Baden-Württemberg

Kretschmann ist der Gegenentwurf zu Mappus

Machtwechsel in Stuttgart: Winfried Kretschmann könnte der erste grüne Ministerpräsident werden. Dabei gelten seine Reden eher als dröge und fast anstrengend.

Die Gerüchte machten früh die Runde, aber lange zögerte man bei den Grünen, an den eigenen Erfolg zu glauben. Aber spätestens nach der ersten Prognose brach der Jubel los. Da raunt ein Parteifreund, der Winfried Kretschmann lange kennt, sichtlich euphorisch, aber auch fast wie unter Schock, „das alles“ habe „der Kretsch“ doch gar nicht gewollt. Den politischen Wechsel natürlich schon. Aber gleich den Einzug in die Regierungsvilla Reitzenstein, als Ministerpräsident?

Kretschmann ist ein ehemaliger Naturkunde- und Ethiklehrer, er hat die Grünen Ende der 70er-Jahre nicht aus Lust am Widerstand mitgegründet, sondern wegen seiner „emphatischen Liebe zur Natur“. Schon in den achtziger Jahren hatte er ihre Machtoption im Auge, aber nicht als erste Kraft, sondern an der Seite der CDU. In seiner Partei war das damals, als die Union noch fast als postfaschistisch galt, eine ungeheure Provokation. Kretschmann kämpfte dennoch weiter dafür, aus Überzeugung, dass sich zwei Kräfte da auf eine gute Weise verbinden könnten.

Jetzt ist alles ganz anders gekommen, jetzt hat er die Regierungsmacht höchstpersönlich in greifbarer Nähe. Für ihn muss sich der sensationelle Karriereschub tatsächlich anfühlen wie ein Ritterschlag, bei dem ihm aus Versehen das Schwert heftig an den Kopf geknallt wird. Eine große Ehre, aber auch ein wenig schmerzhaft. Doch wie ein pflichtgetreuer Rittersmann hat Winfried Kretschmann vorab gelobt, das Amt „anzunehmen und kraftvoll auszufüllen“, sollte es denn vom Souverän in seine Hände gelegt werden.

30 Jahre in der Opposition

Die Chance, ins höchste Amt aufzusteigen, war für Kretschmann weder vorhersehbar noch planbar. Nichts und niemand hätte den Fraktionschef der Grünen im Stuttgarter Landtag darauf vorbereiten können, dass er mit 62 Jahren plötzlich Landesvater werden könnte. Noch im Februar 2010, als Stefan Mappus zum Ministerpräsidenten vereidigt wurde, hätten Buchmachern eher Wetten darauf angenommen, dass eines Tages Jürgen Klinsmann in die Villa Reitzenstein einzieht, oder Jogi Löw.

Kretschmann selbst, der seit 30 Jahren mit kurzen Unterbrechungen wie festgenagelt auf der harten Oppositionsbank im Stuttgarter Landtag saß, muss das ähnlich empfunden haben. Noch im September, nach den ersten Abrissaktionen am Stuttgarter Bahnhof, sagte er, es sei „etwas verrückt, wenn man als Ministerpräsident gehandelt wird“. Damals, nach dem ersten Höhenflug der Grünen bei den Umfragen, wollte er sich noch nicht zum Spitzenkandidaten küren lassen. Der Griff nach dem höchsten Amt wäre ihm anmaßend erschienen. Wenn sich dann die Werte im Frühjahr aber auf hohem Niveau stabilisiert hätten, „kommt man darum nicht mehr herum“. Kretschmann klang dabei ein wenig, als hoffe er fast, dass dieser Kelch an ihm vorüber gehe.

Schon zuvor hatte sich der begeisterte Wanderer und Botaniker einmal einen alttestamentarischen Moses genannt, der seine Partei zwar durch die Wüste der Opposition ins Gelobte Land der Regierung führe, dieses selbst aber nicht mehr erreiche.


Doch dann kam Stuttgart 21, dann kam Fukushima. Und vor allem kam als Gegner, der herauszufordern war, ein Mann wie Mappus. Zu dessen impulsiver, testosterongeladener Bauch- und Macht-Politik stellte Kretschmann wie von selbst und ohne sich zu verrenken den perfekten Gegenentwurf dar. Da half der seit 57 Jahren regierenden Union im Südwesten alles Beschwören von Wohlstand und Wirtschaftskraft nicht mehr, auf die sich die CDU stets verlassen hat: Mappus hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem bei seinen Wählern. Und Winfried Kretschmann, der Ehrliche, der Moderate, hatte plötzlich die perfekten Karten in der Hand.

Im Wahlkampf, in dem Kretschmann unermüdlich mit einem kleinen VW-Wahlkampfbus durch Ländle schnurrte, kamen viele Gäste zu Wahlkampfveranstaltungen, die noch nie grün gewählt hatten, und die sich das nach eigenem Bekunden auch nie hatten vorstellen können. Jetzt wollten sie sich „den einfach mal anschauen“. Und entschieden, ob dieser Mann mit dem eisgrauen Bürstenschnitt, der schmalen Brille und der Studienratsaura ihr künftiger Ministerpräsident sein könnte.

Winfried Kretschmann ist kein Populist, kein Volkstribun, der in solchen Momenten die große Vision auflegt oder auch nur den passenden Witz parat hat. Seine Reden gelten eher als dröge und fast anstrengend, er spricht von „grünen Produktlinien“, und wie man im Land die „finanzielle Nachhaltigkeit“ garantieren könne. Doch wenn man sich hinterher umhörte, waren viele doch angetan. Kretschmann sei „sehr sympathisch“ und präsentabel, und vor allem: glaubwürdig. Der Wertkonservative, der in seiner wilden Partei schon so oft ausgebuht und sogar fast davon gejagt worden wäre, ist plötzlich der richtige Mann zur richtigen Zeit am rechten Ort. Mit einem Bürgerschreck an der Spitze hätten die Grünen auch trotz Stuttgart 21 und Atomkatastrophe nichts gerissen.

Kretschmann ist ein Prototyp des „bürgerlichen Baden-Württemberg-Grünen“, praktizierender Katholik, einst Oberstudienrat für Ethik, Mitglied im Schützenverein. Er liebt seine Heimat ganz aufrichtig und innig, und als während es viele seiner Weggefährten nach Berlin zog, Rezzo Schlauch oder Fritz Kuhn etwa, blieb Kretschmann. Das sage eigentlich alles über ihn, meinen viele. Er sei nicht geschaffen für permanente Winkelzüge, sondern seriös und intellektuell. Nur leider „zu ehrlich“. Auch diese Einschätzung hat sich nun überholt. „Zu ehrlich“ kann man dieser Tage in Baden-Württemberg nicht sein.