Alterssicherung

Die Rente mit 67 sind wir den Kindern schuldig

Eine Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Rente mit 67 ab. Doch sie ist unabdingbar, wenn die Jugend den Generationenvertrag erfüllen soll.

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Wenn es um die Rente mit 67 geht, ist viel von Gerechtigkeit und Fairness die Rede, von einem angemessenen Lohn für die erbrachte Lebensleistung. Die Meinung der Bevölkerung hierzu ist eindeutig: Sie lehnt mit großer Mehrheit den späteren Ruhestand ab.

Man möchte es den älteren Arbeitnehmern, vor allem den schwer schuftenden Malochern, nicht zumuten, länger als bisher üblich im Job zu bleiben, heißt es. Und kaum ein Berufstätiger will selbst später in Rente gehen als die heutigen Senioren. Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten von ihrer Mitwirkung an der ungeliebten Reform nichts mehr wissen wollen und die Wähler mit Versprechungen locken.

Wie aber wollen wir das Murren über die Rente mit 67 unseren Kindern erklären? Sie werden mit Turbo-Abi und Schnellstudium durchs Bildungssystem gejagt. So rasch wie möglich sollen die Jungen und Mädchen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Schließlich werden sie als Steuer- und Beitragszahler dringend benötigt. Ein Stück unbeschwerter Jugend wird ihnen so genommen – denn die Wirtschaft braucht den Nachwuchs, die Demografie fordert ihren Tribut. Damit leisten die Kinder von heute einen äußerst frühen Beitrag für einen Generationenvertrag, der lange vor ihrer Geburt geschlossen wurde.

Ihnen gegenüber stehen die Babyboomer, die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge, die sich allmählich dem Rentenalter nähern. Die heutigen Kinder können nichts, aber auch gar nichts dafür, dass sie so wenige sind, und wir – die Senioren von morgen – so zahlreich. Viele Babyboomer haben im Gegensatz zu ihren Eltern auf Nachwuchs verzichtet und damit die grundlegende Schwäche des staatlichen Alterssicherungssystems offenbart: Man erwirbt mit seinen Beitragszahlungen Rentenansprüche für die Zukunft, deren Erfüllung niemand garantieren kann – auch wenn Politiker gerne das Gegenteil suggerieren.

Rentenversicherung ist keine Versicherung

Irreführend ist schon der Begriff „Rentenversicherung“. Hier wird der Eindruck erweckt, die während des Erwerbslebens geleisteten Beiträge würden wie bei einer Lebensversicherung angespart und könnten im Alter ausgezahlt werden. In Wirklichkeit lebt das System von der Hand in den Mund. Die von den Aktiven gezahlten Beiträge fließen umgehend in die Taschen der jeweiligen Rentner.

Dieses Umlageverfahren funktioniert somit wie der Generationenvertrag in einer Familie: Die Jungen alimentieren die Alten. Mit den Rentenbeiträgen kommen wir unserer moralischen Verpflichtung nach, unsere Eltern im Alter nicht im Stich zu lassen.

Doch haben wir mit diesen Zahlungen noch überhaupt nichts für unsere eigene Altersvorsorge getan. Es ist ein fataler Irrglaube, dass viele Arbeitnehmer meinen, mit ihren Rentenbeiträgen hätten sie sich einen auskömmlichen Lebensabend gesichert. Das Geld ist schon morgen ausgegeben. Und wie viel Geld in die Rentenkasse fließt, wenn sie dereinst selbst in den Ruhestand gehen werden, muss politisch immer wieder neu ausgehandelt werden. Nur Kinder – so sie denn gut ausgebildet sind – und angespartes Kapital sichern die Zukunft, und beides ist hierzulande knapp.

Es ist der Jugend von heute nicht zu vermitteln, dass sie in ihrem späteren Berufsleben immer größere Soziallasten schultern soll, während Millionen jung gebliebener Rentner in den Parks die Tauben füttern. In einer Familie würde der Senior schließlich auch nicht seinen Kindern tatenlos bei der Arbeit zuschauen. Um das Los der zukünftigen Beitragszahler erträglich zu halten, müssen die Babyboomer länger erwerbstätig bleiben. Eine Gesellschaft, in der eine Mehrheit der Bevölkerung nicht arbeitet und somit auch keine Teilhabe am Arbeitsleben hat, ist weder überlebensfähig und schon gar nicht erstrebenswert.

Unsere Kinder werden sich der düsteren Zukunft entziehen

Es bedarf keiner Kassandra für die Prophezeiung, dass unsere Kinder Mittel und Wege finden werden, sich einer solchen düsteren Zukunft zu entziehen. Drei Fluchtwege stehen ihnen in jedem Fall zur Verfügung, sollte die Überalterung der Gesellschaft ihre ökonomischen Perspektiven zerstören.

Wenn sich in Deutschland Arbeit nicht mehr lohnt, weil die künftigen Rentner ohne Rücksicht auf die nachfolgenden Generationen auf ihre Besitzstände pochen, werden die Jungen entweder die Arbeit einstellen oder aber in die Schattenwirtschaft gehen. Oder sie flüchten ins Ausland. In einigen Regionen Ostdeutschlands ist diese Schreckensvision bereits Realität. Die Rente mit 67 ist unabdingbar, damit die Jüngeren den Generationenvertrag nicht aus schierer Notwehr heraus kündigen.