O-Ton Deutschland

"Ich bekomme Hartz IV und putze ehrenamtlich"

Martina T. ist Hartz-IV-Empfängerin und säubert die Toilette einer Grundschule – ehrenamtlich. Den unbeliebten Job macht sie gern, auch ohne Geld.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Martina T. ist 44 Jahre alt und Servicekraft an einer Grundschule im Ruhrgebiet. Die allein erziehende Mutter von zwei Kindern (19 und 7 Jahre alt) erhält außerdem aus Hartz IV monatlich 1094,15 Euro für drei Personen. Die Miete ist darin enthalten. Ihr dritter Sohn, 16, lebt beim Vater. Die Debatte, ob gemeinnützige Arbeit ausgeweitet werden sollte oder damit reguläre Stellen verdrängt werden, trifft Martina T. ganz konkret.

"Ich bekomme Hartz IV. Ich gehe jeden Morgen in eine Grundschule im Ruhrgebiet und führe dort die Aufsicht auf der Toilette. Ich erinnere die Kinder daran, sich ihre Hände zu waschen und desinfiziere und reinige, wenn mal was daneben geht. Es sollte immer einwandfrei und hygienisch auf den Toiletten sein. Denn keiner von uns möchte, dass sein Kind auf dem Urin des anderen sitzen muss.

Ich helfe auch noch in der Lehrerküche, kopiere Arbeitsblätter, ziehe Kindern eine neue Hose an, wenn sie nass geworden ist, und wenn jemand einmal wieder in einen Hundehaufen getreten ist, hole ich den Schrubber raus und mache sauber. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich täglich von 8 bis 14 Uhr, 30 Stunden in der Woche. Ich wurde von einer Beschäftigungsförderungsgesellschaft eingestellt und bekam zwei Euro pro Stunde zusätzlich.

Leider ist die Maßnahme ausgelaufen. Aber ich arbeite ehrenamtlich weiter. Denn die Lehrer sind Menschen mit einer hohen Bildung, die Steuern zahlen und denen ich etwas zurückgeben kann. Ich würde mich freuen, wenn ich ein bisschen mehr Geld hätte. Aber das ist nicht entscheidend. Arbeiten gehört zum Leben. Ich kann 230 Kindern täglich zeigen, dass ich unbeliebte Tätigkeiten mit einem Lächeln im Gesicht und mit Stolz mache.

Die Kinder kommen alle gerne zu mir, kommen kuscheln, erzählen ihren Kummer und ihre Freuden. Es gibt nicht Schöneres. Gerade unsere Kinder sollten lernen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Da bin ich genau an der richtigen Stelle gelandet.

Ich bin schwer vermittelbar aufgrund meiner körperlichen Einschränkungen. Ich habe Arthrose in ziemlich vielen Gelenken. Die schwellen häufig an, sind entzündet, dann kann ich nicht lange laufen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich arbeitsunwillig bin. Ich gehe trotzdem zur Arbeit – es macht süchtig. Es gibt jede Menge Energie, die noch in mir steckt.

Früher war es so schlimm gewesen, dass ich noch nicht mal mehr Kartoffeln schälen konnte. Ich konnte feinmotorisch überhaupt nichts mehr machen. Ich habe sogar einen Rollator bekommen, das hat auch mit der Psyche zu tun. Wenn man von keinem gebraucht wird, dann wird man krank. Man denkt zuviel nach, hat keine Ablenkung und fühlt sich fürchterlich allein. Durch die Arbeit kriegt man Lebensqualität, Spaß und Freude.

Ich bin 44 Jahre, Mutter von drei Kindern und habe zwei Berufe gelernt. Ich habe nach meinem Hauptschulabschluss mit 15 Jahren angefangen als Bäckerfachverkäuferin. Mein Lehrer sagte meiner Mutter, da ist eine Stelle frei, und zack war ich da. Ich hatte noch nicht allzu viel Mitspracherecht. Ich habe mit guten Noten abgeschlossen, aber es war nie meine Leidenschaft. Ich wollte etwas anderes machen. Ich habe vier Jahre gearbeitet und mich dann zur Oecotrophologin, also Hauswirtschafterin, ausbilden lassen.

Die gesundheitlichen Probleme haben vor genau zwanzig Jahren angefangen. Das hat sich so über die Jahre ausgebreitet: Knie, Wirbelsäule, Schultern, Hände, Füße. Ich sollte eine Umschulung bekommen als Verwaltungsfachangestellte. Dann bin ich schwanger geworden. Von Staatshilfe lebe ich seit der Trennung von meinem Mann. Das ist zehn Jahre her.

