Die aktuelle Finanzkrise ist nach Ansicht des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx auch dadurch ausgelöst worden, dass die Menschen sich dem Turbo-Kapitalismus nicht entschlossen genug widersetzt hätten. Der Kapitalismus habe zu der Ideologie geführt, dass die Märkte nicht mehr zu bremsen seien.

Und die Menschen hätten geglaubt, sich dem entfesselten Kapitalismus anpassen zu müssen, sagte Marx, der in der Deutschen Bischofskonferenz für soziale Fragen zuständig ist, beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München. „Die Finanzkrise ist Ausdruck dieser Ideologie, die in weite Teile der Gesellschaft eingedrungen ist.“ Dabei sei es versäumt worden, die Entfesselung der Märkte rechtzeitig einzudämmen.

Der katholische Geistliche forderte gleichzeitig mehr ethische Verantwortung in der Wirtschaft. „Eine Wirtschaftsordnung, die nicht auf einem ethischen Fundament ruht, wird keine Zukunft haben.“ Zur Überwindung der Finanzkrise seien globale institutionelle Regeln, mehr Selbstverpflichtungen der Unternehmen, aber auch das Engagement eines jeden Einzelnen gefragt.

Nicht Gewinnstreben solle im Mittelpunkt eines Wirtschaftssystems stehen, sondern der Mensch, sagte Marx. Er kritisierte, dass die Gewinne bei den Banken blieben, Risiken und Kosten der Krise aber auf die Allgemeinheit abgewälzt würden. Das sei die „größte Ungerechtigkeit“. Stattdessen solle sich beispielsweise jeder Bankberater fragen, ob er anstelle seines Kunden das empfohlene Produkt selbst kaufen würde.

Er forderte den Aufbau von Institutionen wie den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, die die Einhaltung vereinbarter Finanzregeln überwachen sollen. Den Haag zeige, dass ein international wirksamer Ansatz grundsätzlich möglich sei, so der Erzbischof.

Insbesondere Christen sollten Verantwortung für eine Neuausrichtung des Finanzsektors übernehmen, so Marx. Es nütze allerdings wenig, immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen und etwa kriminelle Machenschaften einzelner Manager anzuprangern. Der Erzbischof wörtlich: „Wir können nicht in den Himmel kommen und dem lieben Gott sagen 'Ich bin nicht vorbestraft!' – das ist zu wenig.“

Deshalb sollten die Christen sich kritisch zu Wort zu melden und „Politikern auf die Füße zu treten“. Sie sollten sich für eine neue Weltinnenpolitik stark machen.

Weiter warnte Marx vor einer Wirtschaft ohne ethisches Fundament. Sie wirke zwangsläufig zerstörerisch. „Wir wollen keinen freien, wilden Kapitalismus, sondern eine weltweite Marktwirtschaft, die in Regeln eingeordnet ist“, meinte er. So forderte er neben gesetzlichen Regelungen eine Selbstverpflichtung von Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften.

Auch an der Hartz-IV-Gesetzgebung ließ der Bischof kaum ein gutes Haar. Es könne nicht richtig sein, wenn ein Arbeitnehmer, der beispielsweise mit 51 Jahren seinen Arbeitsplatz verloren hat, bis zur Rente in Hartz IV bleiben müsse, sagte er. Langzeitarbeitslosigkeit sei ethisch nicht akzeptabel und führe in die Altersarmut.

Die Soziale Marktwirtschaft, zu der es keine Alternative gebe, müsse so ausgerichtet sein, dass sie „Chancen für alle“ biete, betonte Marx. Diese Wirtschaftsform sei zwar keine „karitative Veranstaltung“, könne aber Menschen in existenziellen Krisen wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit absichern.

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) bezeichnet die Soziale Marktwirtschaft als Zukunftsmodell für die globalisierte Wirtschaft. Voraussetzung dafür sei jedoch eine Regulierung der Finanzmärkte. In der wirtschaftspolitischen Diskussion kommt Zeil zufolge der Mittelstand zu kurz. In der Krise hätten viele dieser Unternehmer „mit höchster sozialer Verantwortung“ ihre Belegschaften gehalten.

Für den globalen Wettbewerb sieht der Unternehmer Randolf Rodenstock, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die deutschen Firmen gut aufgestellt. Um sich aber auch in Zukunft gegen den Wirtschafstraum Asien mit seinen niedrigeren Löhnen behaupten zu können, müssten die deutschen Unternehmer noch mehr auf die Flexibilität, Motivation und vor allem Bildung ihrer Mitarbeiterschaft setzen. Deshalb sollte für Bildung weit mehr Geld in die Hand genommen werden. Es sei ein „Drama“, dass 20 Prozent der Schulabgänger nicht ausbildungsfähig seien, sagte Rodenstock.

Andreas Barner, Sprecher des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, kritisierte börsennotierte Firmen, die ihr Denken nur an Gewinnmaximierung ausrichteten. „Wir müssen weg von dieser Fixierung auf Quartalsberichte.“ Er bezeichnete Börsenkurse als den „schwächsten Indikator für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens“. Viel entscheidender sei eine nachhaltige Firmenpolitik, wie sie viele kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland betrieben.

dpa/KNA/epd/mv