Vor dem Urteil

Die Sauerland-Zelle und die "beispiellose Gefahr"

Heute fällt das Urteil gegen die Sauerland-Gruppe. Trotz ihrer umfangreichen Geständnisse könnte der Richter sie lange ins Gefängnis schicken. Laut Bundesanwaltschaft wollten die vier Männer einen "einzigartigen Massenmord" anrichten. Die Verteidigung dagegen hält ihre Planungen für "untauglich".

Der Weg von Deutschland in den Dschihad glich einer Odyssee. Die jungen Männer wollten Gotteskrieger werden und dorthin gelangen, wo ihrer Hoffnung nach der „Heilige Krieg“ zwischen Christen und Muslimen tobt. Sie wollten als radikal denkende Muslime nach Tschetschenien, oder in den Irak, nach Afghanistan, an jene Fronten, von denen Islamisten schwärmen, und mit ihren Glaubensbrüdern kämpfen. Sie bestärkten immer wieder ihren Hass auf den Westen, besonders auf Amerika und dessen Soldaten.

Manchmal klang es auf absurde Weise wildromantisch und naiv, wenn die Angeklagten vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf ihre Erlebnisse im Nahen Osten schilderten.

Die Reise war beschwerlicher als erwartet. Es gab Rückschläge und Ernüchterungen, es war nicht leicht, die Fronten zu erreichen. Dann gelangten sie 2006 mit Hilfe von Schleusern ins pakistanische Waziristan. Dort änderte sich ihre Mission: In einem Terrorcamp der Islamischen Dschihad Union (IJU) wurden sie auf eine andere Aufgabe vorbereitet. Sie sollten neue Fronten schaffen, als Attentäter in der Bundesrepublik. Einige von ihnen legten im Lager für diese Mission einen Eid ab.

Die Aussagen der vier angeklagten Bombenleger vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf gaben seltene Einblicke in eine weit verzweigte, los miteinander verbundene, konspirative und chaotische Struktur des islamischen Terrors. Der Prozess gegen die Sauerland-Zelle hat deutlich gemacht, wie Angst und Schrecken weltweit verbreitet werden sollen, und dass auch die Bundesrepublik nicht davon verschont bleibt.

Am heutigen Donnerstag wird nach fast einjähriger Verfahrensdauer das Urteil gesprochen. Die beiden deutschen Islam-Konvertiten Fritz Gelowicz, 30 Jahre alt, und Daniel Schneider, 24, der Türke Adem Yilmaz, 31, und der türkischstämmige Deutsche Atilla Selek, 25, werden noch einmal auf ihre Plätze hinter dem Sicherheitsglas im Düsseldorfer Gerichtssaal geführt, und sie werden sich wieder vor dem Vorsitzenden Richter Ottmar Breidling und seinen Kollegen des 6. Strafsenats erheben müssen. Die Angeklagten haben lange Haftstrafen zu erwarten.

Sie haben umfassend gestanden und Vernehmungsbeamtem sowie dem Gericht geschildert, wie sie Bombenanschläge auf US-amerikanische Zivilisten in der Bundesrepublik verüben wollten. Der Prozess wurde somit wahrscheinlich um ein Jahr verkürzt.

Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft waren die Pläne der Sauerland-Gruppe „von der Dimension der Gefahr beispiellos“. Sie hätten einen „einzigartigen Massenmord“ geplant und den Tod von Frauen und Kindern riskiert. Chefankläger Volker Brinkmann warf ihnen vor, keine echte Reue gezeigt zu haben, emotionale Regungen seien ihnen fremd. Sie hätten sich mit ihren Geständnissen eine Strafmilderung erkaufen wollen. Vor allem Yilmaz blieb unbeeindruckt, grinste im Verfahren oft vor sich hin, provozierte in den ersten Verhandlungstagen immer wieder das Gericht und rief trotzig: „Ich stehe nur für Allah auf.“

Freilich wurde im Prozessverlauf unterschiedliche Grade des Fanatismus deutlich. Anführer Gelowicz und Komplize Adem schienen entschlossen gewesen zu sein, ihr Leben für den Dschihad zu geben. Selek wiederum war ein Mitläufer, hat aber die Zünder besorgt. Bei Schneider wurden immer wieder deutlich, dass er Zweifel an den Attentatsplänen. Er sagte in seinem Schlusswort: „Ich hätte anders handeln müssen und können.“ Ihm droht dennoch die längste Haftstrafe, weil er sich auch wegen versuchten Mordes am einem Polizisten verantworten muss. Er hatte bei der Festnahme am 4. September 2007 im sauerländischen Oberschledorn-Medebach einem Beamten die Pistole entrissen und versucht, auf ihn zu schießen. Die Bundesanwaltschaft hat für ihn 13 Jahre Haft gefordert.

Die Angeklagten konnten ihre Schuld ohnehin kaum noch leugnen, nachdem Ermittler vor Gericht stundenlang Abhörprotokolle über deren Gespräche verlesen hatten. In monatelanger aufwändiger Überwachung hatten Ermittler und Polizisten jeden Schritt der Verdächtigen überwacht. Sie begannen im Silvester 2006 damit, als Gelowicz und Selek erwischt wurden, wie sie US-Kasernen ausgespäht hatten.

Ohne die Wanzen in den Leihwagen und im sauerländischen Ferienhaus hätte man kaum etwas von den Anschlagsplänen erfahren. Es ist davon auszugehen, dass Richter Breidling sich in seiner Urteilsbegründung grundsätzlich zu Lauschangriff und Observation äußern und deren Notwendigkeit hervorheben wird. Dies hat er auch in anderen Islamisten-Prozessen getan.

Das Sauerland-Verfahren gewährte zudem Einblicke in die Ermittlungsarbeit. Es hatte durchaus Fehler gegeben. Die Beschattung wurde irgendwann von den Verdächtigen bemerkt. Bei der Festnahme konnten die Polizei mit ihrer schweren Schutzmontur nicht rasch genug Schneider folgen, der durch die Gärten der Siedlung floh und leicht Unbeteiligte hätte als Geiseln nehmen können. Allerdings gelang den Ermittlern vorher noch ein Coup. Sie tauschten im Ferienhaus unbemerkt das in Fässern gelagerte Wasserstoffperoxid für den Bombenbau gegen eine harmlose verdünnte Lösung aus.

Die Verteidiger der Angeklagten sagten, es sei der „größte untaugliche Versuch eines terroristischen Anschlags“ gewesen. Es habe keine wirkliche Gefahr für die Bevölkerung gegeben, weil die Attentäter stets überwacht gewesen seien. Die Ankläger argumentieren anders und hoben deren Kaltblütigkeit und Entschlossenheit hervor: Obwohl die Terroristen irgendwann bemerkt haben, dass sie überwacht werden, haben sie weitergemacht Gelowicz, Yilmaz und Schneider folgten ihrem Eid, den sie in Waziristan abgelegt hatten.