Sein Bruder Gary sei nicht verrückt und er höre keine Stimmen, versichert Scott Faulkner. „Er ist so normal wie Sie und ich. Er ist nur sehr leidenschaftlich. Ein amerikanischer Held.“ Die Leidenschaft des amerikanischen Helden Gary Faulkner ist die Jagd auf Osama Bin Laden. Irgendwann nach dem 11. September 2001 hat der 52-Jährige aus Colorado die Spur des Terroristen aufgenommen. Ende Mai flog der Mann mit dem mächtigen Vollbart und dem dunkelgrauen Haar wieder einmal nach Pakistan, um den Al-Qaida-Chef in einem Höhlensystem im Grenzgebiet zu Afghanistan zur Strecke zu bringen.
Pakistanische Polizisten und Geheimdienstler stellten Gary Faulkner nachts auf einem Bergpfad in Richtung des ostafghanischen Nuristan. Er sei „auf einer Mission, um Osama Bin Laden zu köpfen“, sagte er. Ihr anfängliches Lachen verging, als sie bei dem durchtrainierten Amerikaner eine Pistole, ein Schwert mit einer ein Meter langen Klinge und ein Nachtsichtgerät fanden. Derzeit bekommt der kräftige, aber schwer nierenkranke Amerikaner in einem Hospital in der Hauptstadt Islamabad eine Dialyse-Behandlung. Anklage gegen ihn wurde nicht erhoben. Doch es dürfte noch einige Zeit dauern, bis Faulkner in die Heimat abgeschoben wird. Der pakistanische Geheimdienst will vor allem wissen, woher er seine Waffen bekam.
In den USA sind die Reaktionen auf seine tollkühne Menschenjagd gemischt: In Webforen wird er mitunter als „Verrückter“ oder als „christlicher Fanatiker“ eingestuft. Noch mehr Landsleute aber rühmen Faulkners Mut und Entschlossenheit. Er sei ein Kerl wie Chuck Norris (der Karatekämpfer und Actiondarsteller) oder wie „Rambo“, schreiben Internet-User, und da ist kein negativer Klag dabei. Ein „amerikanischer Ninja“. Das hochgerüstete Militär der Supermacht USA sei seit fast zehn Jahren nicht in der Lage, Osama Bin Laden zu schnappen, sagt Scott Faulkner. „Es ist leichter für einen Zivilisten, der sich kleidet wie die Einheimischen, sich unter die Leute zu mischen, ihr Vertrauen und Informationen von ihnen zu gewinnen, die ein amerikanischer Soldat, ein Navy Seal, nie bekommen könnte.“
In den USA wird gern auf die Kraft des Individualismus vertraut. Der einsame Reiter, der einfache Mann mit dem Gewehr, der die Dinge selbst in die Hand nimmt. Der Naturbursche Faulkner, geboren in Kalifornien und aufgewachsen in Fort Collins und in Greeley im Osten der Rocky Mountains, glaubt es besser machen zu können als das Militär und die Geheimdienste. Der Bauarbeiter, der zeitweise eine kleine Baufirma betrieb, reiste nach eigenen Angaben bereits sieben Mal in das von islamistischen Terroristen destabilisierte Pakistan.
In der unruhigen Grenzregion Chitral, in der er jetzt festgenommen wurde, war er das dritte Mal. Als „gläubiger Christ“ wollte er die Opfer von 9/11 auf eigene Faust rächen. Seinen Vernehmern vom pakistanischen Geheimdienst antwortete er auf die Frage, warum er glaube, Bin Laden finden zu können: „Gott ist mit mir, und darum werde ich ihn finden und töten können.“ Nur auf Beistand von ganz oben vertraute der Amerikaner allerdings nicht. Auf jeden Jagdtrip bereitete Faulkner sich mit Kraft- und Überlebenstraining in der Bergwelt von Colorado vor.
Am 30. Mai brachte Scott, ein Arzt mit ausgesprochen bürgerlichem Auftreten, Gary zum Flughafen in Denver. Die Brüder diskutierten die Möglichkeit eines tödlichen Ausgangs der Mission. „Viele Menschen leben in Angst. Mein Bruder hat keine Angst“, sagt Scott über das älteste von vier Geschwistern. „Mein Bruder hatte verstanden, dass Gott ihn beschützt.“ Bei einer früheren Pakistan-Reise sollen Taliban auf Gary Faulkner aufmerksam geworden sein. Einen Polizisten, der vor dem Hotel zum Schutz des „Touristen“ postiert wurde, töteten die Islamisten nachts mit einem Schuss zwischen die Augen, erzählt Scott Faulkner. Gary gelang die Flucht.
