Nach Nato-Luftschlag

Libyer greifen Botschaften in Tripolis an

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Foto: REUTERS

Nach dem Nato-Luftangriff, bei dem Verwandte des libyschen Machthabers Gaddafi getötet worden sein sollen, kam der Gegenschlag: Die Botschaften von Großbritannien und Italien in Tripolis wurden angegriffen. Großbritannien hat nun den libyschen Botschafter ausgewiesen.

In der libyschen Hauptstadt Tripolis sind offenbar die Botschaften Italiens und Großbritanniens von Libyern angegriffen worden. Als Reaktion darauf hat Großbritannien den libyschen Botschafter Omar Dschelban ausgewiesen.

Ersten Angaben zufolge hat eine aufgebrachte Menge die leerstehende britische Botschaft in Tripolis angegriffen und zerstört. „Die Wiener Konvention verlangt von der Gaddafi-Regierung, diplomatische Gesandtschaften in Tripolis zu schützen“, sagte der britische Außenminister William Hague. Weil Gaddafi dies nicht einhalte, habe er den libyschen Botschafter nun des Landes verwiesen. Dschelban sei „persona non grata“ („unerwünschte Person“) in Großbritannien. Der Beamte habe nun 24 Stunden Zeit Großbritannien zu verlassen.

Die britischen Diplomaten in Tripolis waren bereits vor mehreren Wochen aus dem Botschaftsgebäude ausgezogen. Das Personal verließ zu großen Teilen das Land. Ein kleiner Stab war zunächst in Tripolis geblieben und hatte sich der türkischen Botschaft angeschlossen.

Feuer in der italienischen Botschaft

Zudem brannte laut Augenzeugenberichten die italienische Botschaft. „Ich sehe immer noch Rauch aufsteigen“, sagte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag per Telefon. Sicherheitskräfte hielten Menschen davon ab, näher zu kommen. Das italienische Außenministerium verurteilte „Akte des Vandalismus“, die am Sonntagmorgen gegen die italienische Botschaft und andere Vertretungen verübt worden seien. Italienischen Medienberichten zufolge wurden die Botschaft und die Residenz geplündert.

Die britische BBC berichtete, dass auch UN-Gebäude von aufgebrachten Massen angegriffen worden seien. Die Vereinten Nationen bereiten sich nach eigenen Angaben darauf vor, die Stadt zu verlassen. Eine Sprecherin sagte, es habe in der Hauptstadt offenbar Unruhen gegeben. Eine Sprecherin des britischen Außenministeriums sagte: „Wir glauben, dass auch andere ausländische Residenzen angegriffen wurden.“ Mögliche Nationalitäten nannte sich nicht. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte auf Anfrage mit, es gebe derzeit keine Hinweise darauf, dass auch die deutsche Vertretung betroffen sein könnte. Die Deutsche Botschaft in Tripolis ist geschlossen.

Gaddafi-Sohn angeblich bei Nato-Angriff getötet

Vorausgegangen war ein Luftschlag der Nato, bei dem ein Sohn von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi, Saif al-Arab, sowie drei Gaddafi-Enkel ums Leben gekommen sein sollen. Das teilte der libysche Regierungssprecher Mussa Ibrahim mit. Die britische Regierung konnte diese Berichte nach eigenen Angaben jedoch nicht bestätigen. „Ich fürchte, wir wissen nicht, ob es stimmt oder nicht“, sagte Alistair Burt, Staatminister im britischen Außenamt. Die Nato wies die Vorwürfe der libyschen Regierung zurück, Gaddafi und seine Familie ins Visier genommen zu haben.

„Dies war ein direkter Anschlag, um den Führer dieses Landes zu ermorden“, warf der libysche Regierungssprecher Ibrahim der Nato vor. Gaddafi selbst und seine Frau seien unverletzt. Saif al-Arab ist einer der weniger bekannten Söhne Gaddafis. Laut Ibrahim studierte er in Deutschland. Nun müsse es jedem klar sein, dass das, was in Libyen passiert, nichts mehr mit dem Schutz von Zivilisten tun habe, fügte Ibrahim hinzu. Libysche Beamte brachten Journalisten zu einem eingestürzten Haus, in dem die Familienmitglieder bei dem Raketeneinschlag getötet worden sein sollen und dem sich auch Gaddafi selbst zu jedem Zeitpunkt aufgehalten haben soll.

Rebellenanführer Mustafa Abdel Dschalil drückte am Sonntag sein Mitgefühl aus: „Wir fühlen Trauer und Schmerz für jedes Blutvergießen, auch wenn Gaddafis Haus letzte Nacht bombardiert wurde. Aber das Blut von Gaddafis Söhnen ist nicht wertvoller als das der libyschen Männer und Frauen.“

„Alle Nato-Angriffe sind militärischer Natur. Wir nehmen keine Einzelpersonen ins Visier“, teilte der Nato-Befehlshaber für den Libyen-Einsatz, der kanadische General Charles Bouchard, am Sonntag mit. Der Tod des Machthabers sei nicht das erklärte Ziel der Nato. Bei den Luftangriffen sei ein Kommandozentrum getroffen worden. Bouchard räumte jedoch ein, er sei sich der unbestätigten Medienberichte über den Tod einiger Familienmitglieder Gaddafis bewusst. „Wir bedauern jeden Verlust an Menschenleben“, sagte er.

Kritiker attackieren Allianz

Derweil zerstörte ein Nato-Luftangriff im Osten des Landes 45 Fahrzeuge der Gaddafi-Truppen, wie ein Rebellen-Sprecher mitteilte. In den Städten Dschalu und Aulidscha, südlich der Frontlinie in der Nähe von Adschdabija, hätten die Regierungstruppen am frühen Samstagmorgen das Feuer eröffnet und dabei mindestens fünf Zivilisten getötet. Als sie Dschalu wieder verließen, sei der Konvoi von den Raketen getroffen worden. An der Grenze zu Tunesien und in der südwestlich von Tripolis gelegenen Rebellenhochburg Sintan versuchten Gaddafi-Truppen nach Augenzeugenberichten mit scharfen Geschützen vorzudringen.

Sollten die Tode der Gaddafi-Familienmitglieder bestätigt werden, könnte sich der Druck auf die Nato erhöhen. Kritiker monieren, die Allianz überschreite das UN-Mandat und wolle Gaddafi töten. Nach den jüngsten Medienberichten regten sich kritische Stimmen aus Russland: „Mehr und mehr Informationen deuten darauf hin, das die anti-libysche Koalition die leibhaftige Vernichtung Gaddafis zum Ziel hat“, sagte der außenpolitische Sprecher des Unterhauses im russischen Parlament, Konstantin Kosachew. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez, ein langjähriger Verbündeter Gaddafis, nannte den jüngsten Angriff einen Mordversuch.

Der jüngste Luftangriff war der zweite innerhalb von 24 Stunden, der in Gaddafis Nähe einschlug. Bereits am Samstag trafen Nato-Kampfflugzeuge drei Ziele in der Nähe eines Fernsehsender-Gebäudes, während Gaddafi eine Fernsehansprache hielt. Darin bot er einen Waffenstillstand und Verhandlungen mit der Nato an, lehnte einen Rücktritt aber weiter ab. Die Rebellen und die Nato lehnten den Vorstoß umgehend als unzureichend ab.

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