Die zahlreichen Berichte über Spannungen seien „vielfach übertrieben“ gewesen, versicherte Obama bei der Pressekonferenz, Schulter an Schulter mit seinem im orientalischen Überwurf gewandten Gast, im Weißen Haus. Er sei „stärker überzeugt als je zuvor, dass wir eine schwierige, aber erfolgreiche Strategie“ für die weitere Entwicklung in Afghanistan gefunden hätten, so Obama weiter. Karsai dankte für die „liebenswürdige Gastfreundschaft“, die ihm und seiner umfangreichen Delegation in Washington entgegengebracht worden sei. Am Freitag tritt Karsai, der am Montagabend in Washington angekommen war, die Rückreise an.
Noch vor gute einem Monat hatte Obamas Sprecher Robert Gibbs eine Ausladung des afghanischen Politikers angedroht. „Wir werden auswerten, wie es weitergeht und wie sich Präsident Karsai äußert, um zu sehen, ob ein solches Treffen konstruktiv ist“, sagte Gibbs am 6. April als Reaktion auf abfällige Bemerkungen Karsais über die USA und den Westen. Aus Washingtoner Sicht, die in anderen westlichen Staaten weitgehend geteilt wird, kämpft Karsai nicht entschieden genug gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Der US-Botschafter in Kabul, General Karl W. Eikenberry, äußerte gar Zweifel, ob Karsai, der voriges Jahr in einer von Fälschungen überschatteten Wahl im Amt bestätigt worden war, ein adäquater Partner für die USA sei.
Die Zweifel sind nicht verschwunden, wird in Washington hinter vorgehaltener Hand eingeräumt. Aber der erzieherische Effekt, den die Obama-Administration sich von harsch und lautstark formulierten Forderungen nach einer besseren Regierungsführung in Kabul versprochen hatte, war erkennbar ins Gegenteil umgeschlagen. Unmittelbar nachdem Washington den Besuch in Frage stellte, drohte Karsai, er könne auch gemeinsam mit den Taliban das Land regieren. Offenkundig wollte sich der stolze Paschtune keinem Druck aus den USA beugen, wäre er ansonsten doch seinen Feinden in Afghanistan endgültig als „Marionette“ des Westens erschienen.
„Unser Job ist es, ein guter Freund und offen zu sein mit Präsident Karsai“, erläuterte Obama beim gemeinsamen Auftritt vor den Journalisten, und Karsais Job sei es, „sein Land zu repräsentieren und Souveränität und Respekt für Afghanistan einzufordern“.
Karsai sprach von „sehr offenen und produktiven“ Gesprächen. Es gebe Tage, an denen die Politiker in Washington und Kabul „fröhlich sind und Tage, an denen wir nicht fröhlich sind“, und auch solche Tage „mit unterschiedlichen Meinungen“ werden wieder kommen. Es gehe darum, „keine vorgetäuschte, sondern eine echte Beziehung zu entwickeln“. Der Gast erzählte von einer „herzergreifenden Begegnung“ kurz zuvor im Walter-Reed-Medical-Center. In dem Militärkrankenhaus habe er einen US-Soldaten getroffen, „jung, sehr jung“, der beide Beine und beide Arme im Afghanistan-Einsatz verloren haben. Er würdige die „Opfer und Beiträge“ der USA zur Bekämpfung der Extremisten, versicherte der Afghane.
Zum Verhältnis zu den Taliban sagte Karsai, unter ihnen gebe es „Tausende“, die nicht ideologisch geprägt seien, sich nicht als „Feind Afghanistans, der USA oder der übrigen Welt sehen“ und lediglich von den Extremisten instrumentalisiert würden. Obama stimmte zu. Die Reintegration von „nicht gewalttätigen Taliban“ müsse von Afghanistan geführt und organisiert werden.
Der amerikanische Präsident sagte zugleich voraus, es stünden noch eine schwierige Zeit und harte Auseinandersetzungen mit den Taliban bevor, „die hart kämpfen“. Er warnte vor der Erwartung eines baldigen Abzugs der Truppen. Zugleich kündigte er an, US-geführte Gefängnisse in Afghanistan an die dortigen Behörden zu übergeben. Für diese „Stärkung des afghanischen Justizwesens“ dankte Karsai dem Gastgeber. Er lobte zudem den US- und Nato-Oberkommandierenden in Afghanistan, General Stanley A. McChrystal, der es „nicht nur zu einem politischen, sondern auch zu einem menschlichen Anliegen gemacht“ habe, die Zahl von Ziviltoten durch die Kämpfe zu reduzieren. Was Obama zu dem Hinweis veranlasste, er sehe sich für jeden Toten des Krieges verantwortlich und auch ihm sei daher die Reduzierung ziviler Opfer nicht nur politisch, sondern auch menschliche wichtig“.
Erst also die gelbe Karte, dann der rote Teppich für Karsai – in Washington sei „das feine Porzellan herausgeholt worden“, beschrieb die „New York Times“ die aktuelle Charmeoffensive, an der sich auch Außenministerin Hillary Clinton und Vizepräsident Joe Biden mit Diner-Abenden für Karsai beteiligten. Richard Holbrooke, Obamas Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, sprach rückblickend von einer „Zeit des aufgewühlten Wassers“, die er „kategorisch“ für beendet erklärte. Vor ausländischen Korrespondenten in Washington sagte Holbrooke: „Diese Periode ist vorbei.“ Auch Eikenberry mag seine einstige Kritik nicht wiederholen. Seine nüchternen Äußerungen blieben gleichwohl interpretierbar. Afghanistan sei ein „enger Freund und Verbündeter und natürlich respektiere ich Präsident Karsai in dieser Eigenschaft vollkommen.“, flüchtete sich der unlängst noch so kritische Botschafter diesmal in die Sprachnebel der Diplomatie.
Auch der Blick auf Ahmad Wali Karsai, den Halbbruder des Präsidenten, fällt neuerdings erstaunlich milde aus. Wurde der Ratsvorsitzende in der umkämpften Provinz Kandahar hinter den Kulissen immer wieder als Beispiel für Vetternwirtschaft gehandelt und der Korruption geziehen, will Ben Rhodes, hochrangiger Sicherheitsberater von Obama, davon offiziell nichts wissen. Es gebe keine gesicherten Erkenntnisse, dass Ahmad Wali Karsai in kriminelle Machenschaften verstrickt sei, sagte Rhodes vor den Auslandsjournalisten.
Gleichwohl sind die Zweifel der US-Regierung an Präsident Karsai nicht ausgeräumt. Darum wurde der Afghane gedrängt, eine auffällig große Delegation und viele Fachminister mitzubringen. So fanden dieser Tage auch Begegnungen der Verteidigungs-, Finanz- und Landwirtschaftsminister sowie hochkarätiger Vertreter von Polizei, Geheimdiensten und Militär beider Seiten in Washington statt. Die US-Regierung will ein ganzes Bündel direkter Drähte nach Kabul legen. Präsident Karsai soll nicht Washingtons einziger Ansprechpartner sein.
Denn in der Tat bleiben Differenzen zwischen beiden Regierungen. In Washington hatten etwa die Bruderküsse, die Karsai unlängst mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad austauschte, das Misstrauen verstärkt. Danach von einer Journalistin befragt, verwies Karsai darauf, dass auch Iran zum Wiederaufbau seines Landes beigetragen habe.
Man wolle gute Beziehungen zu allen Nachbarn „und Iran ist unser Nachbar“. Afghanistan setze auf Freundschaft mit dem Iran ebenso wie mit den USA. „Wir wünschen beiden Ländern das Beste“, sagte Karsai.





