Südamerika

Argentiniens Ex-Diktator Videla wieder vor Gericht

Seine Verbrechen sind noch immer ungesühnt: In den Folterverliesen des ehemaligen argentinischen Junta-Chefs Jorge Rafael Videla starben in den 70er- und 80er-Jahren schätzungsweise 30.000 Menschen. Auch rund 100 Deutsche verschwanden damals spurlos.

Foto: picture-alliance / dpa / EFE

Dass er noch einmal hinter Gitter käme, hatte der alte General wohl nicht für möglich gehalten. Zwar stand der ehemalige argentinische Militärdiktator Jorge Rafael Videla seit zehn Jahren unter Hausarrest, doch auf Beschwerden der Menschenrechtsgruppe „Mütter der Plaza de Mayo“ wurde der inzwischen 83 Jährige im Oktober 2008 in ein Gefängnis in der Hauptstadt verlegt. Nun soll er sich vor einem Gericht in Córdoba wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Die Richterin Cristina Garzón de Lascano wird in den nächsten Monaten eines der dunkelsten Kapitel in der jüngsten Geschichte Lateinamerikas aufschlagen. Unter Videlas Herrschaft von 1976 bis 1981 sollen bis zu 30.000 Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet worden sein, darunter auch bis zu 100 deutsche Staatsangehörige und Deutschstämmige.


In dem Verfahren soll das Schicksal von 31 politischen Gefangenen verhandelt werden, die im Jahr 1976 in Polizeigewahrsam zu Tode kamen. Bereits 1985 war Videla wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden, doch anstatt in einem Gefängnis einzusitzen, residierte er in einer Militärkaserne, bis er fünf Jahre später im Rahmen einer Generalamnestie des damaligen Präsidenten Carlos Menem begnadigt wurde. „Das war eine äußerst bittere Enttäuschung für die Angehörigen der Opfer und die Menschenrechtsorganisationen“, sagt Angelika Denzler, Sprecherin der Nürnberger Menschenrechtsgruppe „Koalition gegen Straflosigkeit“, die sich der Aufarbeitung der Verbrechen der argentinischen Junta und den Schicksalen der Opfer widmet.


Die einzige Möglichkeit, den General juristisch zu belangen, war eine Klage auf Grund von Kindesraub, ein Delikt, das von der Amnestie ausgenommen war. Auf Videlas Befehl waren nämlich auch zwischen 300 und 400 teils in Gefangenschaft geborene Babys ihren „subversiven“ leiblichen Eltern entrissen und Militärangehörigen zur Adoption gegeben worden. Nur deswegen konnte der alte Diktator 1998 zu Hausarrest verurteilt werden. Diesen verbrachte Videla, wie Denzler betont, in einem „Luxusgefängnis“ in seinem Apartment im Nobelviertel Belgrano, nur vier Blocks von der deutschen Botschaft entfernt. Eine vorläufige Wende in den Wirren der argentinischen Vergangenheitsbewältigung brachte erst Menems Nachfolger, Präsident Néstor Kirchner, der das Amnestiegesetz seines Vorgängers im Jahr 2003 für nichtig erklärte und so die Möglichkeit eröffnete, Videla erneut wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen.


Auch die Bundesregierung hatte 2004 die Auslieferung Videlas wegen des „dringenden Tatverdachts des Mordes in mittelbarer Täterschaft an den deutschen Staatsbürgern Elisabeth Käsemann und Klaus Zieschank“ beantragt. „Obwohl es fast 100 verschwundene Deutsche oder deutschstämmige Personen gibt, waren Zieschank und Käsemann damals die einzigen, deren Leichen gefunden und identifiziert werden konnten und die einen deutschen Pass besaßen, daher gibt es nur Anklagen in zwei Fällen“, bestätigt Denzler. „In den Fällen, in denen die Leichen bisher nicht gefunden wurden, hielt die Nürnberger Staatsanwaltschaft den Tod der Verschwundenen nicht für ausreichend bewiesen, und stellte die Verfahren ein.“


Elisabeth Käsemann, die Tochter eines Tübinger Theologieprofessors, arbeitete in den 70er Jahren als Entwicklungshelferin in einem Armenviertel von Buenos Aires. In der Nacht vom 8. auf den 9. März 1976 wurde die damals 30 Jährige von Unbekannten verschleppt. In den folgenden Wochen muss sie unvorstellbare Qualen durchlitten haben. Mitgefangene bezeugen, dass sie in den berüchtigten Gefangenenlagern El Vesubio und Campo Palermo gefoltert worden sei. Wie so etwas aussah, lässt sich in dem nach Ende der Militärdiktatur von der Regierung in Auftrag gegebenen Bericht „Nunca Más“ (zu Deutsch: „Nie Wieder“) über das Verschwinden von Personen nachlesen. Überlebende berichten beispielsweise, dass ein Folterscherge mit dem Spitznamen „Julián der Türke“ die gefesselten und mit Augenbinden versehenen Gefangenen in eine Maschine eingespannt und sie dann mit Elektroschocks gequält habe. Außerdem wurden die Gefangenen mit Ketten ausgepeitscht.


