Präsidentschaftswahlkampf

Mit Obama könnten die USA Geschichte schreiben

| Lesedauer: 9 Minuten
Adriano Sack

Er musste Skandale überstehen, blamierte sich mit Schnellschüssen, schien chancenlos gegen Politprofi Hillary Clinton. Dennoch kann Barack Obama jetzt US-Präsident werden. Sein Sieg wäre historisch. Zwei Dinge können ihm noch gefährlich werden: sein unkonventioneller Stil und der weiße Mann John McCain.

„Habt Ihr mehr Angst vor einem Raubtier oder vor Hillary Clinton?“, fragte der Anheizer einer Fernsehtalkshow das Saalpublikum, als sich die demokratische Präsidentschaftskandidatin mal wieder in ihren Gegenspieler verb issen hatte. Im Austeilen mindestens so erprobt wie im Einstecken, machte Clinton ihrem Parteifreund Barack Obama im Laufe der vergangenen fünf Monate jeden greifbaren Vorwurf: die Ausfälle seines ehemaligen Pastors, Überheblichkeit gegenüber den einfachen Amerikanern, Ungeschick auf der Bowlingbahn, die fehlende Anstecknadel mit der Nationalflagge am Revers, den vermeintlich mangelnden Patriotismus seiner Ehefrau Michelle, die fehlende Erfahrung – und, so unauffällig es ging, natürlich auch seine Hautfarbe.

Bei einer Kernzielgruppe der Demokratischen Partei, den weißen Arbeitnehmer, schneide er zuverlässig schlecht ab, erklärte sie, als kaum noch einer ihrer eigenen Bewerbung eine Chance gab. Mit dem Schwarzen Obama, hieß das, sei eine Wahl nicht zu gewinnen.


„Sie sind sympathisch genug“, hatte er ihr bei einem Fernsehduell mit unverhohlener Kälte attestiert. Das war einer der Momente, in denen ihn seine Konzilianz verließ und erkennbar wurde, wie verbissen auch er kämpfte. Wie sympathisch Hillary Clinton ist, konnte man beobachten, als sie nach den letzten Vorwahlen am vergangenen Dienstag es nicht über sich brachte, Obama zum Sieger zu erklären, sondern ihre „18 Millionen Wähler“ aufforderte, sie weiterhin zu unterstützen. Die Schlacht mag sie verloren haben, aber das wird sie nicht davon abhalten, dem Sieger das Leben schwer zu machen.


Obama dagegen fand in seiner Siegesrede am Dienstag warme Worte für seine Rivalin. Es handelte sich dabei selbstverständlich nicht um neu entdeckte Zuneigung. Er braucht ihre Wähler, er braucht ihre Spender. Fast unterwürfig betonte er, er sei ein besserer Kandidat, weil er sich mit Hillary Clinton habe messen müssen.


Konservative Moderatoren nennen ihn gern Barack Hussein Obama

Vielleicht hat er das in der „New York Times“ gelesen. In ihrer traditionell ausgesprochenen Wahlempfehlung sprach sich die Zeitung im Januar für Hillary Clinton (und für John McCain) aus, doch vor einigen Wochen degradierte man sie zur idealen Sparringspartnerin für Barack Obama. Die Unerbittlichkeit ihrer Wahlkampfmaschine, ihre Überlegenheit in den Fernsehdebatten, die irrationalen Tiefschläge ihres Mannes Bill, des ehemaligen Präsidenten, all das habe dem relativen Neuling einen Vorgeschmack auf das gegeben, was ihn im richtigen Wahlkampf erwarte.

Diese Argumentation hat einiges für sich. Bisher haben sich die Republikaner in Ruhe ansehen können, wie sich die zwei potenziellen Gegner gegenseitig demontieren. Zwar betont McCain vorerst noch, er wolle sich auf die von seiner Partei in den letzten Jahren perfektionierte Disziplin der Schlammschlacht nicht einlassen, aber schon bald wird sich Barack Hussein Obama, wie ihn konservative Moderatoren gern nennen, zurück sehnen nach dem gemütlichen Schaulaufen gegen Hillary.

„Wir sind am Ziel einer historischen Reise und am Beginn einer neuen“, sagte Barack Obama am Dienstag vor 25.000 Fans in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Die Statistik spricht für ihn: Nach acht Jahren, also zwei Amtsperioden, wählen die Amerikaner fast automatisch den Kandidaten der anderen Partei, die wirtschaftliche Lage im Wahljahr gibt normalerweise den Ausschlag, schlechte Umfragewerte für den amtierenden Präsidenten helfen der gegnerischen Partei, auch wenn dieser nicht wieder antritt. Eigentlich also müsste den Demokraten der Sieg in den Schoß fallen.

Eine Kandidatur, so mitreißend wie riskant

Unabhängig davon, ob man den Berichten von strategischen Fortschritten glaubt: Der Krieg im Irak dauert zu lange, kostet amerikanische Soldatenleben und viel Geld. Die Lebenshaltungskosten (vor allem die Benzinpreise) steigen, das Gesundheitssystem ist katastrophal, die Bildungseinrichtungen unterhalb der Privatschulen und Elite-Universitäten verrottet, Hunderttausende von Immobilienkrediten sind geplatzt, die hart kämpfende Mittelschicht verliert ihre Häuser. Die Beliebtheitswerte von George W. Bush sind auf einem Rekordtief, 80 Prozent der Amerikaner haben das Gefühl, ihr Land sei auf dem falschen Weg.

