Man kann es drehen und wenden wie man will: Die spektakulären unerlaubten Priesterweihen im bayerischen Zaitzkofen und im schweizerischen Econe markieren nur einen vorläufigen, allerdings medienwirksamen Höhepunkt im innerkatholischen Streit um die Pius-Brüder. Die große Machtprobe steht indes noch aus.
Die harmlosen Appelle deutscher Bischöfe, doch bitteschön den Bogen nicht zu überspannen, wurden von den widerspenstigen Traditionalisten eiskalt ignoriert. Das zeugt von einem gewachsenen Selbstbewusstsein der Jünger Marcel Lefebvres. Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe ihrer Gemeinschaft durch Papst Benedikt XVI. verstehen sie als Freibrief, ihr Verständnis von der wahren Kirche allen Katholiken aufzudrängen. Sie lassen keine Gelegenheit aus zu beteuern: Seht, der Pontifex steht doch hinter uns, Rom hat uns die Weihen nicht ausdrücklich untersagt!
Jetzt rächt es sich, dass Benedikt den Lefebvre-Bischöfen ohne Vorbedingung entgegengekommen ist. Er befreite sie von der Strafe der Exkommunikation, ohne von ihnen die verbindliche Zusage zu verlangen, voll zu den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu stehen und so, wenigstens atmosphärisch, zur Entspannung beizutragen. Er formulierte lediglich vage die Hoffnung auf eine zufriedenstellende Lösung des „ursprünglichen Problems“- gemeint ist die unterschiedliche Bewertung der Konzilsbeschlüsse. Seine Geste der „Barmherzigkeit“ trägt somit einen Makel. Und dieser stiftet fortwährend Misstrauen und Unruhe im Kirchenvolk: Nimmt es etwa selbst der Papst nicht mehr so genau mit dem Konzil?
Benedikt betont stets die "Tradition“. Ihm jedoch zu unterstellen, er probe die Rolle rückwärts, wäre in dieser groben Form ungerecht. Aber seine Frage, ob der Kirche eine Gemeinschaft gleichgültig sein könne, in der es "491 Priester, 215 Seminaristen, sechs Seminare, 88 Schulen, 117 Brüder und 164 Schwestern“ gibt, verführt leicht zu dem Schluss, dass es ihm um die Einheit wenn nicht unbedingt um jeden, aber doch zu einem gewissen Preis geht. Selbst wenn diese Gemeinschaft einem reaktionären Katholizismus verhaftet ist.
Der römische Fahrplan für die künftigen Kontakte mit der schismatischen Gruppierung gibt dem Disput über dogmatische, lehrmäßige Probleme den Vorrang vor Gesprächen über eine Eingliederung in die Kirche und der Regelung disziplinärer Fragen, das schließt die Möglichkeit eines Scheiterns ein. Es ist freilich nicht gelungen, diese Reihenfolge breit zu kommunizieren. Es dürften schwierige theologische Gespräche werden. Denn die Pius-Brüder haben bislang nicht zu erkennen gegeben, dass sie einen weicheren Kurs steuern wollen.
Im Gegenteil, sie wollen an der „Zurückweisung des Irrlehren“ des Konzils durchhalten, im Vatikan sehen sie „Modernisten“ am Werk, die den Glauben verfälschen. Deshalb ihr ständiges Reden von einer „Notsituation“, die auch eine Überschreitung kirchenrechtlicher Normen legitimiere. Die Glaubenskongregation, die künftig für die Kontakte mit den Traditionalisten zuständig ist, hat ein hartes Stück Arbeit vor sich.
Denkbar, dass es zu keiner Verständigung kommt. Denkbar auch, dass sich die Priesterbruderschaft spaltet. Darauf setzt offenbar der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, seine Hoffnungen. Bis hier Klarheit eingekehrt ist, wird noch viel Wasser den Tiber hinunter fließen.
Vorerst hilft es Zollitsch und seinen Amtsbrüdern nicht, sich die Situation mit Blick auf die Zukunft schön zu reden. In der Causa Zaitzkofen haben sie eine doppelte Niederlage erlitten. Die Traditionalisten konnten sich ihnen gegenüber einen kalkulierten Affront erlauben, und Rom hat dazu geschwiegen. So ist zumindest die öffentliche Wahrnehmung.






