Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Gründer der Internet-Plattform Wikileaks, Julian Assange, hat sich am Dienstag in London der Polizei gestellt. Er soll noch am Dienstag vor dem Amtsgericht in Westminster erscheinen. Sollte er seine Auslieferung nach Schweden anfechten, werde er bis zur Entscheidung entweder in Untersuchungshaft bleiben oder gegen die Zahlung einer Kaution wieder freigelassen werden, sagte eine Sprecherin der Abteilung für Auslieferung.
Schweden hatte Assange wegen des Vorwurfes der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung international zur Fahndung ausschreiben lassen. Zwei Frauen hatten nach einem Treffen im Sommer Anzeige gegen Assange erstattet: eine wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung, eine wegen sexueller Belästigung und Nötigung. Assange wies die Anschuldigungen zurück und sprach von einer Schmutzkampagne. Seinem Anwalt Mark Stephens zufolge gehen die Vorwürfe auf einen „Streit über einvernehmlichen, aber ungeschützten Geschlechtsverkehr“ zurück.
Wikileaks hatte in der vergangenen Woche Hunderttausende teils geheime Dokumente des US-Verteidigungsministeriums veröffentlicht. Assange und Stephens gehen davon aus, dass die Anzeigen aus politischen Motiven erstattet wurden. Die Verhaftung Assanges sei ein Angriff auf die Pressefreiheit, werde die Plattform jedoch nicht von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abhalten, sagte eine Sprecherin von Wikileaks am Dienstag.
Nach den jüngsten Veröffentlichungen gerieten die Enthüllungsplattform und ihr Gründer Assange immer stärker unter Druck. Mehrere Unternehmen kündigten Wikileaks den Speicherplatz, mehrfach wurde die Internetseite von Hackern angegriffen und die schweizerischen Behörden sperrten am vergangenen Montag Assanges Konto. In den USA wurden unterdessen Ermittlungen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit gegen Wikileaks aufgenommen.
Wikileaks will ungeachtet der Festnahme Assanges die Veröffentlichung vertraulicher US-Depeschen fortsetzen. Die Veröffentlichung laufe nach Plan und werde weiter gehen, sagte der Wikileaks-Mitarbeiter James Ball. Assange hatte vergangene Woche in einem Livechat mit der britischen Zeitung „Guardian“ erklärt, Kopien der Depeschen des US-Außenministeriums seien in verschlüsselter Form an mehr als 100. 000 Menschen verteilt worden. Sollte ihm oder der Internetseite etwas geschehen, würden diese automatisch veröffentlicht. „Die Geschichte wird siegen. Die Welt wird zu einem besseren Ort werden. Werden wir überleben? Das hängt von Ihnen ab“, sagte der frühere australische Hacker bei dem Livechat.
Julian Assange wurde 1971 in Townsville, einem Ort im nördlichen Australien, geboren. In seiner Kindheit zog er mehrfach mit seinen Eltern um, die ein Wandertheater leiteten. Bereits als Jugendlicher beschäftigte er sich mit Computern und stöberte in Online-Netzwerken herum. Im Alter von 24 Jahren geriet Assange erstmals in Konflikt mit den Behörden, die ihm und einigen seiner Hacker-Freunde den Einbruch in geschützte Netzwerke vorwarfen.
In dieser Zeit wurde Assange stark von der amerikanischen Cyberpunk-Bewegung beeinflusst, die von einer Gesellschaft schwärmte, in der eine kleine Truppe von Eingeweihten dafür sorgt, dass niemand mehr Kontrolle über Inhalte ausüben kann und Informationen unzensierbar sind. Dieses Ideal hatte der Intel-Ingenieur Tim May
1994 in seinem Buch „Cyphernomicon“ beschrieben. Im Jahr 2006 gründete Assange mit dem amerikanischen Architekten John Young und einigen Freunden Wikileaks als Plattform für Enthüllungen im Internet.
Das System sollte als eine Art „toter Briefkasten“ dienen, über den man anonym Dokumente zu Missständen und Skandalen einer weltweiten Öffentlichkeit zuführen kann. Schon nach wenigen Monaten überwarf sich Assange mit seinem Mitstreiter. Young wettert seitdem auf seiner Enthüllungs-Website Cryptome.org gegen Assange.
Andere Hacker und Cyberpunks konnte Assange jedoch fest an sich binden. Sie bleiben aber vollständig im Hintergrund. Beobachter sprechen Assange eine charismatische Ausstrahlung zu, mit der er seine Anhänger für die aufklärerische Arbeit begeistern könne. Er habe ursprünglich gewollt, dass die Enthüllungsplattform ohne öffentliches Gesicht bleibe, sagte Assange. Das habe aber nicht funktioniert: „Dadurch gab es viel ablenkende Neugier und zufällige Einzelpersonen, die uns angeblich repräsentierten.“
Am Ende müsse jemand verantwortlich sein, betonte der Australier. „Und nur eine Führung, die bereit ist, in der Öffentlichkeit Mut zu zeigen, kann Informanten dazu bewegen, für das Allgemeinwohl Risiken auf sich zu nehmen.“ Daher sei er zum „Blitzableiter“ geworden, sagte Assange: „Jeder Aspekt meines Lebens wird ungebührend angegriffen, aber dann werde ich manchmal auch unverdienterweise als eine Art ausgleichende Kraft dargestellt.“
An der Sex-Affäre in Schweden, wegen der Assange nun festgesetzt wurde, entzündete sich aber auch innerhalb von Wikileaks eine Grundsatzdiskussion zum Führungsstil des 39-Jährigen. Der damalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg forderte im Sommer den Australier auf, seine Führungsposition ruhen zu lassen, solange die Vorwürfe nicht geklärt seien.
„Die Ermittlungen gegen Julian in Schweden sind aus meiner Sicht ein persönlicher Angriff auf ihn, aber sie haben nichts mit WikiLeaks zu tun“, sagte Domscheit-Berg dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, nachdem er von Assange „suspendiert“ worden war. „Es hätte nichts dagegen gesprochen, wenn er im Hintergrund normal weitergearbeitet hätte. Er hat meinen internen Vorschlag aber offenbar als Angriff auf seine Rolle gesehen.“
Reuters/dapd/dpa/AFP/ks/mim/toto




