Noch ist für alle Platz im Deutsch-Leistungskurs der 13. Klasse am John-Lennon Gymnasium im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin. Wenn die Abiturienten in den kommenden Jahren ihr Studium beginnen, könnte die Sitzplatzwahl für sie allerdings zur Reise nach Jerusalem werden.
Denn die Gymnasien mehrerer bevölkerungsstarker Bundesländer schicken 2011 gleich zwei Abiturjahrgänge ins Rennen um die Studienplätze. Damit haben die Universitäten schon gerechnet - aber die Rechnung geht nur knapp auf. Nun sollen sie auch noch zusätzlich Platz für diejenigen schaffen, die durch die geplante Aussetzung des Wehr- und damit auch des Zivildienstes direkt von der Schule an die Unis kommen dürften.
Auch wenn der Wehrdienst bei jungen Männern unbeliebt ist - nur 16 Prozent eines Jahrgangs melden sich zum Dienst -, geht die Kultusministerkonferenz von einer hohen Zahl studierwilliger junger Männer aus. Rund 50.000 Abiturienten könnten zusätzlich vor den Toren der Universitäten stehen. Im vergangenen Jahr nahmen 68.000 Männer ihre Wehrpflicht auf, 90.000 leisteten Zivildienst. Die Kultusministerkonferenz (KMK) nimmt an, dass rund 40 Prozent dieser Männer studienberechtigt sind. Allgemein beginnen circa 70 Prozent der Abiturienten eines Jahrgangs tatsächlich gleich nach dem Schulabschluss ein Studium - das würde also rund 50.000 mehr Erstsemestler bedeuten.
G8 bedeutet fast doppelte so viele Abiturienten
Sie kommen zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn in Niedersachsen und in Bayern machen 2011, durch die Gymnasialzeitverkürzung von neun auf acht Jahre, fast doppelt so viele Schüler ihr Abitur als in den vergangenen Jahren. In Hamburg ist das schon geschehen. 2012 werden auch Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bremen folgen und als Schlusslicht 2016 Schleswig-Holstein.
Bis zum Ende des Jahrzehnts rechnet die KMK so mit rund 1.100.000 zusätzlichen Studienberechtigten. Die größte Welle erwarten die Universitäten in den kommenden drei Jahren, wenn die bevölkerungsstarken Bundesländer mit den großen Abiturjahrgängen an der Reihe sind.
Es war abzusehen, dass die Reform an den Gymnasien zu einem Run auf die Universitäten führen würde. Deswegen haben Bund und Länder im Hochschulpakt II vereinbart, bis 2015 an den Universitäten 275.000 neue Studienplätze zu schaffen. Nicht eingerechnet sind dabei Studienplätze für junge Männer, die nun vom Wehr- und Ersatzdienst befreit sein könnten.
Dieter Dohmen vom privaten Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) sieht noch mehr Bedarf: "Bis 2015 müssen nach unseren Berechnungen rund 500 000 neue Studienplätze geschaffen werden, bis 2020 sogar eine Million. Das heißt, der Hochschulpakt müsste verdoppelt, beziehungsweise vervierfacht werden." Das heißt auch, dass der Hochschulpakt für die kommenden vier Jahre möglicherweise 250.000 Studienplätze zu wenig vorsieht.
Auch die Abiturienten am John-Lennon Gymnasium machen sich Gedanken. Die wenigsten hier möchten im Anschluss ans Abi studieren. Die meisten wollen sich erst einmal sozial engagieren oder im Ausland Erfahrungen und Orientierung für die Studienwahl sammeln. "Jetzt ist die beste Zeit dafür, noch haben wir keine Verpflichtungen", sagt die Schülerin Nele Keshishian. Sie wollen sich Zeit lassen, auch weil sie Bedenken haben, nicht sofort in ihrem Wunschfach einen Studienplatz zu finden.
"Die Hochschulen haben eine große Verantwortung für ihre Studierenden und werden alles daran setzen, dass es durch die zusätzliche Nachfrage nach Studienplätzen weder zu verschärften Zulassungsbegrenzungen noch zu Qualitätsverlusten im Studium kommt", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Sie fordert eine Erweiterung des Hochschulpaktes, damit die Unis mehr Personal für zusätzliche Lehrangebote einstellen können.