Als mein drittes Kind in die Schule und den Kindergarten kam und bis nachmittags dort war, ist mir langsam die Decke auf den Kopf gefallen. So lange kann man doch keinen Haushalt machen. Jeder Mensch, der allein zu Hause ist, verdummt irgendwann. Nur Fernsehen und Internet, das kann nicht wirklich das Ziel im Leben sein. Man wird scheu und kauzig.

Da habe ich bei der Arbeitsagentur nachgefragt, ob ich einen Ein-Euro-Job haben kann. Von denen habe ich bis dahin nichts angeboten bekommen. Ich war arbeitslos gemeldet, aber es hat nicht ein einziges Mal einer verlangt, dass ich mich bewerbe. Weil die von der Arge wahrscheinlich auch nicht wussten, was sie mit mir machen sollen – hab zu viele Einschränkungen. Ich bin mit dem Jobcenter in Kontakt gekommen, als ich mit den Kinder ausziehen sollte und Hilfe beim Umzug brauchte. Dadurch hatte ich auch eine Fallmanagerin beim Jobcenter. Leider hat mir das nie geholfen.

Ich habe einmal im Monat um einen Termin bei Fallmanager gebeten, aber man hat mich darauf aufmerksam gemacht, ich soll das bitte lassen. Man wird mich anrufen, wenn es etwas gibt. Arbeitsvermittlung findet nicht wirklich statt. Ich denke mir auch, dass da viel zu wenig Personal da ist und viel zu wenig Engagement von den Menschen, die da selbst arbeiten, ich weiß es auch nicht.

Der Ein-Euro-Job in der Grundschule ist mir am Anfang super schwer gefallen. Man muss sich daran gewöhnen. Das Aufstehen war nicht das Problem. Ich habe ja schulpflichtige Kinder. Aber ich war kaputt, wenn ich nach sechs Stunden nach Hause kam und den Haushalt machen musste und dann Hausaufgaben mit den Kindern. Ich hatte innerhalb der ersten drei Monate schon einen Krankenschein.

Man musste sich auch erst einmal kennen lernen. Ich war nicht sicher: Akzeptiert man mich, will man mich? Ich dachte, dass es Vorurteile gibt. Ich als Toilettenfrau und dann die Lehrer, also studierte Menschen. Ich habe denen von Anfang an allen gesagt, dass ich diese Tätigkeit mache, weil ich arbeiten will, dass ich zeigen will, es geht, ich kann noch etwas tun. Das Erstaunliche für mich war: Es gab überhaupt keine Vorurteile. Wir sind immer mehr auf Tuchfühlung gegangen. Irgendwann gehörte ich dazu. Das ist ein super Betriebsklima, tolle Menschen. Ich gehöre zu einer Gruppe, ich lache viel. Arbeiten ist Lebensqualität, finde ich.

Es gibt eine ganze Menge von Leuten, die ich privat kenne, die sollte man zur Arbeit prügeln. Herr Westerwelle hat ja teilweise Recht. Alles geht, man muss sich nur anstrengen. Ich denke, vielen Menschen gehen die Werte verloren. Aber es gibt auch eine ganze Menge Leute, die wollen arbeiten, und die hat Herr Westerwelle halt nicht genannt. Wenn man uns alle über einen Kamm schert, nur weil wir Hartz IV beziehen, ist das ganz schlecht. Es stecken viele Einzelschicksale dahinter.

Die Bundesregierung, egal welche Partei es ist, ist ziemlich weit weg von der Welt, von uns da unten. Statt den Leuten Hartz IV zu geben, sollten sie Arbeit geben. Die meisten von den Hartz-IV-Empfängern sind doch bereit dazu. In meinem Umfeld, und das ist ein sozial normales Umfeld, wollen alle arbeiten.

Ich habe ja neben meiner Arbeit in der Grundschule auch noch ein Kunstgewerbe. Ich modelliere mit Polymer Fimo, stelle Perlen her und mache Ketten. Ich denke, wenn ich das groß aufziehen und mich selbstständig machen würde, dann würde ich das auch noch schaffen. Die Traute dazu habe ich noch nicht gehabt. Aber ich habe die ersten 200 Versandtaschen hier.“

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