Der Anschlag traf Pakistan mitten ins Herz: Ein Dutzend Taliban-Kämpfer drang in das Hauptquartier der Armee in der Garnisonsstadt Rawalpindi ein, tötete mehrere Soldaten und verschanzte sich mit mehreren Dutzend Gefangenen. Die Armee setzte Hubschrauber, Scharfschützen, gepanzerte Fahrzeuge und Lastwagen voller Soldaten in Bewegung, aber die Angreifer hielten die Armee dennoch 22 Stunden lang in Atem. Eine Eliteeinheit beendete schließlich die Geiselnahme am Sonntagmorgen. Die Bilanz: Mindestens acht Soldaten und drei Geiseln sowie neun Taliban starben.
Regierung und Armeeführung bemühten sich, die Befreiung in den Medien als Erfolg zu verkaufen. „Armeetruppen haben die Terroristen einmal mehr zerschmettert“, meldete eine pakistanische Zeitung, die „Sondereinsatztruppen mit ihrer großartigen Erfahrung“ hätten gesiegt. Noch während die Gefechte andauerten, erklärte Innenminister Rehman Malik, die geplante Offensive gegen die Taliban-Hochburg in Süd-Wasiristan werde wie geplant ausgeführt. „Ich habe eine Nachricht für die Taliban: Wir werden dort das gleiche mit euch machen wie in Swat“, sagte Malik mit Verweis auf das Swat-Tal, in dem die Armee im Sommer erfolgreich gegen die Extremisten vorgegangen war.
Doch die Taliban warteten nicht, bis die Pläne im Hauptquartier ausgereift waren, sondern griffen ihrerseits an. Sie näherten sich am Samstag gegen 11.30 Uhr in einem Minibus mit Militärkennzeichen dem äußeren Sicherungsring der schwer bewachten Anlage. Die Männer trugen Uniformen. Als sie gestoppt wurden, eröffneten sie das Feuer und warfen Handgranaten. Bei der anschließenden einstündigen Schießerei wurden sechs Soldaten, darunter ein Brigadegeneral und ein Oberst, sowie fünf Taliban getötet. Zwei wurden verletzt festgenommen.
Obwohl es auf dem Gelände von schwer bewaffneten Soldaten wimmelte, gelang es den anderen Angreifern, weiter vorzudringen. Mit ihren Uniformen verwirrten sie die Sicherheitskräfte, die nicht zwischen echten und falschen Soldaten unterscheiden konnten. Die Taliban nahmen Dutzende Geiseln – die Angaben schwanken zwischen 39 und 50 – und verschanzten sich in einem Gebäude. Per Handy sollen sie die Freilassung von Gleichgesinnten aus der Haft verlangt haben. Bei dem Sturm des Sondereinsatzkommandos am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr starben nach Armeeangaben drei Geiseln, zwei Angehörige der Spezialeinheit und vier der Geiselnehmer.
Der Anführer der Extremisten – Aqil alias Dr. Usman – sei verwundet gefangen genommen worden, sagte ein Armeesprecher. Er habe den Soldaten bis zuletzt Widerstand geleistet und schließlich einen Sprengsatz gezündet. Bei der Explosion seien Aqil sowie fünf Soldaten der Spezialeinheit schwer verletzt worden. Aqil gilt als einer der Hauptdrahtzieher des Anschlags auf das sri-lankische Cricketteam im vergangenen März in der pakistanischen Stadt Lahore.
Der Angriff auf das Armee-Hauptquartier war die dritte spektakuläre Operation der radikalen Islamisten innerhalb kurzer Zeit. Erst am Tag zuvor hatte sich ein Selbstmordattentäter auf einem belebten Markt in der nordwestpakistanischen Stadt Peschawar in die Luft gesprengt und mehr als 50 Menschen mit in den Tod gerissen. Am vergangenen Montag waren bei einem Selbstmordanschlag in der Hauptstadt Islamabad fünf Angestellte des UN-Welternährungsprogramms WFP getötet worden.
US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Sonntag in London, die Geiselnahme durch die Taliban zeige, dass Extremisten die Autorität des Staates zunehmend bedrohten. Aber: „Wir vertrauen der pakistanischen Regierung und der Kontrolle des Militärs über ihre Nuklearwaffen.“ Clintons britischer Amtskollege David Miliband ergänzte, es gebe kein Risiko, dass Atomwaffen in die Hände von Terroristen geraten. Amerikanische Militärs waren jedoch erstaunt, dass die Kämpfer so weit in die Hochsicherheitsanlage in Rawalpindi eindringen konnten.
Die Belagerung offenbare eine „große Sicherheitslücke“, zitierte die „New York Times“ einen Mitarbeiter des US-Militärs, der anonym bleiben wollte. Pakistan ist nach eigenen Angaben seit gut zehn Jahren im Besitz von Atomwaffen. Rawalpindi ist mit etwa 1,9 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Pakistans und liegt rund 30 Autominuten südlich von Islamabad. In Rawalpindi befindet sich auch der Flughafen der Hauptstadt.