Und jetzt bewirbt sich einer, der den Irak-Krieg von Anfang an ablehnte, an dem nichts vom Schmutz der letzten Jahre zu kleben scheint, der aufgrund seiner Jugend und seiner Herkunft genau das verkörpert, was er auch verspricht: Einen grundsätzlichen Wechsel. Er wolle nicht den Wandel nach Washington bringen, er wolle Washington selbst verändern, erklärte Obama immer wieder. Damit gewann er viele, besonders junge und schwarze Menschen, die vorher noch nie gewählt haben. Ein Hoffnungsträger in schlechten Zeiten.


Tatsächlich aber ist seine Kandidatur genau so mitreißend wie riskant. Selbst wenn man davon ausgeht, dass er keine weiteren Leichen im Keller hat wie seinen spirituellen und rhetorischen Ziehvater, den Pastor Jeremiah Wright, hat sich schon jetzt gezeigt, wie gefährlich ihm seine Unerfahrenheit werden könnte. Seine Aussage, dass er sich auch mit den Führern befeindeter Staaten ohne Vorbedingungen an einen Tisch setzen würde, versucht er mit Markigkeit vergessen zu machen. Seine bei einer Veranstaltung in San Francisco geäußerte Meinung, dass sich Menschen aus Verbitterung über ihre Lebensumstände an Waffen, Religion und Vorurteile klammern, wurde zum „Bittergate“ hochstilisiert und als Beleg gewertet, dass er die „Harvard disease“ habe: die Abgehobenheit des Elitestudenten, auf die Amerikaner allergisch reagieren.

Er war das unbekannte Gesicht


Natürlich sind die Volksnähe des John McCain mit seiner 100-Millionen-Dollar-Gattin Cindy oder der Yale-Absolventin Hillary Clinton auch totale Fiktion. Aber die Unbedachtheit von Obamas Äußerungen haben gezeigt, dass sein jugendlicher Schwung jederzeit auch nach hinten losgehen kann.

Als er in den Vorwahlkampf trat, war er das unbekannte Gesicht und musste mit einer Frau konkurrieren, die seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit steht. Zwar gibt es keine Figur in der amerikanischen Politik, die so stark polarisiert wie Hillary Clinton, trotzdem ist sie ein vertrauter Name, weil sie schon so lange dabei ist. Nachdem Obama beim Einsammeln von Kleinspenden sensationell erfolgreich war und eine ebenso massive wie effiziente Kampagne führte, ist er zumindest kampferprobt. Die Amerikaner kennen Obama, aber ob sie ihn mögen, ihm trauen und das Amt des Obersten Befehlshabers zutrauen, wissen sie noch nicht.

Die Zwangsläufigkeit, das nach einer als desaströs empfundenen Bush-Regierung nun ein Demokrat gewählt wird, dürfte sich jedenfalls schon bald als Wunschdenken linker Politiker und Kommentatoren herausstellen. Breite und für den Sieg der Demokraten entscheidende Wählerschichten müssen sich Existenzsorgen machen. Verunsicherte Menschen aber suchen das Vertraute und Bewährte. Ob der „Wandel“ das genau richtige Signal zur richtigen Zeit ist oder aber Obama wie ein Schönwetterkandidat empfunden wird, den man sich derzeit nicht leisten kann, ist noch lange nicht entschieden.


Als er gefragt wurde, ob er wie Bill Clinton beim Haschischrauchen aufs Inhalieren verzichtet habe, sagte Obama: „Ich habe das Zitat nie verstanden. Es ging doch gerade darum zu inhalieren.“ Diese Aussage mag für College-Studenden lässig klingen, doch die demoskopisch mächtigen Mütter in den Vororten dürften das anders sehen.


Was diesen Moment historisch machte, ließ Barack Obama in seiner Rede unausgesprochen: Dass er der erste farbige Politiker ist, der eine realistische Chance hat, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Ohne Zweifel gibt ihm dies enormen Aufwind in einem Land, dass stets von der Sehnsucht erfüllt ist, Geschichte zu schreiben. Als Obama geboren wurde, waren in 16 Bundesstaaten noch sogenannte Mischehen illegal, nun steht der Sohn einer solchen Verbindung kurz vor dem Weißen Haus.

Schwarze Vorbilder für den Aufstieg sind rar?


143 Jahre nachdem in den USA die Sklaverei abgeschafft wurde, würde sein Sieg eine historische Versöhnung signalisieren. Noch immer sind die Rassenprobleme akut. Schwarze Männer sitzen prozentual sechsmal häufiger im Gefängnis wie weiße, bei minderschweren Delikten werden sie härter bestraft, immer wieder sind es schwarze Männer, die irrtümlich von Polizisten erschossen werden. Schwarze Vorbilder für einen sozialen Aufstieg sind rar, wenn man die Branchen Sport und Popmusik ausnimmt.

Obama wäre das seltene und für die Überwindung alter Vorurteile überfällige Beispiel eines Schwarzen, der sich durch Bildung und Fleiß nach ganz oben gearbeitet hat. Trotzdem lässt er selbst dieses Thema am liebsten unerwähnt: Er muss zur Symbolfigur einer multikulturellen Gesellschaft werden, ohne die weiße Mehrheit zu brüskieren. Sein Gegner hat viele Schwächen: Er gehört zur falschen Partei, er ist alt. Aber er ist ein weißer Mann.


Einer der größten Fehler Hillary Clintons war es, ihren Gegner zu unterschätzen. Wenn man die Weitsicht und Präzision von Obamas Kampagne betrachtet, darf man davon ausgehen, dass ihm das nicht passiert.

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