China

Zahl der Selbstmorde auf Rekordniveau

Unter den jungen Chinesen ist der Suizid die Todesursache Nummer eins. Zu viele von ihnen scheitern am Umbruchtempo des Landes. Zaghaft gibt es jetzt erste Ansätze, sich dem Problem anzunehmen – und es nicht wie bisher üblich totzuschweigen.

Foto: zhang_wei_rh / Imaginechina

Chinas harmonische Gesellschaft, die die Kommunistische Partei als Ziel ihrer Politik ausgibt, birgt ein dunkles Geheimnis. Eine Rekordzahl an verzweifelten und depressiven Menschen macht ihrem Leben ein Ende. Chinesische Psychologen und Sozialwissenschaftler sprechen von einer Gesellschaft, die vom Tempo der Veränderungen überfordert und mit ihren Ängsten vor Jobverlust, zerbrochenen Sozialbeziehungen, Krankheit oder Einsamkeit allein gelassen wird.


In keinem anderen Staat der Welt sind die Zahlen der Selbstmorde so hoch, nehmen Stress-Schäden, Nervenkrankheiten und chronische Schlafstörungen so rasch zu, wie in dem dynamischen Wirtschaftswunderland, dem das 21. Jahrhundert zu Füßen liegt.

Nach den zuletzt veröffentlichten Zahlen des chinesischen Gesundheitsministeriums nahmen sich 2003 mehr als 250.000 Menschen das Leben. Zwei Millionen versuchten sich umzubringen. In den USA wählten im selben Jahr 31.484 Menschen den Freitod. Für das Jahr 2006 geht das renommierte Pekinger Forschungs- und Vorbeugungszentrum für Selbstmorde von 287.000 Selbstmorden in China aus. Damit wäre der Selbstmord zur fünfthäufigsten Todesursache in China geworden.

Mehr Tote durch Selbstmord als durch Unfälle

Vor allem verbreitet sich der Bazillus der Selbstaufgabe unter jungen Menschen, meldete am Dienstag „schockiert“ die Tageszeitung „China Daily.“ Selbstmord sei zur „Todesursache Nummer eins unter den Jungen“ geworden.

Die Zeitung zitiert Untersuchungen der „Chinesischen Gesellschaft für mentale Gesundheit“, wonach die Todesfälle in der Altersgruppe 15 bis 34 Jahre im vergangenen Jahr zu 26 Prozent durch Selbstmorde ausgemacht wurden. Diese Todesursache liegt damit weit vor Unfällen oder Krankheiten.

Eine landesweite Umfrage des Instituts für Jugendforschung an der Universität Peking enthüllt zugleich eine starke Zunahme von Suizidgefährdeten. Systematische Befragungen unter 69.000 Jungen und 72.000 Mädchen in den Oberstufenklassen hätten gezeigt, dass 2006 bereits 20,4 Prozent der Teenager über ihren Selbstmord nachgedacht (2002: 17,4 Prozent) und 6,5 Prozent ihn schon geplant hatten (2002: 4,9 Prozent).

Geschwister werden zur Seltenheit

Als Gründe für die Selbstmordgedanken nennt die Studie den Leistungs- und Prüfungsdruck sowie schulische Überforderung, aber auch die Folgen der in den Städten seit 25 Jahren durchgesetzten Ein-Kind-Politik: Es gibt viele Einzelkinder. Mehr als die Hälfte der Jungen und 57 Prozent der Mädchen gaben an, unter Einsamkeit und dem Gefühl der Verlassenheit zu leiden. Für sie gibt es kaum Jugendtreffs oder andere Möglichkeiten zur Begegnung.

Chinas Jugend wird zudem zuhause und in den Schulen immer noch traditionell dazu erzogen, ihre Emotionen zu unterdrücken und nicht nach außen zu zeigen. Sie haben Konfliktverarbeitung nicht gelernt. Außerdem gibt es in dem Land erst seit kurzem Jugend- und Schulpsychologen, deren Zahl aber in keinem Verhältnis zum Riesenbedarf steht.

Den Freitod des Chemikers Hong Qiankun, der die Pekinger Eliteuniversität Qinghua absolvierte und Ende 2006 aus seinem Wohnheim sprang, nennt die „China Daily“ einen typischen Fall für das Schicksal junger Erwachsener. Nach einem Jahr Jobsuche hatte Hong verzweifelt einen schlecht bezahlten Ausbilderjob in einer südchinesischen Küstenstadt angetreten, wo er den Dialekt nicht verstand.

Keine Chance auf adäquate Arbeit

Vier Monate später machte der deprimierte Jungwissenschaftler seinem Leben ein Ende. Er hinterließ einen Brief, in dem er schrieb, dass er seiner Familie nicht mehr zur Last fallen wolle. Was Hong in die Verzweiflung trieb, ist kein Einzelfall: Mehr als ein Drittel der 4,95 Millionen Hochschulabsolventen des Jahres 2006 haben keine Chance, eine adäquate Arbeitsstelle zu finden und müssen sich anderweitig umschauen - eine tiefe Enttäuschung für sie selbst und ihre Familien.


Hohe Selbstmordraten gibt es neben der jungen Generation auch unter den Bäuerinnen, den Verliererinnen der Reformen. Sie reagieren auf Geld- oder Eheprobleme und bringen sich im Affekt um. Viele verzweifeln, weil sie von ihren Männern, die zum Arbeiten in die Städte gehen, monatelang mit Kindern und kranken Alten im Dorf allein gelassen werden.

Bisher wurde das Problem der Selbstmorde totgeschwiegen, so gut es eben möglich war. Doch jetzt rückt das Problem immer häufiger ins Licht der Öffentlichkeit. So hat es sich das Pekinger Suizid-Institut zur Aufgabe gemacht, die von den Behörden gerne heruntergespielten Probleme öffentlich zu machen und ihnen vorzubeugen. Schon mehrfach klärten Zeitungen die Gesellschaft zudem darüber auf, wie man Selbstmordgefährdete erkennen kann.

101 Selbstmordversuche vereitelt

Auch einzelne Aktivisten packen an. In Nanking fährt seit 2003 der 38-jährige Lebensretter Chen Si jedes Wochenende mit seinem Motorrad stundenlang Chinas berühmteste Brücke ab, die 5773 Meter lange Nanking-Brücke über den Jangtse. Er hat bislang 101 Selbstmordversuche vereiteln können und schon oft Lebensmüde in letzter Minute vom Geländer zurückgerissen. Die 1968 während der Kulturrevolution doppelstöckig gebaute Bahn- und Autobrücke galt stets als stolzer Nachweis der Größe Chinas.

Neuerdings enthüllten die Medien nun, welch fatale Anziehungskraft die Brücke auf die Gescheiterten des Systems ausübt. Mehr als 2000 Menschen stürzten sich in den vergangenen 20 Jahren von der Nankingbrücke in den Strom. Bis vor kurzem war auch das ein dunkles Geheimnis.