Die frohe Botschaft kommt kurz nach Mitternacht. „Die Uni Heidelberg ist besetzt“, sagt ein junger Mann auf der Bühne des Auditorium Maximum der Universität Wien. Der größte Hörsaal Österreichs ist rappelvoll. Die Menschen, die kein Dosenbier in der Hand halten, beginnen zu klatschen, die anderen johlen und trampeln, weitere 1000 sehen per Internet zu. „Auch Deutschlands Studierende erwachen endlich“, schreibt einer im Kurznachrichtendienst Twitter. „Folgt morgen Hamburg?“

Seit zwei Wochen halten Hunderte Studenten mehrere Räume der größten Universität im deutschsprachigen Raum besetzt, um gegen überlaufene Hörsäle, lange Wartezeiten und die Kommerzialisierung des Bildungssystems zu protestieren. Sie verlangen freien Zugang zu Bildung, mehr Demokratie an den Unis und eine grundlegende Überarbeitung des Bachelor-Master-Systems – und sie wollen unter allen Umständen verhindern, dass die Regierung die Studiengebühren wieder einführt und die Zugangsbeschränkungen ausweitet. Darüber denkt der christdemokratische Wissenschaftsminister laut nach, seit sich abzeichnet, dass die Zahl der Studenten dieses Semester um 20 Prozent auf die Rekordzahl von 300.000 explodieren könnte.

Die Zahl der deutschen Studenten ist besonders stark gestiegen, ihr Anteil hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht und beträgt nun 7,8 Prozent. Im Gegensatz zu einigen Politikern, Rektoren und der „Kronen-Zeitung“ sind „deutsche NC-Flüchtlinge“ für die Audimaxbesetzer aber nicht der Kern des Problems, sondern bloß „eine Ausrede“, sagt Jakob, ein 24-jähriger Politikstudent, der zur Sprecher-Gruppe der Besetzer zählt. Im Audimax sind die „Piefkes“ deshalb nicht nur gut vertreten, sondern auch höchst willkommen.

Wiener Audimax, Heimat des Protests

„Die Uni brennt“, nennen die Studenten ihre Revolte. Sie ist spontan entstanden, an Parteien und Hochschulvertretern vorbei, und hat sich schnell auf ganz Österreich ausgeweitet. An zwölf Universitäten im ganzen Land haben die Studenten zentrale Hörsäle in Beschlag genommen, mit Hilfe von Facebook, Twitter und SMS halten sie untereinander Kontakt und „die Bewegung“ am Leben, ihr Herz schlägt aber weiterhin im Wiener Audimax.

Es sind längst nicht nur mehr Besetzer, die hier das Wort ergreifen. Jeden Tag kommen neue linke Intellektuelle, Musiker, Gewerkschafter, Grünen-Politiker, aber auch Dozenten, Eltern oder Schüler vorbei, um sich solidarisch zu erklären – und sich anzuschauen, was eine immer als angepasst und politikverdrossen verschriene Generation protestmäßig so auf die Beine stellt.

Selbstverständlich wird auch gefeiert. Am Dienstag ist die Elektropop-Sängerin Gustav aufgetreten, davor eine Volksmusikgruppe aus Vorarlberg, die für die Besetzer eine „Uni brennt“-Hymne komponiert hat: „Bachelor, Master, Gesetzesnovelle / Curriculum, Burschenschaft / Wir haben’s so satt / wir besetzen euch / bis ihr’s alle rafft“. Sogar zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ haben die Studenten schon geraucht, getrunken und getanzt.

Die Audimax-Revolte ist streng basisdemokratisch organisiert. Jede, auch das kleinste organisatorische Detail, muss vom Plenum abgesegnet werden, und die Studenten haben in ihren Diskussionen von Anfang an gleich beflügelt gegen Diskriminierung und „Banken-Milliarden“ mitprotestiert.

Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat 34 Millionen zur Verbesserung der Lage an den Unis geboten, für die Studenten „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“. Sie verweisen auf den Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, der im „Standard“ vorgerechnet hat, dass die Unis eine Milliarde mehr pro Jahr bräuchten. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Werner Faymann hat angekündigt, die Uni-Budgets bis 2020 von derzeit 1,2 auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben. Für die Besetzer ist das „ein Anfang“, aber nicht genug, um sich zurückzuziehen. Für Ende November hat der Wissenschaftsminister zu einem „Hochschuldialog“ geladen, auch die Besetzer. Ob sie Delegierte schicken werden, muss auf jeden Fall das Plenum entscheiden.

Flashmobs und Freeze-Aktionen

Im Vordergrund standen am Mittwoch vor allem die Vorbereitungen für den für heute geplanten „Aktionstag Freie Bildung für alle“. Geplant sind Flashmobs, Freeze-Aktionen im ganzen Land sowie ein Sternmarsch, zu dem auch Schüler, Kindergärtner und protestierende Lehrer der Uni Wien geladen sind. Eine der zentralen Verkehrsadern Wiens, der Gürtel, soll lahmgelegt werden. Linz, Salzburg, Klagenfurt und Innsbruck: Überall Protest.

21.393 Studenten wollen mit dem Aktionstag definitiv nichts zu tun haben. Sie haben sich der Facebook-Gruppe „Studieren statt blockieren“ angeschlossen und ärgern sich darüber, dass ihre Vorlesungen in Kinosäle und Messezentren verschoben werden mussten. Ob sie sich zur einer Gegendemonstration sammeln werden, wussten sie am Mittwoch Nachmittag noch nicht. Es wurde noch diskutiert.