Doktorarbeit

Guttenberg kopierte auch bei seinem Doktorvater

Guttenplag macht weiter: Wie zum Rücktritt des Verteidigungsministers angekündigt, durchsucht die Netz-Plattform zu Guttenbergs Doktorarbeit auf weitere Plagiate. Neuer Fund: Kopien aus dem Standardwerk des Doktorvaters Peter Häberle.

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Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat für seine Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ auch bei seinem Doktorvater Prof. Peter Häberle abgeschrieben. Das geht aus einem Quellenvergleich der Internet-Plattform GuttenPlag hervor. Zu Guttenberg hatte 2006/2007 an der Universität Bayreuth promoviert. Im Zuge der Plagiatsaffäre wurde Guttenberg der Doktortitel durch die Universität wieder aberkannt.

Auf GuttenPlag - die Plattform ist ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen und auch bearbeiten können - heißt es, dass der CSU-Politiker insgesamt 29 Mal bei seinem Doktorvater abgeschrieben habe. Insgesamt sind demnach 234 Zeilen reiner Text kopiert worden: "Damit gehört die Arbeit des Doktorvaters zu den Top 10 der meistkopierten gefundenen Quellen." Die Guttenplag-Mitarbeiter zählten für die gesamte Doktorarbeit einen Textumfang von 16325 Zeilen. Bei Häberle hat Guttenberg allerdings nicht den Fließtext abgeschrieben, sondern Quellennachweise in den Fußnoten.

Dabei übernimmt der Ex-Minister anscheinend auch Rechtschreibfehler. Kopiert wurde demnach aus Häeberles 701-Seiten-Standardwerk "Europäische Verfassungslehre", 2006 beim Verlag Nomos erschienen. Als Sinn der Aktion wird bei Guttenplag vermutet: "Mit dieser Methode suggeriert man dem Doktorvater ohne viel Aufwand, dass man die relevante Literatur kennt." "Durch die Übernahme der Fußnoten seines Doktorvaters enthalten der Anmerkungsapparat und das Literaturverzeichnis ohne weiteres Zutun eine Vielzahl von Titeln, die Häberle für relevant und wichtig erachtet hat", heißt es weiter.

Das wirft auch Fragen an Häberle auf: Der hatte in einer gemeinsamen Mitteilung mit dem Zweitprüfer der Guttenberg-Dissertation, Prof. Rudolf Streinz, erklärt, im Jahr 2006, als Guttenberg seine Dissertation einreichte, sei "die Erkennung von Plagiaten [...] mit den seinerzeit vorhandenen technischen Mitteln kaum möglich" gewesen. "Plagiatsoftware sowie auch andere Methoden waren damals keineswegs so weit entwickelt wie heute. Selbst Google wies noch nicht die fein justierte Suchmethode wie heute auf." Einen Abgleich mit seinem eigenen Werk hätte der Autor womöglich ohne technische Hilfsmittel bewerkstelligen können - was wiederum in die Bewertung der vorgelegten Dissertation hätte einfließen können.

Die Guttenplag-Initiatoren bereiten derzeit einen Abschlussbericht vor. Sie hatten noch am Tag des Guttenberg-Rücktritts einen zweiten Zwischenbericht zu Plagiaten in der Dissertation von zu Guttenberg vorgelegt: Demnach (Stand vom 1. März, 15.05 Uhr) wurden nach den Angaben auf der Website mutmaßliche Plagiate auf insgesamt 324 Seiten von 393 Seiten der Doktorarbeit gefunden. Der reine Text der Arbeit (neben Inhaltsverzeichnis, Anhängen, Literaturverzeichnis und Stichwortverzeichnis - Inhalts- und Literaturverzeichnis wurden nicht untersucht) umfasst 393 Seiten. Bei Zählung der Seiten ergibt sich somit nach Bewertung der Macher des GuttenPlag-Wiki eine Quote von 82 Prozent an Seiten, auf denen mutmaßlich Plagiate zu lesen sind. Gezähöt wurden "891 Plagiatsfragmente aus über 120 verschiedenen Quellen, die inzwischen alle auf Plausibilität geprüft wurden".

Auf GuttenPlag werden angeblich kopierte Passagen aus zu Guttenbergs Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt. Die Verdachtsfälle wurden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Zur Darstellung des Anteils angeblicher Plagiate an den Gesamt-Seiten der Dissertation nutzt Guttenplag eine Art Strichcode benutzt , um die unterschiedliche Bewertung von Teilen der Arbeit zu kennzeichnen und einzuordnen. Einen anderen und sehr übersichtlichen Ansatz mit Verlinkung zu den einzelnen Fundstellen gibt es bei vis.net .

In dem jüngsten Zwischenbericht haben die Macher des Guttenplag-Wikis die mutmaßlichen Plagiate noch genauer zugeordnet, nämlich nach Zeilen. Den Angaben zufolge weist die Dissertation des zurückgetretenen Verteidigungsministers nach den Maßstäben der Internet-Aktivisten fast zur Hälfte Plagiate auf. Es seien 2886 Zeilen "Komplettplagiate aus anderen Quellen", was etwa 72 Seiten reinem Text entspreche. Weitere 2829 Zeilen werteten die Plagiate-Sucher als „verschleierte Plagiate“, also umformulierte fremde Passagen, die „keinesfalls durch vergessene Anführungszeichen entstanden“ seien. Auf 944 Zeilen seien „Übersetzungsplagiate“ fremdsprachiger Texte gefunden worden. Dabei wurden Übersetzungen erstellt, ohne die Quelle zu nennen. Hinzu kämen 2346 weitere Stellen, an denen etwa eine Fußnote angegeben worden sei, die sich jedoch auf einen unbedeutenden Teil des Originaltexts beziehe, während größere Abschnitte daraus ohne Zitatnachweis übernommen worden seien: "Dies bedeutet, dass bis jetzt 8061 von 16325 Zeilen, das sind 49% der Doktorarbeit (jeweils inkl. Fußnoten) als Plagiate identifiziert wurden."

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