Tochter: „Meine Frau und ich konnten die Schule nur bis zur 10. Klasse besuchen. Nargis soll studieren und ein besseres Leben haben.“

In Neuseeland wurde die Geburt von Boo gefeiert, die um 14.23 Uhr in Wellington zur Welt kam. Ihre Eltern Lauren and Pascal Saker hatten lange in London gelebt und waren erst vor einem Jahr in ihre Heimat zurückgekehrt – um der Großstadthektik zu entkommen. Der Vater, ein Neuropsychologe, sagte: „Ich hoffe, dass Boo später surfen wird. Sie soll eine tolle Kiwi-Kindheit genießen.“

Russland feiert sogar doppeltes Babyglück: In der östlichsten Stadt des Landes, in Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschatka, wurde Alexander ausgewählt. Gleich nach der Geburt des 3,6 Kilogramm schweren Kinds um 0.19 Uhr kündigte der Präsident an, dass der Junge ein Zertifikat erhalten werde und Anspruch auf eine kostenlose Wohnung habe. Fast zeitgleich kam der 50 Zentimeter große und 3030 Gramm schwere Petja aus Kaliningrad auf die Welt.

Auch er erhielt von den lokalen Behörden eine Urkunde mit der Aufschrift „Geboren am Tag der sieben Milliarden“. In Sri Lanka wurde in einem Krankenhaus in Colombo die Tochter von Dhanushika Dilani, die kleine Muthumali, ausgesucht. Im griechischen Athen wurde der kleine George Doikas als Erstes nach Mitternacht geboren. In der Türkei wird in Zukunft Yusuf Efe sieben Milliarden Menschen symbolisieren. Und in Japan sind es gleich mehrere Babys, darunter der kleine Atsuki aus Fukushima, dessen Eltern beim Tsunami-Unglück alles verloren haben.

Der sechstmilliardste Mensch, der in Armut lebt

„Jedes Baby, das heute geboren wird, gilt als siebenmilliardstes“, teilten die Vereinten Nationen mit. Dass man sich dagegen entschieden habe, nur ein einziges Kind auszusuchen, liegt nicht nur daran, dass es statistisch unmöglich ist, das Kind exakt zu ermitteln. Die Wahl war nach der Ernennung des sechsmilliardsten Kindes im Jahr 1999 auch stark in die Kritik geraten. Damals war der heute zwölfjährige Adnan Mevic aus Visoko bei Sarajevo vom früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan offiziell als sechsmilliardster Erdenbürger begrüßt worden.

Inzwischen ist die Mutter sehr desillusioniert. Sie lebt, nachdem Adnans Vater vor zwei Jahren an Darmkrebs erkrankte, in bitterer Armut und fühlt sich von den Verantwortlichen im Stich gelassen. Weder habe Adnan eine Urkunde erhalten, noch habe sich Kofi Annan jemals wieder gemeldet. „Wenn man sich nicht mehr um den Jungen kümmert, dann muss man auch nicht so eine Show machen“, sagt Fatima Mevic über den Rummel um ihren Sohn. „Gebracht hat uns das nichts.“

In Deutschland wird es übrigens kein Symbolbaby geben. Nicht weil man nicht wollte, sondern weil man nichts von Aktion wusste, sagte ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums.