Datenklau

Der Kalte Krieg tobt jetzt im Internet

Eine Kommission des US-Senats warnt vor chinesischer Computer-Aufrüstung für den Datendiebstahl in großem Stil.

Foto: dpa

Truppenparaden sahen früher anders aus. Aber es war eine Parade, was das National Supercomputing Center im chinesischen Tianjin in eine Weltrekordmeldung verpackte. Erstmals setzt sich jetzt China auf der Rangliste für die schnellsten Computer der Welt auf Platz eins.

Eine Entthronung der USA, die nun deutlich distanziert auf Platz zwei stehen. Und es wirkt treuherzig, dass in der chinesischen Siegesmeldung von Strömungsproblemen bei Turbinen des Vier-Schluchten-Staudamms berichtet wird, die nun besser berechnet werden könnten. Chinas Superrechner wurde schließlich an der Nationaluniversität für Verteidigungstechnologie (NUDT) gebaut.

Verteidigung ist auch in China ein sehr dehnbarer Begriff. Und wenn es stimmt, was in der von Wikileaks enthüllten US-Botschaftskorrespondenz steht, sind weltweite Datenattacken selbstverständlicher Bestandteil dieser „Verteidigung“. Wie laut Wikileaks die US-Diplomaten, wenn auch nur aus einer einzigen Quelle, erfahren haben wollen, wurde der chinesische Google-Hack befohlen von höchsten Stellen des Politbüros.

Genauso gut dienen Superrechner zur Entschlüsselung und Verarbeitung von Datenverkehr jeder Art. Das legt die Verbindung nahe zu einem Ereignis, das zeitgleich mit dem Supercomputer-Rekord aus dem Reich der Mitte bekannt wurde. Unmengen hochsensibler US-Internetdaten sind auf chinesische Computerserver umgeleitet worden, gab eine Kommission des US-Senats bekannt. Am 8. April habe das Staatsunternehmen China Telecom für 18 Minuten den E-Mail-Verkehr von Internetseiten des US-Senats, des Verteidigungsministeriums und weiterer Behörden auf Server der Volksrepublik umgeleitet.

Das berichtete die US-China Economic and Security Review Commission dem US-Kongress und machte so den Parlamentariern klar, was Chinas Superrechner tun sollen: Unmengen von Internetdaten nach verwertbaren Informationen zu durchsuchen. Dmitri Alperovitch vom Sicherheitssoftwareproduzenten McAfee bezeichnet die auch von seinem Unternehmen beobachtete Datenumleitung als einen der größten Fälle, wenn nicht den größten Fall dieser Art. Er nennt das „den Kalten Krieg im Netz“.

Immer ausgefeiltere Hacker-Methoden

Vergleichbare Ereignisse gab es allerdings schon zuvor: Als ein pakistanischer Internetprovider im Jahr 2008 den Zugriff auf YouTube aus dem Staat verhindern wollte, leitete er für kurze Zeit sämtliche YouTube-Abrufe auf die eigenen Seiten – YouTube war für kurze Zeit offline. Laut Experten sind bei einer solchen Umleitung auch verschlüsselte Daten nicht sicher. McAfee-Forscher Alperovitch erklärt, dass chinesische Nachrichtendienste derart verschlüsselte Kommunikation entschlüsseln könnten.

„Chinas Regierung, die Kommunistische Partei und andere Organisationen hacken sich in amerikanische Computersysteme, und -netzwerke mit immer ausgefeilteren Methoden“, stellt die für Wirtschafts- und Sicherheitsfragen zwischen Washington und Peking zuständige Kommission fest. Der Bericht wurde mit namentlicher Erwähnung der Attacke gegen Google veröffentlicht, bevor die Diplomatendepeschen der USA jetzt durch Wikileaks bekannt wurden. Dabei, so der Bericht, würden auch „besonders Werkzeuge zur Ausbeutung von sozialen Netzwerken wie MySpace und Facebook“ angewandt.

Letzteres beurteilt der über 300 Seiten starke Bericht als einen Trend, der Chinas elektronische Kriegsführung als Netzwerk-Autoritarismus („network authoritarianism“) qualifiziert. Dieses Vorgehen der chinesischen Behörden richte sich gleichermaßen gegen die Meinungsfreiheit innerhalb Chinas wie gegen Regierungsstellen anderer Staaten und gegen Privatfirmen außerhalb Chinas.

Vereinfacht gesagt bedeutet dies: Die Unterdrückung im Inland, die chinesische Auslands- und Wirtschaftsspionage und die Vorbereitung von informationstechnologischen Angriffsmaßnahmen sind voneinander nicht mehr zu unterscheiden. Zumal chinesische Regierungsstellen sich bei ihren Zensur- und Netzmanipulation zunehmend privater Auftragnehmer bedienen.

Lob für "Kultur der Offenheit"

Dabei registrieren die US-Beobachter eine Politik des Sowohl-als-auch, eine Strategie des dosierten Zwangs im Inland ebenso wie auf internationalem Parkett. „Die chinesischen Behörden haben zwischen ihren Zensuraktivitäten und dem Bedürfnis der Chinesen, an der weltweiten Netzöffentlichkeit teilzuhaben, geschickt die Balance gewahrt“, stellt der amerikanische Kommissionsbericht dazu fest.

Eine Balance zwischen Kooperation und Attacke suchen Vertreter Chinas auch in internationalen Gremien. Während chinesische Stellen und ihre privaten Hackersöldner jeden erdenklichen Internetangriff auf Ziele rund um den Globus unternehmen, lobte kürzlich die Chefin der chinesischen Internet Society, Hu Qiheng, als Gastgeberin des 79. Meetings der Internet Engineering Task Force (IETF) in Peking eine „Kultur der Offenheit“ bei der Internet-Standardisierungsorganisation.

Wie bereits auf anderen internationalen Konfliktfeldern sind auch bei der elektronischen Kriegsführung asymmetrische Formen der Konfrontation zu beobachten. In ihrer Ansprache zur „Internetfreiheit“ stellte US-Außenministerin Hillary Clinton Anfang des Jahres fest, dass „historisch gesehen der asymmetrische Zugang zu Informationen einer der Hauptgründe für zwischenstaatliche Konflikte“ sei.

„Amerika braucht einen Fahrplan für ein substanzielles, langfristiges Investment, um seine Computerressourcen zu stärken“, schrieb Eric. D. Issacs, Direktor des angesehenen Argonne National Labaratory, dieser Tage in der „New York Times“ und zog die Schlussfolgerung: „Wenn wir uns darauf nicht verständigen können, könnten Amerikas Supercomputer bald die Aufschrift ‚made in China' tragen.“

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