Ganz so unaufgeregt, wie es sich Alois Mannichl wohl wünscht, wird sein Dienstbeginn am Mittwoch nicht verlaufen. Auch wenn es keinen Händedruck durch den Oberbürgermeister geben wird, Journalisten, Fotografen und einige Bürger werden sicher dabei sein, wenn der Passauer Polizeichef in seinen Amtssitz zurückkehrt. Mehr als drei Wochen war sein Schreibtisch leer geblieben; es war eine Krankmeldung, die Passau, Niederbayern, das ganze Land beschäftigt hat und über die Genesung Alois Mannichls hinaus weiter beschäftigen wird.

Denn noch immer wissen die Kriminalisten nicht, wer den Polizisten am Abend des 13. Dezember vor seinem Haus in Fürstenzell niedergestochen hat. Zornige Sätze eines etwa 1,90 Meter großen Mannes mit auffallenden Tattoos konnte der schwer verletzte Mannichl danach bezeugen – sie deuten klar auf einen rechtsradikalen Hintergrund des Täters hin. So konzentrierte die erst 20- und später 50-köpfige Sonderkommission ihre Ermittlungen auf die rechte Szene. Doch ohne Erfolg, bis heute. Einem Münchner Pärchen, das zu den „Freien Nationalisten“ zählt, konnte nach tagelanger Vernehmung keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden.

Mittlerweile hat das bayerische Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen von der Passauer Polizei übernommen. Mannichl wäre sonst in die Verlegenheit gekommen, in seiner eigenen Angelegenheit tätig werden zu müssen. Doch das LKA arbeitet derzeit noch den Ermittlungsstand auf. „Wir sind immer noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen“, sagte LKA-Sprecher Detlef Puchelt Morgenpost Online. Vorsichtig deutet er ein Versäumnis der Polizeiarbeit an: „Die neue Soko-Leitung war der Meinung, dass die Untersuchung des weiteren Umfelds wichtig sei.“ Gemeint ist damit die Umgebung des Tatorts. Bisher war die Spurensicherung nur um Mannichls Wohnhaus herum im Einsatz. Am Sonntag – drei Wochen nach dem Anschlag – suchten 30 Beamte des LKA auch angrenzende Grundstücke und einen Spielplatz ab. Zigarettenkippen und „Kleinkram“ werden nun in den LKA-Laboren untersucht.

Auch das zentrale Beweisstück, jenes Messer, mit dem Alois Mannichl angegriffen wurde, werden die Forensiker noch einmal unter die Lupe nehmen. Es gehörte dem Polizeichef, war wohl am 10. Dezember vor seiner Tür liegen geblieben, als sich Nachbarn trafen, um das Öffnen des zehnten Adventskalendertürchens am Hause Mannichl mit vorweihnachtlichem Essen zu zelebrieren. Ob sich auf dem Küchenmesser verdächtige Fingerabdrücke befinden, dazu will das LKA sich derzeit nicht äußern. „Wir haben Fingerabdrücke und auch DNA-Spuren sichergestellt“, sagt Puchelt, allerdings ohne sich konkret auf die Tatwaffe zu beziehen.


Weil es zunächst hieß, mit dem Messer sollten Lebkuchen geschnitten werden, muss sich Mannichl in rechtsradikalen Internetforen als „Lebkuchenheini“ beschimpfen lassen. Das Bayerische Verwaltungsgericht Regensburg, das die NPD-Demonstration am vergangenen Samstag durch Passau genehmigt hatte, untersagte explizit das „angekündigte sichtbare Mitführen von Lebkuchenmännern“. Die Lebkuchen seien dazu geeignet, die Ehre Alois Mannichls zu verletzen, so das Gericht. Die NPD hatte zwei Säcke vorbereitet.

Wenngleich das LKA weiter von einem rechtsradikalen Hintergrund ausgeht, wird mittlerweile auch unter Gothic-Freunden und Punks gefahndet. Mannichl war nicht nur unter Rechts-, sondern auch unter Linksextremen nicht gut gelitten. Bei Ausschreitungen ließ er Radikale unabhängig von ihrer Orientierung festnehmen.


Verloren hat sich dagegen offensichtlich eine Spur, die in die Eishockey-Szene führte. Eine Woche nach dem Anschlag soll sich bei einem Spiel der Passauer Black Hawks ein Fan mit der Tat gebrüstet haben. „Diese Spur betrachten wir nicht mehr als gewinnbringend“, sagte der LKA-Sprecher Morgenpost Online. Klaus Schweikl, Fanbetreuer der Black Hawks, wunderte sich von Anfang an über den Verdacht: „Eishockey-Fans sind anders als Fußball-Fans sehr friedliche Leute.“ Dass es Fans mit extremen politischen Einstellungen gebe, will Schweikl nicht ausschließen, offen habe sie aber nie jemand gezeigt.

Die 250 rechtsradikalen Demonstranten, die am Samstag durch Passau marschierten, machten keinen Hehl aus ihrer Gesinnung. „Gegen polizeiliche Willkür und Medienhetze!“ war das Motto ihres Protests. 1000 Polizisten waren im Einsatz, die Innenstadt war für viele Stunden lahmgelegt. An der Innpromenade passierten die Radikalen einen Ort, der bisher von solchen Umtrieben verschont geblieben war: das „Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus“.

Für Alois Mannichl bringt der Dienstbeginn am Mittwoch nur scheinbar den Alltag zurück. Wenn er die einen Kollegen abends verlassen wird, werden ihn die nächsten in Empfang nehmen: Der Personenschutz für den Polizisten bleibt bis auf Weiteres bestehen.