Jubiläum

Umzug an die Spree - 20 Jahre Berliner Republik

Vor 20 Jahren beschloss der Bundestag den Umzug der Regierung nach Berlin. Morgenpost Online geht der Frage nach, wie es heute um Berlin stehen würde, wenn das Parlament für Bonn gestimmt hätte.

Die steppenartige Ödnis des ausfasernden Tiergartens. Der Wind weht sanft durch die Leere der Landschaft. Im Spreebogen steht der viel zu riesenhafte Reichstag verloren herum und präsentiert seine angestaubte Ausstellung zur deutschen Geschichte. Im Sommer öffnet wenigstens das Zirkuszelt Tempodrom gegenüber seine Tore für die Konzertreihe „Umsonst und draußen“. In der John-Foster-Dulles-Allee warten Frauen auf fahrende und vor allem zahlende Kundschaft.

Berlin ohne Bundestag, ohne Ministerien und Gefolge. Es gäbe wohl in der Tat keinen guten Grund, den S-Bahnhof Lehrter Straße zu verlassen. Der Spaziergang sähe eher trostlos aus, ein Weg ins tote Ende des ehemaligen West-Berlins.

Doch es kam anders. Heute vor 20 Jahren, am 20. Juni 1991, entschied der Deutsche Bundestag nach einer historischen Debatte mit mehr als 100 Rednern, den Regierungssitz nach Berlin zu verlegen. Das knappe Ergebnis zugunsten der Hauptstadt erfolgte überraschend, hatte sich doch zuvor eine Mehrheit für den bestehenden Regierungssitz Bonn abgezeichnet. Doch dann kam die leidenschaftliche Rede Wolfgang Schäubles. Er kippte die Stimmung. Am Ende hieß es 338 Stimmen für Berlin, 320 für Bonn.

Was wäre also geschehen, wenn Berlin am Ende leer ausgegangen wäre? „Dann wären wir nicht hier, sondern in Bonn“, lacht Heino Thies aus Krefeld und verschwindet mit seiner Besuchergruppe im Paul-Löbe-Haus. An dessen Stelle würde noch immer der kleine Hain neben dem Reichstag stehen, den Besucher der Open-Air-Konzerte stets nutzten, um sich zu erleichtern. Tagsüber würden Studenten in der Sonne liegen und sich Frisbee-Scheiben zuwerfen oder gegen Bälle kicken. Das ist jetzt aus Sicherheitsgründen verboten. Vielleicht hätte sich ja ein großzügiger Investor erbarmt und mitten im Park einen Golfplatz angelegt – selbstverständlich mit großzügigen Fördermitteln.

Mythos Fünf-Millionen-Metropole

In Wirklichkeit führt die neue Gustav-Heinemann-Brücke heute die Besucher vom Hauptbahnhof rüber in das Regierungsviertel. Rechts steht das wuchtige Kanzleramt, das das Tempodrom verdrängte, links erhebt sich der Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel in neuem Glanz. Daneben erstreckt sich das Paul-Löbe-Haus mit den Büros der Bundestagsabgeordneten. Aus dem toten Ende West-Berlins ist das Zentrum der Berliner Republik geworden.

Eine Entscheidung gegen Berlin, sagt Volker Hassemer, der in den 90er-Jahren Senator für Kultur und Stadtentwicklung war und nun Vorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin ist, hätte sich katastrophal auf die Stadt ausgewirkt. Damals habe der Irrglaube geherrscht, Berlin werde sich auch ohne Regierung rasant zu einer Fünf- oder gar Sechs-Millionen-Metropole samt Konzernansiedlungen und Ost-West-Drehscheibe entwickeln. „Die Hauptstadtfunktion hätten wir so nebenbei mitgenommen“, beschreibt Hassemer die damalige Gefühlslage. Doch es kam anders. Die Firmenansiedlungen blieben aus, die Drehscheibe wurde Wien, und die Bevölkerungszahl stagnierte. Erst der Regierungsumzug hat sich als der entscheidende Entwicklungsmotor für Berlin erwiesen. Das Regierungsviertel sei das Energiezentrum für die Stadt, sagt Hassemer.

Viele kluge Köpfe gäbe es nicht

Etwa 20.000 Mitarbeiter haben Parlament und Regierung nach Berlin gebracht. Wo sie heute in ihren Einreihern und cremefarbenen Hosenanzügen zwischen den Parlamentsgebäuden hin- und hereilen, würden sonst versprengte Touristen Reichstag und Brandenburger Tor suchen. Wenn es anders gekommen wäre, wäre auch die Regierung heute eine andere und würde in Bonn agieren. Zwar hat sich an der Organisation der Ministerien in den vergangenen 20 Jahren seit dem Umzug wenig verändert. Aber der Standort Berlin hat die Arbeit für den Staat attraktiver gemacht, ist der Potsdamer Politik-Professor Werner Jann überzeugt. „Die Metropole zieht einfach andere Menschen an als das beschauliche Bonn“, sagt er. Die Mitarbeiterstäbe von Ministerien und Bundestag seien jünger, weiblicher und vor allem besser und vielfältiger ausgebildet als einst in dem Rheinstädtchen, sagt Jann. Mit Regierung und Parlament am Rhein wären dem Staat viele kluge Köpfe entgangen, sagt er.