Jetzt kam er wieder und checkte am 2. Juni im Zimmer Nr. 4 des Hotels „Ishpata Inn“ im Dörfchen Broun im Bumburet-Tal ein. Als Grund des Aufenthalts trug Faulkner, dem sein Bruder die Verbissenheit eines Pitbulls bescheinigt, in das Anmeldeformular ein „Besuch von Freunden und anderes“. Im Gepäck führte er nach Angaben der pakistanischen Behörden „christliche Literatur“ und Kabeldraht mit, den man als Handschellen benutzen kann.
Doch eine Gefangennahme Bin Ladens war nicht Faulkners Ziel. Vor Ort kaufte der geschiedene Vater eines erwachsenen Sohnes die Waffen und das Nachtsichtgerät. Auch landestypische Kleidung legte sich der Amerikaner zu. Faulkner spricht leidlich die Landessprache Urdu. Auf vorangegangenen Trips hatte er Einheimische kennengelernt, die ihm von einem wabenförmigen Berg im ostafghanischen Nuristan erzählten. In dessen Höhlensystem halte sich Osama Bin Laden versteckt.
Am Sonntag schlich sich Faulkner aus seinem von der Polizei bewachten Hotel. Die Behörden starteten eine Suchaktion. Nach zehn Stunden wurde Faulkner auf dem Weg nach Afghanistan gestellt. 25 Millionen Dollar hat das US-Außenministerium auf den Kopf Bin Ladens ausgesetzt. Gary spekulierte auf das Geld, aber er wollte mit der Prämie kein Leben in Saus und Braus führen, sagt Scott Faulkner. Sein Bruder habe sich in Nicaragua zur Ruhe setzen und Hilfsprojekte finanzieren wollen.
Gary Faulkner, ein Heiliger? Zwischen 1981 und 1993 saß der Rocky-Mountains-Rambo fünf Haftstrafen von insgesamt sieben Jahren in Colorados Gefängnissen wegen Einbruchs, Diebstahls und häuslicher Gewalt ab. Danach gab es offenkundig keine Verurteilungen mehr. 2006 wurde Faulkner noch einmal aktenkundig, weil er eine Pflichtversicherungsgebühr nicht bezahlt hatte. Voriges Jahr wurde diagnostiziert, dass seine Nieren nur noch zu neun Prozent arbeiten. Er bewohnte ein Apartment in einem Mietshaus seines Bruders und half bei der Hausmeisterei. Oft soll Gary Faulkner Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf vermittelt haben. Wenn er genügend Geld für die nächste Reise verdient hatte, brach er wieder nach Pakistan auf.
In den USA ist das Vertrauen in die Politik auf einem Tiefpunkt. Weiterhin aber herrscht ein Wir-helfen-uns-selbst-Optimismus. Vorbilder sind Hollywood-Heroen wie Sylvester Stallone oder Chuck Norris, die kriegsgefangene Kameraden aus Dschungelcamps in Vietnam befreien. Im echten Leben wirken derartige Alleingänge eher verrückt. Da war etwa der Mormone John Yettaw, der 2008 und 2009 gleich zweimal in Birma durch den Inya-See schwamm, um die unter Hausarrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi zu besuchen. Yettaw und Suu Kyi, der Außenkontakte streng verboten waren, wurden zu Haftstrafen verurteilt. 1969 entführte der Soldat Reds Helmey eine Verkehrsmaschine nach Kuba, um Fidel Castro zu töten. Vor wenigen Monaten versuchten amerikanische Missionare in Haiti, Kinder, darunter auch solche, deren Eltern noch leben, aus dem erdbebenverwüsteten Land zu schmuggeln, um sie adoptieren zu lassen.
Die Welt auf eigene Faust verbessern. Das war auch das Ziel von Gary Faulkner. Scott Faulkner weiß schon, wer seinen Bruder darstellen sollte, falls Hollywood den Alleingang des Mannes aus den Bergen verfilmt. „Jackie Chan mit Perücke“, sagt der Internist. „Er hat diese Art von Humor und die körperlichen Voraussetzungen.“





