20 Jahre danach

Der Mauerfall war ein Fest der Menschenwürde

Unzählige Veranstaltungen erinnern an den Mauerfall vor zwanzig Jahren, die Fakten sind bekannt. Doch eines gerät langsam fast unvermeidlich in Vergessenheit: das Gefühl der damaligen Zeit. Unsere Autorin Zsuzsa Breier spürt den Emotionen der Vergangenheit nach und landet bei einer wichtigen Erkenntnis.

Ich mag Rot. Rote Kleidung, rote Tapete, rote Blumen. Meine Mutter dagegen kann rote Nelken bis heute nicht ausstehen. Auch bei ehemaligen Bewohnern der roten Zone jenseits der Mauer, Opfern des roten Terrors, Ex-Gulaginsassen weckt Rot unangenehme Assoziationen. Deshalb käme ich trotz meiner Liebe zu dieser Farbe nie auf die Idee, den Mauerfall, den Sieg über das rote Regime, mit roten Farbenspielen zu feiern – ebenso wenig, wie ich den Opfern des Nationalsozialismus vor braunen Kulissen gedenken würde. Doch das Themenjahr 2009, 20 Jahre Mauerfall, kündigt sich in eben jener Farbsymbolik an. Über der Museumsinsel schwebte vor Kurzem ein roter Helium-Pfeil, und an der Tourismusmesse warb ein Stand „Schauplatz im Wandel“ mit einer roten Wanderbox.

Bei vielen Gedenkveranstaltungen wird der große Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft geschlagen. Das Buch „Berliner Zukünfte“ zeigt nicht nur, wie die Stadt sich seit dem Mauerfall veränderte, sondern gibt auch „ganz persönliche Ausblicke in die Zukunft der Stadt“. Und Deutschland, das Reiseland, wirbt mit Pauschalangeboten wie „Urlaub auf Ostdeutsch – eine historische Reise“. Wie die Zeiten sich ändern: Als die Mauer noch stand, wollten alle Urlaub auf Westdeutsch machen, was Ostdeutsche und Osteuropäer nicht alles dafür gegeben hätten. Aber es ging eben nicht: Die Mauer war da. Dabei hatte ursprünglich „niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten“, wie Ulbricht noch am 15. Juni 1961 sagte, doch bereits zwei Monate nach den beteuerten Friedensabsichten wurden die ersten Stacheldrähte gezogen, und am 24. August 1961 fiel der erste Schuss an der Mauer.

So lobenswert der anlässlich des Jubiläums einsetzende Boom an Veranstaltungen auch sein mag, frage ich mich, ob der für einen gemeinsamen Neuanfang der Europäer unabkömmliche Austausch der Erfahrungen, des Erlebten, des Geglaubten und Gehofften, des Erfolgreichen und des Gescheiterten denn wirklich stattgefunden hat. Viele Deutsche erinnern sich noch oder kennen die Bilder: die Umarmungen, die Tränen der Freude, die Ost und West im bewegenden Augenblick des Mauerfalls einte. Die friedliche Revolution war ein Fest, das dem blutigen Kalten Krieg ein Ende setzte. Osteuropa schüttelte die Diktatur ab, Russland erhob sich durch Glasnost und Perestroika zum Partner des Westens, die wieder gewonnene Menschenwürde, die Demokratisierung ermöglichten neue Beziehungen in Europa, zwischen Ost und West.

20 Jahre später sieht das alles anders aus. Nach Gesprächen mit Osteuropäern, die sich angesichts der so unerwartet hereingebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise zurückgeworfen fühlen, habe ich den Eindruck, Osteuropa erhielt eine späte Ohrfeige vom Kommunismus. Und schon gar nicht kann ich mir anhören, wenn ehemalige Verfechter eines freien Wirtschaftssystems, die über 40 Jahre lang Opfer einer oktroyierten und offenkundig idiotischen Planwirtschaft waren, angesichts der gegenwärtigen Missstände das Wort Kapitalismus nur noch so in den Mund nehmen, wie dies damals von den kommunistischen Blockkämpfern verlangt wurde. Kehrt das Unheil wieder, das nach einer schamvollen und verbrecherischen Geschichte europaweit zu Grabe getragen wurde? Das, was Europa Frieden und Wohlstand brachte, wird nun verachtet, und das, was Millionen Europäer jenseits der Mauer in eine beispiellose Krise stürzte, das menschenverachtende System, das so viel Unglück brachte, wird, wenn auch nicht ernsthaft zurückgewünscht, so doch wieder ins Spiel gebracht.