„Ich bin ja selbst Mitte der 90er aus dem Westen hierhergewechselt, weil ich die Region spannend fand“, erzählt Wissenschaftler Jann und schlägt begeistert mit der Hand auf den Tisch, als meine er mit „hierher“ nicht die Metropolenregion, sondern sein Arbeitszimmer. Jann wollte der Berliner Republik beim Werden zuschauen. Er ist ihr „hinterhergerutscht“, wie er es ausdrückt. Als „Rutschbahneffekt“ bezeichnet er die Sogwirkung Berlins, die dafür gesorgt habe, dass Bonn im Laufe der Jahre trotz Bonn-Berlin-Gesetz rapide an Beamten und Bedeutung verloren hat. Auf der Rutschbahn sind ebenso Interessenvertretungen, Medien und Berater in die Hauptstadt geschlittert, die heute den Politikbetrieb viel stärker beeinflussen als einst in Bonn.

Der steinige Weg als Option

Wäre es anders gekommen – dann hätte sich Berlin sehr anstrengen müssen, glaubt der Vizepräsident des Bundestages, Wolfgang Thierse (SPD). Dann wäre Berlin womöglich der Gefahr erlegen, sich weiter auf Finanztransfers aus Bonn auszuruhen. Die Hauptstadt hätte sich zu einer Art Investitionsfass ohne Boden entwickelt, meint Thierse. „Davon wäre Berlin krank geworden.“

Nicht jeder allerdings ist der Ansicht, dass der Regierungsumzug mit seinen Milliardeninvestitionen der Stadt nur gutgetan hat. Ohne Zweifel wäre die Vereinigung der einst getrennten Stadthälften mit Straßen, neuen S-Bahn-Verbindungen und Versorgernetzen noch nicht auf dem Stand, wie sie es nun sei, sagt Gerhard Baum, Geografie-Professor an der Freien Universität. Doch Berlin sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur „von oben“ entwickelt worden. Eine Entwicklung aus eigener Anstrengung sei aber viel nachhaltiger, auch wenn sie länger dauerte. „Der Weg wäre steiniger, aber die Stadt wäre auf die Dauer global wettbewerbsfähiger“, glaubt Baum.

Brachen und Baustellen

Doch wie schwierig so ein Wachstum als „Nur-Hauptstadt“ ohne Ministerien wäre, zeigt ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung. Nach einem kurzen Zuwachs nach dem Mauerfall verlor die Stadt bis zum Regierungsumzug stetig Einwohner. Erst mit der Regierung kamen wieder mehr Neu-Berliner als gingen. 2.306.000 Zuzügler hat Berlin zwischen 1991 und 2010 verzeichnet, fast ebenso viele gingen laut Landesamt für Statistik. Abzüglich der Fortzüge kann die Hauptstadt ein Bevölkerungsplus von 118.000 Menschen vorweisen – fast 30 Prozent dieser Neu-Berliner kamen aus Nordrhein-Westfalen.

In einem Berlin ohne Regierung hätten sie weit laufen müssen, um von dem heutigen Standort der Abgeordnetenbüros im Paul-Löbe-Haus auf die andere Seite der Spree zu gelangen. Anfang der 90er-Jahre gab es dort lediglich die Moltkebrücke. Die von dem spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfene Kronprinzenbrücke sowie der Fußgängersteg zwischen dem südlichen und nördlichen Spreeufer wurden erst Jahre später errichtet, so wie auch der Hauptbahnhof, das neue Ost-West-Schienenkreuz.

Die Kronprinzenbrücke verbindet nun die Bundestagsbüros, das Presseamt sowie die Bibliothek des Bundestages mit den auf der anderen Seite der Spree befindlichen Ministerien.

Und ohne Regierung? In den Schuppen westlich des Spandauer Schifffahrtskanals, wo der Mauerradweg entlangführt, hätten sich vielleicht ein paar Künstler Lofts eingerichtet. Der Senat hätte eventuell ein Förderprogramm für Kreative aus der ganzen Welt aufgelegt, die ungenutzte Gebäude besiedeln würden oder die Fassaden heruntergekommener Bürobauten mit Kunst ansehnlicher machen würden. Das Quartier zwischen den Ortsteilen Mitte und Moabit bliebe eine der zahllosen Brachflächen, die sich in der Stadt erhalten hätten.

