Nach Gaddafis Tod

Libyen auf dem Weg zur Demokratie

Nach dem Tod des gestürzten Staatschefs bereitet sich Libyen auf den Übergang zur Demokratie vor. Schon am Samstag soll die Befreiung der Gaddafi Herrschaft offiziell verkündet und damit ein Zeitplan für Verfassung und Wahlen in Gang gesetzt werden. Die Nato leitet unterdes das Ende des Militäreinsatzes vor.

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Übergangsregierung will am Samstag in Bengasi offiziell die Befreiung von Gaddafis Herrschaft verkünden. Damit würde ein Zeitplan in Gang gesetzt, der zur Ausarbeitung einer Verfassung und Wahlen führen soll. Die genauen Umstände von Gaddafis Tod waren am Freitag weiter unklar. Offen war auch, was mit der Leiche des früheren Despoten geschehen soll. Gaddafis Sohn Saif al-Islam wurde unterdessen laut dem Sender al-Arabija auf der Flucht gefasst. Bestätigt wurde der Bericht jedoch nicht. Die Nato leitete das Ende ihres Militäreinsatzes in Libyen ein.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle warb ebenso wie das UN-Menschenrechtskommissariat für eine Aufklärung der Todesumstände Gaddafis. Der Nationale Übergangsrat habe ein eigenes Interesse daran, die genauen Umstände der letzten Stunden aufzuklären, sagte Westerwelle in Berlin. Entscheidend sei, dass Libyen jetzt die Chance auf eine friedliche und demokratische Zukunft habe. Das UN-Menschenrechtskommissariat äußerte die Vermutung, Gaddafi sei hingerichtet worden. Gaddafis Frau Aischa, die im Nachbarstaat Algerien Asyl gefunden hat, forderte ebenfalls Ermittlungen.

Ölminister Ali Tarhuni hofft darauf, kommende Woche im Zuge des Übergangsprozesses zum Ministerpräsidenten ernannt zu werden, wie er Reuters sagte. Allerdings sei die ursprüngliche Ankündigung, dass binnen acht Monaten eine neue Verfassung geschrieben werden könne, möglicherweise zu optimistisch gewesen. Die Befreiungserklärung würde nach bisheriger Planung auch den Umzug des Nationalen Übergangsrats von Bengasi im Osten des Landes in die Hauptstadt Tripolis auslösen.

Nato-Kampfflugzeuge hatten nach Angaben der Allianz auch den Konvoi mit gepanzerten Fahrzeugen beschossen, mit dem Gaddafi aus Sirte fliehen wollte. Das Bündnis habe zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht gewusst, dass Gaddafi mit dem Konvoi unterwegs war. Elf der etwa 75 sehr schnell fahrenden Fahrzeuge seien getroffen worden. Der Konvoi habe eine große Menge Waffen und Munition transportiert und daher eine große Gefahr für die Bevölkerung dargestellt, erklärte die Nato. Der Beschuss habe vermutlich zu Gaddafis Ergreifung beigetragen. Der frühere Staatschef überlebte den Angriff, starb aber später in der Hand der Kämpfer der neuen Regierung.

Der französische Außenminister Alain Juppe erklärte, die Vereinten Nationen würden nach Gaddafis Tod eine führende Rolle in Libyen spielen. Der Nationale Übergangsrat müsse aber selbst darüber entscheiden, ob dies auch die Entsendung von Friedenstruppen umfassen solle, sagte Juppe am Rande eines Besuchs in Neu-Delhi.

Unklarheiten über Gaddafis Todesumstände

Unterdessen war weiter unklar, wann und wo Gaddafis Leichnam beigesetzt werden sollte. Ein Regionalkommandeur sagte, Gaddafi solle mit Würde und nach muslimischem Brauch binnen 24 Stunden beerdigt werden. Über den Ort sei allerdings noch nicht entschieden. Im Gespräch seien Sirte, Misrata, das Grab könne aber auch anderswo liegen, hieß es in Kreisen der Übergangsregierung.

Ölminister Tarhuni sagte, die Beerdigung Gaddafis werde sich noch um einige Tage verzögern. Es sei beschlossen worden, den Leichnam noch für einige Tage aufzubewahren, damit sich jeder davon überzeugen könne, dass Gaddafi tot sei. Derzeit befinde sich die Leiche in Misrata.

Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, erklärte, Gaddafi sei ins Kreuzfeuer von Regierungskämpfern und eigenen Anhängern geraten und habe dabei einen tödlichen Kopfschuss erlitten. Ein Gerichtsmediziner konnte demnach nicht feststellen, von welchen Kämpfern das Geschoss stammte.

Ein Mitarbeiter des Übergangsrates machte Kämpfer der Regierung für Gaddafis Tod am Donnerstag in Sirte verantwortlich. „Sie haben ihn sehr brutal verprügelt und dann getötet. Das hier ist Krieg.“ Zudem wurden weitere Versionen bekannt. Ein anderer Mitarbeiter der Übergangsregierung sagte etwa, Gaddafi sei in einem Krankenwagen verblutet. Nach offiziellen Angaben gab es keinen Befehl für seine Tötung.

Nato beendet Libyen-Einsatz

Nach fast sieben Monaten beendet die Nato ihren Militäreinsatz in Libyen. Der Nato-Rat trat am Freitag in Brüssel zu einer Sondersitzung zusammen, um das Ende des Einsatzes zu beschließen. Der militärische Oberkommandeur des Bündnisses, US-Admiral James Stavridis, teilte mit, er schlage die Beendigung des Einsatzes vor.

Der offizielle Beschluss, der am Freitagabend verkündet werden sollte, kam einen Tag nach dem Tod des libyschen Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi. Die Nato bestätigte am Freitag, dass ihre Flugzeuge am Donnerstag den Konvoi bombardiert hatten, mit dem Gaddafi aus der Stadt Sirte zu fliehen versuchte. Die Nato habe jedoch nicht gewusst, dass sich Gaddafi in einem der Fahrzeuge befand.

Stavridis teilte im Internetportal Facebook mit, er schlage das Ende des Einsatzes vor. „Ein guter Tag für die Nato. Ein großer Tag für das libysche Volk“, schrieb er. An dem Militäreinsatz hatten 12 der 28 Nato-Staaten sowie vier andere Länder teilgenommen. Unter anderem wurden rund 9600 Kampfeinsätze gegen militärische Einrichtungen der Gaddafi-Truppen geflogen. Damit sollte gemäß einer UN-Resolution die Zivilbevölkerung vor Drangsalierung durch die Gaddafi-Truppen geschützt werden.

>>> Foto: Aufnahme vom Versteck Ghaddafis, einer Betonröhre (ACHTUNG: drastische Darstellung)

>>> Foto: weitereAufnahme vom Versteck Ghaddafis (ACHTUNG: drastische Darstellung)