Deutsch-deutsche Geschichte

Die eifrigen Kollegen des Stasi-Spitzels Kurras

Über Jahre war der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras ein vorbildlicher Mitarbeiter der Stasi. Er lieferte kiloweise Material, teils aus sensiblen Bereichen. Der Fall wirft ein Licht auf die Durchdringung West-Berlins mit Stasi-Spitzeln. Die Aufarbeitung dieser Fälle ist bislang äußerst unbefriedigend.

Foto: AP

Vorsicht ist die wichtigste Tugend jedes Spions. Angezogen mit eigens gekaufter Kleidung, mit Hut auf dem Kopf und Brille auf der Nase, steigt Karl-Heinz Kurras am 12.Juni 1964 in die S-Bahn. Der West-Berliner Polizist, bei der Stasi als Geheimer Mitarbeiter (GM) „Otto Bohl“ geführte, will nicht erkannt werden. Denn sein Ziel ist der Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin. Würde er dabei beobachtet, hätte er einiges zu erklären – immerhin bemüht er sich zeitgleich um die Versetzung in die Abteilung I des West-Berliner Polizeipräsidiums, den Staatsschutz.

Das Treffen an diesem Freitag geht ungestört über die Bühne. Sein MfS-Führungsoffizier Oberleutnant Werner Eiserbeck schleust ihn an den normalen Grenzkontrollstellen vorbei nach Ost-Berlin ein. Mehr als sieben Stunden sind die beiden zusammen, in einer „konspirativen Wohnung“ mit dem Decknamen „Kies“.

Kurras berichtet ausführlich; Eiserbeck nimmt das Gespräch auf und lässt daraus später mehrere schriftliche Berichte fertigen. Danach beginnt der Stasi-Offizier noch ein „ausführliches politisches Gespräch“. Befriedigt notiert Eiserbeck, dass Kurras sich „mit den aktuellen Tagesfragen beschäftigt und eine positive Meinung vertritt“. Kurz vor 22 Uhr setzt der Oberleutnant seinen Spion in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße ab. Kurras geht zum Ausreiseschalter; Eiserbeck hat die Grenzer vorgewarnt. Wieder geht alles glatt: „Während des Passierens der Kontrolle durch den GM waren keine Personen anwesend. Vorkommnisse bei der Schleusung gab es nicht.“

Das konspirative Treffen von Kurras mit dem Stasi-Offizier in Ost-Berlin am 12. Juni 1964 war nur einer von mehreren Dutzend ähnlichen Kontakten; noch öfter traf sich der Kriminalpolizist, der am 2.Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, mit Kurieren des MfS in West-Berlin. Dabei übergab der Agent zwischen 1955 und 1967 zahlreiche Originalmaterialien, schrieb oder diktierte mindestens 152 verschiedene Berichte; hinzu kamen Abfragen im West-Berliner Melderegister und der Autokennzeichen-Kartei, die er im direkten Auftrag der Stasi machte.

"Fünf Leitz-Ordner" mit Geheimdokumenten

Kurras verriet offenbar alles an das MfS, was ihm in die Finger kam. Schon zu seiner Zeit als Schutzpolizist lieferte er brisante Materialien, etwa eine Abschrift des Decknamenverzeichnisses der West-Berliner Polizei für den „Fernsprechverkehr“. Damit konnte die Stasi bei abgehörten Telefonaten feststellen, wer mit wem gesprochen hatte – eine wesentliche Information für die Geheimdienstarbeit. Auch brachte Kurras in Erfahrung, welche Kollegen in der „Förderkartei“ verzeichnet waren. Mit einer solchen Information konnten West-Berliner Polizisten mit Karriereaussichten entweder gezielt von der Stasi „abgeschöpft“ oder auch diffamiert werden.

Zur Topquelle wurde Kurras mit seiner Abordnung zur Kripo Mitte 1960. Er berichtete über Interna des Landeskriminalamtes, verriet „personelle Probleme“ bei der Kripo und Maßnahmen an der Mauer. Nochmals wichtiger waren die Ergebnisse, als dem Spitzel Karl-Heinz Kurras die bewusst im Auftrag der Stasi angestrebte Versetzung zum Staatsschutz gelungen war. Allein ab Anfang 1965 lieferte er „fünf Leitz-Ordner“ mit Geheimdokumenten, über festgenommene IM der Stasi, über „desertierte MfS-Angehörige“ und über Fluchthelfer.

Da aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes viele Namen auf den nun herausgegebenen Kopien geschwärzt sind, kann man noch nicht beurteilen, wie sehr Kurras den Menschen geschadet hat, die er verriet. Anzunehmen ist, dass die Stasi die ihr zugespielten Informationen etwa über persönliche Probleme von Beamten, über Fluchthelfer und über Überläufer weidlich ausgenutzt hat.