An der Chausseestraße, wo die Dänin Kirsten Brix mit ihrem Mann nach der richtigen Richtung für ihre Fahrradtour sucht, befindet sich die derzeit größte Baustelle des Bundes in Berlin – und schließt so eine dieser Bruchstellen der Stadt. Dort entsteht die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. 2013 soll sie fertig sein und Arbeitsstätte für 1500 Neu-Berliner werden. Alleine die Baukosten liegen bei 1,5 Milliarden Euro.

Berlin ohne Regierung? Kirsten Brix zuckt die Schultern. Berlin sei eine „lovely city“, sagt sie – mit oder ohne Regierung. Die Stadt habe ihr beim ersten Besuch vor zwei Jahren so gut gefallen, dass sie auf die Idee kam, 50 Jahre nach dem Bau der Mauer den Mauerradweg abzufahren.

Statt Britischer Botschaft ein McDonald's

Zurück in Mitte führt der Spaziergang durchs Brandenburger Tor auf den Pariser Platz. Statt der britischen Botschaft stünde neben dem „Hotel Adlon“ vielleicht ein McDonald's. Ein Platz zum Rasten für die Touristen, die sich vor dem Brandenburger Tor fotografieren. Der Imbiss an dieser Stelle hätte immerhin die Konsequenz, dass die Wilhelmstraße durchgängig befahrbar wäre. Der Verkehr müsste sich nicht durch Nebenstraßen schlängeln, weil wir in der Wirklichkeit von Heute um die Sicherheit der Briten fürchten müssen.

Aber es kamen nicht nur die Briten, sondern die Vertreter fast aller Nationen. Die kurioseste Botschaft befindet sich an der Glinkastraße in Mitte. Es ist die hermetisch abgeriegelte Vertretung Nordkoreas. Ein Schaukasten am Zaun kündet von den Wohltaten des Geliebten Führers Kim Jong-il.

„Die Mischung aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und Firmen macht den Reiz aus, Berlin zu besuchen“, sagt der 61-jährige Friedhelm Stefener aus Osnabrück. Bestimmt zehn Mal seit dem Mauerfall habe er die Stadt besucht. „Wenn man mal zwei Jahre nicht da war, erkennt man manche Orte nicht wieder“, sagt er. So sei es beim Potsdamer Platz, dem Regierungsviertel und auch beim Hauptbahnhof gewesen. „Berlin verändert sich von Jahr zu Jahr, das ist das spannende.“ Nicht an der Oberlandstraße. Sie sieht aus wie immer. Die laute Durchgangsstraße von Tempelhof nach Neukölln ist von mehrstöckigen Wohnhäusern gesäumt. In der Mitte der Straße liegen die Ufa-Studios, aus denen Dieter Thomas Heck 15 Jahre lang die „Hitparade“ präsentierte. Schräg gegenüber davon befindet sich ein ockerfarbener Zweigeschosser. Vermutlich würde das ZDF noch heute sein Hauptstadtstudio darin betreiben. Doch mit dem Regierungsumzug bauten die Mainzer wie alle anderen Medien ihre Berlin-Präsenz deutlich aus. Der Zweckbau ist längst verlassen. Stattdessen sendet das ZDF aus dem eleganten Zollernhof Unter den Linden, dem ehemaligen Hauptsitz der FDJ. Die ARD-Repräsentanz ist in der Nähe untergebracht. Die Medien suchen die räumliche Nähe zu den Regierenden.

Stadtschloss-Debatte hätte keine Fahrt aufgenommen

Der Spaziergang führt „die Linden“ hinab und endet dort, wo einst der Palast der Republik stand. Ohne Umzugsbeschluss hätte die Debatte um den Wiederaufbau des Stadtschlosses nie eine solche Dynamik entwickelt. Nun soll Ende 2013 mit dem Bau begonnen werden. Hinter dem Areal befindet sich das ehemalige Gebäude des Staatsrates der DDR. Hier lag Jahre später die Schaltzentrale des Regierungsumzuges. Stabsleiter Manfred Rettig war der Herr über die fünf Milliarden Euro, die der Bund in Berlin verbaute. Von Anfang an sei klar gewesen, dass es möglichst viele Standorte geben solle, damit kein Regierungsgetto entstehe, erinnert sich Rettig. Heute sitzt er gleich nebenan im Kronprinzenpalais. Er ist Chef der Schloss-Stiftung, die im Auftrag des Bundes die Gestaltung des Humboldtforums leitet. Die Mammutaufgabe des Umzuges hatte in der Geschichte keine Vorbilder, umso leidenschaftlicher warfen sich die bis zu 80 Mitarbeiter Rettigs in die Arbeit. Heute, 20 Jahre später, ist Rettig zufrieden mit dem Ergebnis. Die Bundesregierung ist in Berlin angekommen, sagt er. „Und Deutschland beginnt sich Gedanken darüber zu machen, was für eine Hauptstadt Berlin eigentlich sein soll.“

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