Nach einer jüngsten Umfrage hält in Ungarn jeder zweite Bürger den langjährigen kommunistischen Führer János Kádár für eine „eher positivere Figur“. Seit Jahren liegen Bücher und Forschungsergebnisse vor, die beweisen, dass János Kádár einer der blutigsten Diktatoren im Ostblock war. „Nirgendwo wurde so viel gehängt wie unter János Kádár nach 1956“ – resümiert ein Historiker. 73 Prozent der ungarischen sozialdemokratischen Wähler und 43 Prozent des bürgerlichen Lagers erkennen in ihm dennoch eine „eher positivere Figur“. In Deutschland scheint es mit der öffentlichen Wahrnehmung nicht viel besser zu stehen. 41 Prozent der Ostdeutschen halten im Rückblick die ehemalige DDR nicht für einen Unrechtsstaat. Ein Spitzenkandidat der Linken sagt, die DDR sei zwar kein Rechtsstaat, aber auch kein Unrechtsstaat gewesen.

War es die Trauer, die persönliche Betroffenheit, der Schock über das Ausmaß der Bespitzelung, der Schmerz über die verpassten Lebenschancen im SED-Gefängnis-Staat, die die Leute damals in Tränen einten und keinen Zweifel daran aufkommen ließen, was recht und unrecht war? Oder war es die Freude darüber, dass Träume, an deren Erfüllung man nie dachte, wahr geworden sind? Dass man plötzlich raus in die Welt durfte, sagen durfte, was man denkt, und leben durfte, wie man wollte. Und ist es heute die Finanzkrise, die die einst so schwer errungene Freiheit hinten stehen lässt?

Vor 20 Jahren erinnerte man sich noch an eine freudlose Existenz im Ost-Alltag: ein vom staatlichen Willen ganz eng geschnürtes Leben, das kaum Bewegungsmöglichkeiten bot. Der schmutzfarbene, immer trostloser heruntergekommene Hausputz spiegelte nur allzu gut wider, was sich hinter den Fassaden abspielte: ein Leben zwischen Angst und Anpassung, zwischen Rückzug ins Private oder untragbaren Kompromissen. Ich habe in meiner Kindheit nichts anderes häufiger gehört als das gleiche Stöhnen von Erwachsenen: Was soll hier aus meinem Kind werden?

Doch heute will man sich daran erinnern, dass der soziale Zusammenhalt so groß war und die Stallwärme des Kollektivs im Gegensatz zu der Rigidität der Marktwirtschaft so gut tat. Man vermisst den sicheren Arbeitsplatz, die gute soziale Versorgung, die Ganztageskrippen. Erst nach dem Zusammenbruch des Systems ist für einen kurzen Moment klar geworden, was das alles wirklich kostete, nämlich den totalen Kollaps.

Dass das nicht gut gehen konnte, wusste man eigentlich von vornherein. In den Witzen, die die beklemmende Realität durch befreiendes Lachen lösten und deshalb zum sozialistischen Alltag gehörten, konnte der Widerstand gegen den Kommunismus von Anfang an einen überlegenen Sieg verzeichnen. So konfrontierte ein Witz zwei Symbolfiguren der ungarischen Geschichte, den Widerständler Kardinal Mindszenty und den stalinistischen Kommunistenführer Mátyás Rákosi. Kurz vor den ersten unfreien Wahlen nach Kriegsende 1947, so der Witz, luden Rákosi und Mindszenty das Volk zu einer Großversammlung. Am Bahnhof wurde den anreisenden Gästen durch eine Ansage der Weg mitgeteilt: Wollen Sie die Messe (mise) besuchen, gehen Sie nach rechts, wollen Sie das Märchen (mese) hören, gehen Sie nach links.

Ein anderer Witz: Was ist denn der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Der Unterschied ist winzig: Der Optimist ist gut informiert, der Pessimist weiß mehr. Nicht nur die Ungebildeten gaben sich diesem primitiven Amüsement hin.

Der dialektische Marxismus konnte erst die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den Anhängern der alten und der neuen Ordnung, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Bourgeoisie und „Volk“ zu einer gelungenen Synthese führen. Dieses dialektische Denken haben wir uns angeeignet.

20 Jahre Mauerfall bedeutet für Europa die Überwindung der kommunistischen Diktatur. 20 Jahre Mauerfall bedeutet für Europa 20 Jahre Wiedervereinigung und 20 Jahre Freiheit für alle Europäer. Anlässlich dieses Jubiläums sollten wir uns daran erinnern, was Europäer vor 20 Jahren empfanden und vorhatten. Zukunft braucht Erinnerung.

Die Autorin ist Germanistin und Kulturwissenschaftlerin und lebt in Berlin.

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