Ab 2017 soll die Zahl der Studenten wieder sinken
Die Universität Tübingen begegnet dem Studentenansturm gelassen, denn hier bereitet man sich schon seit drei Jahren darauf vor. In der ersten Linie würden mehr Plätze in Fächern mit hoher Nachfrage und in zukunftsweisenden Bereichen, wie in den Naturwissenschaften, geschaffen, sagt Stefanie Gropper, Prorektorin für Studierende, Studium und Lehre. Wie sich die Aussetzung der Wehrpflicht auf die Einschreibungen auswirke, weiß sie allerdings noch nicht. "Jetzt kommt eine Welle auf uns zu, die aufgrund der demografischen Entwicklung ab 2017 wieder abebben wird." Denn dann endet die Zeit der Doppelabiturjahrgänge und die Prognose der Studienanfängerzahlen sinkt. Deswegen könnten auch keine zusätzlichen Professoren eingestellt werden, die den Ansturm abfedern könnten. "Wir müssen, bei allem, was wir jetzt tun, auch den voraussichtlichen Rückbau beachten", sagt Gropper.
Wie viele Studenten nun genau mehr, oder früher als geplant, ihr Studium beginnen wollen, steht nicht fest. Die Zahl ist schwer vorherzusehen, da für die meisten Fächer keine langfristige Bewerbung nötig ist und sich Studienanwärter bis zu Beginn des Semesters einschreiben können. "Jedes Wintersemester ist es wieder eine spannende Sache zu sehen, wie viele Studierende tatsächlich bei uns ihr Studium aufnehmen", sagt Gropper. Sie könne sich vorstellen, für einen gewissen Zeitraum den Studienanfang zum Sommersemester zu ermöglichen, um lange Schlangen bei der Einschreibung im Herbst zu verhindern. Auf Bundesebene kümmert sich nun ein von der KMK beauftragter Staatssekretärsausschuss darum, wie für die möglicherweise 50.000 zusätzlichen Studenten in den Hörsälen Platz geschaffen werden kann. Wie diese neuen Studienplätze finanziert werden sollen, ist zurzeit fraglich.
Bislang sieht der Hochschulpakt 26.000 Euro pro neu geschaffenen Studienplatz vor. Das ist wenig, denn nach Angaben des statistischen Bundesamtes kostete ein durchschnittliches Studium im Jahr 2008 Bund und Länder 8000 Euro mehr. In den Naturwissenschaften und technischen Studiengängen wird es erheblich teurer: Ein Ingenieursstudium kostet rund 37 000 Euro, ein Medizinstudium sogar 203.000 Euro. "Der Hochschulpakt schreibt den Universitäten nicht vor, was aufgebaut werden soll, sondern dass etwas aufgebaut werden soll", sagt KMK-Präsident Ludwig Spaenle (CSU). Die 26.000 Euro seien das Ergebnis politischer Verhandlungen zwischen Bund und Ländern gewesen.
Abiturienten müssen flexibel sein
Was sollen die Abiturienten nun tun? Dohmen von der FiBS rät flexibel zu sein und sich nicht auf eine Wunschhochschule zu versteifen. "Es ist wichtig bereit zu sein, sich vom heimischen Herd und Mamas Waschmaschine zu trennen." Außerdem sollten die Abiturienten so viele Bewerbungen wie möglich verschicken. Auch der Blick nach Osten sei lohnenswert. Durch den Geburtenknick nach der Wende wachsen hier nicht mehr genügend Abiturienten für die Universitäten der Region heran. Hier müssen auch keine neuen Studienplätze geschaffen werden. Die Unis haben sich verpflichtet, auch in Zukunft so viele Studenten anzunehmen wie im Jahr 2005. Dafür werben sie Abiturienten aus dem Westen.
In Greifswald studieren schon jetzt 31 Prozent Westdeutsche. Der Trend zum Studium im Osten hilft der Universität dort, ihren Soll zu erfüllen. Rainer Westermann, Rektor der Universität Greifswald, geht davon aus, dass er durch die doppelten Abiturjahrgänge und die mögliche Aussetzung der Wehrpflicht die Studierendenzahl an seiner Universität halten kann. "In Mecklenburg-Vorpommern gehen die Abiturientenzahlen bereits deutlich zurück. Wir freuen uns, dass wir diesen Rückgang ausgleichen und noch mehr Abiturienten aus den alten Bundesländern für ein Studium im äußersten Nordosten Deutschlands gewinnen konnten", sagt Westermann.
Auch die Abiturienten aus Berlin haben von den guten Studienbedingungen im Osten gehört. Sie können sich vorstellen, hier zu studieren. "Ich kann keinen Unterschied zwischen Ost und West erkennen. Den gibt es in unserer Generation nicht mehr", sagt Abiturientin Keshishian.





