Zwei Stunden wollte der Runde Tisch zu sexuellem Kindesmissbrauch in seiner konstituierenden Sitzung eigentlich tagen. Dann aber dauerte die Aussprache doch viel länger. Mehr als drei Stunden diskutierten 61 Vertreter aus Politik, Kirchen und Verbänden hinter verschlossenen Türen. Zufrieden zog Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) anschließend eine erste positive Bilanz. „Wir fangen nicht bei Null an“, sagte Schröder. „Es gibt vieles, auf dem wir aufbauen können.“ Schon Ende des Jahres sollen erste konkrete Handlungsvorschläge vorliegen.
Schröder sprach von einer „sachlichen und facettenreichen“ Diskussion – angefangen von den Möglichkeiten, sexuellen Missbrauch zu verhindern, bis hin zu strafrechtlichen Fragen. Ein Thema der Aussprache sei auch der Umgang an Schulen und kirchlichen Einrichtungen mit dem Thema sexueller Missbrauch gewesen, sagte Schröder: Das lange und leidvolle Schweigen der Opfer auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Tatsache, dass sexuelle Misshandlungen an den betroffenen Einrichtungen oft ein offenen Geheimnis gewesen seien.
Wichtig sei es, Kinder und Jugendliche stark zu machen, damit sich nicht zu Opfern werden, sagte Schröder. Die Schulen müssten in die Prävention eingebunden werden. Aber auch die Eltern müssten sensibilisiert werden, um erste Hinweise auf sexuellen Missbrauch richtig deuten zu können. Auf der anderen Seite müssten potenzielle Täter frühzeitig erkannt und therapiert werden, damit sie nicht zu Tätern werden. Institutionen, in denen die die Nähe zwischen Erwachsenen und Kindern besonders groß ist, sollten eine „verbindliche Selbstverpflichtung“ abgeben, dass sie etwa in Bewerbungsgesprächen auf das Thema sexueller Missbrauch eingehen.
Die Teilnehmer des Runden Tisches wollen ihre Arbeit nun in drei Arbeitsgruppen fortsetzen. Die erste Arbeitsgruppe wird sich unter Leitung Schröders mit den Möglichkeiten der Prävention beschäftigen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wird die Arbeitsgruppe zu Rechtsfragen übernehmen. Zur Diskussion steht etwa die Frage der Verjährungsfristen von sexuellem Missbrauch. Auch die schwierige Frage materieller Entschädigungen müsse geklärt werden. Am Runden Tisch sei klar geworden, dass es den Opfern zunächst darauf ankomme, dass das ihnen widerfahrene Unrecht anerkannt werde.
Im Mittelpunkt aller Überlegungen müsse das Wohl der Opfer stehen, sagte Leutheusser-Schnarrenberger. Eine automatische Anzeigepflicht von Missbrauchfällen sei durchaus problematisch, da sie die Opfer von einer Anzeige abhalten könnte. Viele Opfer wünschten ausdrücklich, dass keine Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird. Das Verschweigen und Verdrängen aber müsse verhindert werden.
Die dritte Arbeitsgruppe schließlich wird unter Leitung von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) Maßnahmen zur Verbesserung von Forschung und Lehre zur Prävention von sexuellem Missbrauch erarbeiten. So soll etwa ein „Kompetenznetz“ aufgebaut werden, das neue Behandlungsstrategien für Pädophile entwickelt. Schavan mahnte an, Pädagogen und Mediziner während ihrer Ausbildung stärker für das Thema sexuellen Missbrauch zu sensibilisieren. Und auch im Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie müssten sie besser ausgebildet werden, das betreffe vor allem auch die Hausärzte.
Die erste Aussprache am Runden Tisch bewertete Schavan als „sehr intensiv und konzentriert“. Es gebe einen breiten Konsens in der Problemanalyse. Der Runde Tisch sei ein „wichtiges Signal“ und trage zu „Enttabuisierung“ des Themas sexueller Missbrauch bei. „Es war die Tabuisierung, die es den Opfern so lange unmöglich gemacht hat, zu reden“, sagte Schavan.
Die drei Arbeitsgruppen wollen im Mai erstmals zusammenkommen und dann noch einmal vor der parlamentarischen Sommerpause tagen. Im September trifft sich dann wieder der gesamte Runde Tisch. Das erste Treffen des Gremiums wertete auch Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, positiv. Es habe „keinen anklagenden Ton“ gegenüber der katholischen Kirche gegeben, sagte Ackermann. Bei der eigens für Opfer eingerichteten Telefonnummer hätten bislang etwa 18.000 Menschen angerufen. In etwa 1600 Fällen habe es Beratungsgespräche gegeben.
Nach einer Umfrage der Deutschen Kinderhilfe spricht sich die Mehrheit der Deutschen für eine strengere Ahndung von sexuellem Missbrauch aus. Demnach plädieren 97 Prozent dafür, diese Fälle strafrechtlich nicht mehr nur als Vergehen, sondern als Verbrechen zu ahnden. In den USA hat jetzt ein Anwalt Papst Benedikt XVI. verklagt, weil dieser einen Priester in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation nicht seines Amtes enthoben hatte, obwohl er vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gegen diesen gewusst habe.