Zwar schätzte der damalige deutsche Botschafter in Buenos Aires, Jörg Kastl, Videla anfangs als „Taube“ ein und verband ihn nicht persönlich mit dem beginnenden „schmutzigen Krieg“. Trotzdem war er höchst besorgt, denn es kursierten bereits Gerüchte über geheime Folterkeller. Etwas muss er geahnt haben. Nur wenige Tage nach Käsemanns Verschwinden schrieb er nach Berlin: „Ich fürchte um ihr Leben“. Trotz Kastls Intervention bei Videla und im argentinischen Außenministerium bestritt die Junta, etwas mit dem Fall Käsemann zu tun zu haben. Knapp 10 Wochen nach ihrem Verschwinden meldete die argentinische Presse jedoch, eine gewisse „internationale Terroristin Isabella Kasermann“ sei im Rahmen von Antiterroroperationen erschossen worden. Erst nach mehreren Tagen und auf Druck der Bundesregierung übergaben die argentinischen Streitkräfte Käsemanns bereits präparierten Leichnam, der so entstellt war, dass ihr Vater seine Tochter nicht mehr mit Sicherheit identifizieren konnte. Gerichtsmediziner in Tübingen stellten fest, sie sei mit mindestens vier Projektilen von hinten erschossen worden.


Im selben Jahr fiel auch der in München studierende Deutsch-Argentinier Klaus Zieschank dem Militärregime zum Opfer. Während der Semesterferien leistete der damals 24 Jährige ein Praktikum bei einem Autozulieferbetrieb in Buenos Aires ab und wurde am 26. März vor seinem Arbeitsplatz von einer Gruppe Bewaffneter in einen Ford Falcon gezerrt. Seine in Argentinien lebende Mutter hatte noch einmal Gelegenheit, ihren Sohn lebend zu sehen, denn die Militärs brachten ihn zu ihrer Wohnung, in der sie sein Hab und Gut durchsuchten. Obwohl die Mutter die deutsche Botschaft noch am selben Tag einschaltete, konnte der Verbleib Zieschanks nicht geklärt werden.


Am Abend der Entführung bestätigte zwar ein Polizist einem deutschen Diplomaten, dass sich Zieschank in Gewahrsam befände, doch bereits am nächsten Tag wurde dies dementiert. Auch im Fall des Müncheners gibt es eine Zeugin, die den jungen Mann noch am 6. Mai in einem Foltergefängnis antraf. Laut Aussage einer Französin, die von ihrer Botschaft noch rechtzeitig aus den Fängen der Militärs befreit werden konnte, habe sich der Student, den die Aufseher „el Alemán“ nannten, in höchster Lebensgefahr befunden, da er einer der wenigen Gefangenen gewesen sei, die sich im Gefängnis ohne Augenbinde bewegten, und er somit die Identitäten der Folterer gekannt habe. Genau drei Wochen später, am 27. Mai 1976, wurde Zieschanks mit Draht gefesselte Leiche am Ufer des Río de La Plata angespült. Vermutlich teilte er das Schicksal Tausender anderer vermeintlich Subversiver und war auf einem der sogenannten Todesflüge von den argentinischen Streitkräften gefesselt und mit dem Narkosemittel Penthotal betäubt aus einem Flugzeug ins Meer geworfen worden. Seine Leiche konnte jedoch erst 1985 identifiziert werden.


Auf einen Brief des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, in dem er um Aufklärung im Fall Zieschank gebeten hatte, antwortete Videla im August 1979, vom Schicksal des Studenten sei nichts bekannt. „Die Bundesregierung gab sich damit zufrieden, obwohl zu dieser Zeit schon klar war, dass argentinische Sicherheitskräfte für das Verschwinden verantwortlich waren“, beklagt Denzler. Warum die Deutschen ins Visier der Militärs gerieten ist in vielen Fällen unklar, doch „oft reichte es - wie bei Käsemann und Zieschank – aus, linke Sympathien zu haben oder in irgendeinem Adressbuch einer verdächtigen Person zu stehen. Und schon konnte man selbst verhaftet werden“, bestätigt die Sprecherin der Koalition gegen Straflosigkeit.


Erst 25 Jahre später, im Jahr 2004, beantragte die Bundesregierung die Auslieferung von Videla und machte ihn damit für die Morde an den beiden Deutschen verantwortlich. Der oberste argentinische Gerichtshof wies das Ersuchen jedoch im April 2008 ab. Trotzdem besteht auf Grund des Verfahrens in Córdoba nun wieder Hoffnung, dass der Diktator zur Verantwortung gezogen wird. Seit November 2007 läuft vor dem Bundesgericht in Buenos Aires zudem ein Strafverfahren gegen die Mörder von Elisabeth Käsemann, in dem die Bundesrepublik Deutschland Nebenklägerin ist. Auch Videla ist einer der Beklagten. Für die argentinische Gesellschaft, so Denzler, sei allein die Tatsache, dass die Prozesse gegen Mitglieder der früheren Militärspitze stattfinden, ein wesentlicher Beitrag zum Vertrauen in den Rechtsstaat. Die Opfer der Diktatur und deren Angehörige hätten „größte Hoffnung“, dass der Junta-Chef nun endlich seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Vorausgesetzt, der gesundheitlich angeschlagene Diktator überlebt so lange die Mühlen der argentinischen Justiz mahlen.

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