"Bürgerinterview"

Bei Youtube steht Merkel Rede und Antwort

Auf der Online-Plattform Youtube können die Deutschen jetzt in direkten Dialog mit der Bundesregierung treten. Im "Bürgerinterview" beantworten Kanzlerin Angela Merkel und andere Kabinettsmitglieder die Fragen der Nutzer.

Foto: BMO / BMO/youtube

Für altgediente „Heute“-Zuschauer ist es ein Déjà-vu. Da steht er nun wieder als Anchorman vor einer Kamera: Steffen Seibert, langjähriger Moderator der ZDF-Hauptnachrichten, der 2010 ins Kanzleramt gewechselt ist, um die Politik von Angela Merkel zu vermarkten. Die Stimme klingt vertraut, Frisur und Krawatte sitzen, nur der technische Übertragungsweg ist ein anderer. Denn Seibert spricht seinen Ansagetext nicht im Fernsehen, sondern in einem Clip des neuen Regierungskanals, den das Bundespresseamt jetzt auf YouTube, dem weltweit größten Videoportal im Internet, gestartet hat.

„YouTube, Facebook, Twitter, das alles hat unseren Alltag verändert und die Art, wie wir miteinander reden“, begründet Seibert in dem 1:06-Minuten-Film den Start der neuen Kommunikationsplattform der Bundesregierung, die zu Beginn der zweiten Hälfte der Legislaturperiode, wie er sagt, in den „direkten Dialog“ mit dem Bürger treten will.

Abstimmung im Netz

Damit das nicht nach einem leeren Versprechen klingt, hat man sich im Bundespresseamt ein interaktives Element ausgedacht – das „Bürgerinterview“. Hier sollen nicht Journalisten die Fragesteller sein, sondern die Nutzer von YouTube. Sie entscheiden in einem Abstimmungsverfahren, welche Fragen ein bestimmtes Kabinettsmitglied beim „Bürgerinterview“ im Regierungskanal beantworten soll, und natürlich können sie sich auch selber Fragen ausdenken.

Den Auftakt macht die Regierungschefin persönlich. Bis zum 7. November 2011 sind die Internetnutzer eingeladen, ihre Fragen an Angela Merkel unter www.youtube.com/bundesregierung in Textform oder via Video-Upload „einzureichen“. Weil die Zeit der Kanzlerin bekanntlich begrenzt ist, wird sie dann jene Fragen beantworten, die von den Kanalbesuchern die größte Zustimmung erhalten haben. Offensichtlich gibt es für so ein Angebot durchaus Bedarf. Seit Seibert die Seite freischalten ließ, wurden dort bereits 1216 Fragen (Stand Sonntag, 9.30 Uhr) an die Kanzlerin hinterlassen. Außerdem wurden 67.180 Stimmen dazu abgegeben – Desinteresse sieht anders aus.

Was die Bürger von Angela Merkel wissen wollen, ist allerdings selten aktueller und umso öfter grundsätzlicher Art: „Wieso muss man eine Zwangsabgabe via GEZ entrichten, obwohl laut Völkerrecht Informationen frei und kostenlos jedem Bürger zur Verfügung gestellt werden müssen?“, will da einer von der Kanzlerin mit Blick auf die Rundfunkgebühren wissen. Einem anderen geht die Einladung, sich als Fragesteller zu betätigen, nicht weit genug: „Wann dürfen wir Deutsche endlich wieder mitbestimmen bei allen wichtigen Entscheidungen? Egal, wen von Ihnen und Ihren Kollegen man wählt, sie treffen Entscheidungen gegen unseren Willen und ohne unsere Zustimmung!“

Und ein weiterer Nutzer sorgt sich um die Debattenkultur: „Frau Merkel, wenn man Bundestagssitzungen sieht, kommt es einem vor wie im Kaspertheater, da geht es um wichtige Themen, und viele scheint das gar nicht zu jucken, sie schreien und laufen umher, telefonieren oder schlafen, finden Sie das in Ordnung?“

Fragen zu den Euro-Rettungsmanövern bleiben die Ausnahme. Und die wenigen, die das Unterfangen zu interessieren scheint, bewegen sich auf Stammtischniveau: „,Scheitert der Euro, Scheitert die EU' – Frau Merkel, wer hat sich diesen völlig unsinnigen Spruch einfallen lassen? Ohne diesen Euro und diese aufgeblähte EU ging es den viel Bürgern besser!“ bemängelt etwa ein Nutzer.

„Viel hilft viel“

Angela Merkel wird sich etwas umstellen müssen, denn bislang wurde sie – jedenfalls bei YouTube – von derartigen Einlassungen verschont: Ihre wöchentlichen Videobotschaften im Internet, die bereits seit 2006 bei dem Videoportal eingestellt werden, sind einseitige Akte der Kommunikation.

Dass Regierungssprecher Seibert aber konsequenter als seine Vorgänger den direkten Zugang zum Wähler sucht, bewies er bereits Ende Februar, als er begann, Neuigkeiten aus dem Regierungskosmos über den etablierten Handykurznachrichtendienst Twitter unters Volk zu bringen

Nachdem er da exklusiv verkündet hatte, dass Angela Merkel im Juni in die USA reisen werde, empörten sich in der Bundespressekonferenz einige Parlamentskorrespondenten, die mit dem Dienst nichts anfangen konnten. Ob sie sich nun etwa einen Twitter-Account zulegen müssten, um künftig über relevante Termine der Kanzlerin informiert zu werden? Seibert & Co ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken.

Grundsätzlich gelte im Informationsgeschäft schließlich die Devise „Viel hilft viel“, hieß es lediglich süffisant. Außerdem sei man ja nicht nur ein Presseamt, sondern auch ein Informationsamt der Bundesregierung für alle Menschen in Deutschland, und da halte man es für richtig, diesen Weg zu gehen. Die Erlaubnis zum Twittern, die Seibert dabei half, als Sprecher ein eigenes Profil zu entwickeln, („Merkels zwitschernder Mund“ nannte es die „Süddeutsche Zeitung“) kam von der Kanzlerin persönlich.

Der Berliner Medienwissenschaftler Jo Groebel spricht von einem „durchaus bemerkenswerten Start“ des Regierungskanals. Man reagiere damit auf den Umstand, dass neben der öffentlichen Meinung inzwischen eine digitale Öffentlichkeit existiere, in der Regierungen präsent sein müssten, wenn sie Einfluss auf die Kommunikationsprozesse nehmen wollten. „Ich glaube aber nicht, dass jemand ernsthaft glaubt, so den Einfluss der Journalisten als vierte Gewalt abschwächen zu können. Aber solche Portale liefern ja auch Erkenntnisse darüber, was die Menschen umtreibt, was sie denken.“

Angesichts der Vielzahl der Nutzer ließen sich so durchaus Erkenntnisse von annähernd repräsentativem Charakter erzielen – und das innerhalb kurzer Zeiträume, sagt Groebel. Eines sei aber klar: „Der Druck auf die Regierung wird durch solche Angebote weiter steigen – eines Tages muss der Regierungssprecher dort vielleicht täglich auftreten.“