Expertenstreit

Offenbar mehr Opfer an DDR-Mauer als bekannt

Kurz vor dem Jahrestag des Mauerbaus ist der Expertenstreit um die genau Zahl der Todesopfer wieder neu entbrannt. Nach Angaben der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58. Eine endgültige Bilanz sei nicht absehbar.

Die innerdeutsche Grenze hat offenbar mehr Menschen das Leben gekostet als bislang bekannt. Es seien mittlerweile 1.303 Opfer des DDR-Grenzregimes ermittelt worden, teilte die private Arbeitsgemeinschaft 13. August mit. Die Recherchen seien „bei weitem noch nicht abgeschlossen“. Vor einem Jahr noch war die Zahl mit 1.245 Opfern angegeben worden.

Vergleiche aus unterschiedlichen Quellen brächten neue Erkenntnisse. Sie führten sowohl zur Streichung einiger Namen aus der Liste als auch zur Ermittlung bis dahin unbekannter Opfer, erläuterte die Arbeitsgemeinschaft, die ihren Sitz im Mauermuseum hat, die steigende Zahl.


Mit der Statistik werde nicht nur die Zahl getöteter Flüchtlinge vorgelegt, sondern auch die hohe Selbstmordrate unter den im Dienst befindlichen Grenzsoldaten dokumentiert, hieß es weiter. Darüber hinaus seien 21 getötete sowjetischen Fahnenflüchtlinge in der Liste enthalten. Zudem seien auch die Todesopfer vor dem Mauerbau aufgeführt. Zum einen habe die DDR schon am 26. Mai 1952 die innerdeutsche Grenze abgeriegelt, zum anderen habe es in Berlin vor dem Mauerbau die Sektorengrenze zur sowjetischen Besatzungszone gegeben, an der geschossen worden sei.



Streit um Zahl der Opfer


Zum 47. Jahrestag des Mauerbaus kocht damit auch der jahrelange Expertenstreit um die Zahl der Todesopfer an der Berliner Mauer wieder hoch. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft 13. August, Alexandra Hildebrandt, warf den Forschern vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam Geschichtsverfälschung vor. Die zuletzt vom Institut angegebene Zahl von 136 Todesopfern in den Jahren 1961 bis 1989 sei „ein Verbrechen“, sagte Hildebrandt. Nach den Recherchen der Arbeitsgemeinschaft wurden mindestens 222 Menschen getötet. Dies sind allerdings neun weniger als noch vor einem Jahr angegeben.

Aus Sicht von Hildebrandt müssen alle Opfer der deutsch-deutschen Teilung gezählt werden – auch jene, die vor 1961 ums Leben kamen. Zwischen 1945 und 1989 starben den privat recherchierten Daten zufolge 1303 Menschen im Zusammenhang mit Mauer, Grenzanlagen und Kaltem Krieg – 58 mehr als noch vor einem Jahr bekannt, wie Hildebrandt betonte. Zur aktuellen Statistik zählen unter anderem 639 tote Flüchtlinge an der innerdeutschen und 289 an der Berliner Grenze, 38 erschossene oder verunglückte Grenzsoldaten sowie 21 sowjetische Fahnenflüchtige.

Hildebrandt, die auch Chefin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie ist, sagte, eine endgültige Bilanz sei nicht absehbar, weil einige Quellen und Archive noch nicht geöffnet seien. Sie beklagte zudem, einige Behörden blockierten oder erschwerten den Zugang zu Akten.

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