Ein Angebot, dass er nicht ablehnen konnte

West-Berlin, die „Frontstadt“ des Kalten Krieges, galt in der SED-Propaganda als „Tummelplatz aller möglichen Feindzentralen“, die gegen den vermeintlichen „Friedensstaat“ DDR arbeiteten. In Wirklichkeit war es umgekehrt. Zwar arbeiteten tatsächlich einige antikommunistische Institutionen in den drei Westsektoren. Doch verglichen mit der Aggressivität, mit der das MfS auf die eingemauerte Stadthälfte einwirkte, war die ab 1961 ohnehin abnehmende Arbeit dieser Einrichtungen bescheiden.

Denn Karl-Heinz Kurras war beileibe nicht der einzige Topspion des MfS in West-Berlin. Ähnlich wertvolle Informationen aus einem ganz anderen Bereich lieferte der MfS-Spitzel Götz Schlicht alias IM „Dr. Lutter“. Sein Leben weist eine bemerkenswerte Parallele zu Kurras auf: Während sich der Kripo-Beamte trotz seiner fast vierjährigen Haft im sowjetischen Internierungslager Sachsenhausen von Dezember 1946 bis März 1950 der stalinistischen Stasi andiente, wurde Schlicht während einer Haftstrafe wegen des Verbreitens politisch missliebiger Flugblätter geworben.

Nach der Hälfte der Strafe sprachen Stasi-Leute den Juristen Schlicht an und boten ihm an, sich als Agent zu verpflichten und dafür freizukommen. Das war ein Angebot, das Schlicht nicht ablehnen konnte – brachte es ihm doch die Freiheit.

Rätselhafterweise fühlte er sich in den folgenden über 30 Jahren dem Stasi-Staat loyal verpflichtet. Als Mitarbeiter des antikommunistischen Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen (UfJ) in West-Berlin und dann des Gesamtdeutschen Instituts lieferte Schlicht bereitwillig brisante Informationen vor allem über Flüchtlinge und Fluchthelfer. Möglicherweise stammt von Schlicht auch die Information, durch die das MfS seinen Vorgesetzten Erwin Neumann bei einem Segelausflug auf dem Wannsee entführen konnte. Darauf deutet, dass der UfJ-Abteilungsleiter bis zu seinem Tod 1967 in Isolationshaft der Stasi saß: Bestand vielleicht die Gefahr, dass er einen Topspion des MfS enttarnen konnte?

Wie Kurras blieb Schlicht auch über den Sturz der SED-Diktatur hinaus dem MfS ergeben. Als er 1993 aufflog, bellte er einen hartnäckigen Reporter an: „Wenn man für einen Geheimdienst arbeitet, hat man keine Gewissensbisse.“ Gegen Schlicht wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, doch ein Prozess unterblieb wegen „Verhandlungsunfähigkeit“. Der Spion überletzte seine Enttarnung um 13 Jahre und starb 2006 im Alter von 98 Jahren.

Bekannter als der Fall Schlicht ist die Affäre um den West-Berliner Bundestagsabgeordneten William Borm. Auch er hatte rund neun Jahre in einem DDR-Gefängnis gesessen – und auch er verpflichtete sich, für die Stasi zu spitzeln. Borm war ein wichtiger Einflussagent des MfS in der FDP. Er starb 1987, bevor seine Tätigkeit auffliegen konnte.

Der zeitweise stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Josef „Jupp“ Braun war ein West-Berliner Stasi-Spitzel (IM „Freddy“), ebenso ein Pressesprecher der Partei namens Heinrich Burger (IM „Eisenstein“); dieser immerhin wurde 1976 enttarnt und zu sieben Jahren Haft wegen Verrats verurteilt. Der Kreuzberger SPD-Bezirksverordnete Rainer Klebba spionierte als IM „Kleinert“, der Berliner Abgeordnete Bogo Thomas als IM „Hans“ und die Schöneberger Kommunalpolitikerin Barbara Gollwitzer-Evans als IM „Birgit“.

Auch auf die West-Berliner CDU hatte die Stasi Spitzel angesetzt Der Charlottenburger Kommunalpolitiker Harald Müller übergab als IM „Herbert Hildebrandt“ über 30 Jahre lang vertrauliche Informationen und denunzierte Fluchthelfer; sein Agentenlohn soll bei über 200000 DM gelegen haben. Immerhin 100000 DM verdiente sich der Spitzel IM „Zady“ alias Günter Schmidt zwischen 1954 und 1989. Wegen ihm saß eine fluchtwillige Frau vier Jahre in Haft – Schmidt kam mit zwei Jahren auf Bewährung und 30000 DM Geldstrafe davon.

Das sind nur einige Beispiele – die Geschichte der Durchdringung West-Berlins durch Stasi-Mitarbeiter muss erst noch geschrieben werden. Die Enttarnung von Karl-Heinz Kurras gibt Anlass, den Einfluss der Stasi auf West-Berlin und die westdeutsche Politik komplett neu zu erforschen. Doch bisher hält sich das Interesse daran, sieht man von einigen wenigen Studien ab, in Grenzen. Warum wohl?

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