Arnulf Baring

"Guttenberg ist ein Mogelpeter vor dem Herrn"

Was bleibt von Guttenberg? Nicht viel bis gar nichts, glaubt der konservative Publizist Arnulf Baring. Ein Blick zurück im Zorn.

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Morgenpost Online: Herr Baring, der Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg und die Plagiatsaffäre bewegen die Republik. Die einen wünschen ihn zum Teufel, die anderen wünschen ihn so schnell wie möglich zurück. Können Sie uns erklären, was in Deutschland gerade passiert ist?

Arnulf Baring: Im Grunde ist mir das unerklärlich. Ein Mann, der bereits im Parlament sitzt und ganz erfolgreich ist, will noch unbedingt seinen Doktor schreiben. Und das macht er dann auf sehr krumme Art und Weise. Vermutlich liegen die Gründe in seiner Familiengeschichte. Warum verspürte er diesen wahnsinnigen Druck, erfolgreich zu sein? Warum wird so einer wie Guttenberg zum Hochstapler, obwohl er mit seiner 800-jährigen Familiengeschichte, seinem Adelstitel und seiner politischen Karriere doch auch schon sehr zufrieden sein kann? Da hat ein hoch intelligenter Mensch sehr unintelligent gehandelt. Und bei seinen ganzen Erklärungen der letzten Tage und Wochen blieb er immer neben dem eigentlichen Punkt: Warum hat er abgekupfert?

Dazu kommt diese verquere Art, sich so zu entschuldigen, dass hinterher alle außer ihm selbst beschämt sind. Da ist erst von abstrusen Vorwürfen die Rede. Dann will er seinen Doktortitel befristet nicht mehr führen. Und am Ende sagt er: Ich habe ihn ja bereits abgegeben. Guttenberg ist ein Mogelpeter vor dem Herrn.

Morgenpost Online: Ist er gar von einer kleinbürgerlichen Verzweiflung getrieben worden?

Baring: Kleinbürgerlich ist das nicht. Die laxe Haltung passt eher zum Adel, wie Jan Fleischhauer in einem Essay geschrieben hat. Aristokraten nehmen sich, was sie für angebracht halten. Vielleicht glaubte Guttenberg, dass ihm ein Doktortitel einfach zustehe: „Was, eine große Arbeit soll ich schreiben? Ganz alleine? Ja wieso das denn?“ Es lohnt sicher auch ein Blick auf die Familie zu Guttenberg und ihre angeheirateten Verwandten. Da findet man alles. Einen Patensohn von Adolf Hitler ebenso wie einen fanatischen, italienischen Stalinisten. Donnerwetter, was da aufeinander prallte! Ich vermute, dass die Ursachen dieses Dramas vor allem in der Familiengeschichte zu suchen sind. Vielleicht wollte er – unbewusst – sogar scheitern. Solche Fälle gibt es.

Morgenpost Online: Viele wundern sich darüber, wie man eine Arbeit plagiiert und glaubt, das käme im Zeitalter von Copy und Paste nie raus. Dummheit?

Baring: Straftaten werden meist begangen, weil der Täter glaubt, es käme nie raus. Die Behauptung, das Machwerk habe sieben Jahre gedauert, halte ich für Quatsch. Das schaffen wir in wenigen Wochen. Alles Inszenierung!

Morgenpost Online: Nun wird spekuliert, ob Guttenberg bei seiner Doktorarbeit Helfer hatte.

Ich habe die Arbeit gelesen. Sie ist interessant. Ein Plagiat, aber kein Blödsinn, wie Guttenberg vergangene Woche behauptet hat. Als er das sagte, dachte ich: Holla, hat der seine Arbeit gerade zum ersten Mal gelesen?

Morgenpost Online: Muss man Guttenbergs Aufstieg, die ganze Person, angesichts der Enthüllungen nun neu interpretieren?

Baring: Ich denke jedenfalls ganz neu nach über den Mann. Ich kannte ihn schon, als er als einfacher Abgeordneter im Bundestag saß. Ein angenehmer Zeitgenosse. Ich war gleich für ihn eingenommen. Und ich hatte das Gefühl, dass er sich eigentlich nichts beweisen musste, er seine öffentliche Rolle im Grunde für selbstverständlich hielt. Aber es war wohl anders. Offenbar musste er sich, oder wem auch immer, mit diesem falschen Doktor etwas beweisen. Im Rückblick erscheint er mir ungemein vielschichtiger, problematischer. Wie er in der Kundus- und „Gorch Fock“-Affäre ohne Zögern Führungskräfte feuerte, zeugt von nassforscher Selbstherrlichkeit.

Morgenpost Online: Adliger Umgang mit dem Gesinde?

Baring: Ja, aber schlechter Umgang. Wie kann man eine Diskussion über die Abschaffung der Wehrpflicht damit eröffnen, dass man sagt: Wir haben kein Geld mehr! Jede seriöse Diskussion muss doch mit einer Analyse absehbarer Bedrohungen Deutschlands beginnen und dann die Schlussfolgerungen aus diesem Befund ziehen. Das dauert in der Demokratie Jahre. Nun stellt sich heraus, dass die Freiwilligenarmee auf jeden Fall noch teurer wird. Ich bin angesichts dieser Erkenntnisse verblüfft, traurig, betreten.

Morgenpost Online: Er wurde als Heilsbringer gefeiert, vom Volk wie von vielen Medien.

Baring: Die Heilserwartung wundert mich nicht. Der Psychoanalytiker C. G. Jung stellt in seinen Briefen die Frage, wie es einem Wüstenprediger eigentlich vor 2000 Jahren gelingen konnte, mit seiner Lehre in 200 Jahren fast den ganzen Mittelmeerraum zu erobern. Damals lag eine entsprechende Erwartung in der Luft. Deswegen konnte das Christentum seinen Siegeszug antreten.

Unsere Parteiendemokratie erstarrt, weil es in allen Lagern an eindrucksvollem Führungspersonal fehlt. Die Deutschen wünschen sich aber eine Führungsfigur, die ihnen sagt, was wir jetzt unwiderruflich tun müssen und tun können. Was wir natürlich auch schaffen werden. Merkel ist ein ganz anderer Typ. Eine naturwissenschaftliche Tüftlerin, für die der alte Schulspruch gilt: Chemie ist das, was raucht und stinkt, Physik ist das, was nie gelingt.

Morgenpost Online: Wo wir bei physikalischen Gesetzen sind: Folgt nach dem raketenhaften Aufstieg nun der Absturz? Gelten auch hier die Gesetze der Schwerkraft?

Baring: Diese Begeisterung wird abnehmen. Die Geschichte mit der Doktorarbeit ist noch gar nicht ausgestanden. Es droht sogar ein Strafverfahren. Ich würde auch nicht drauf wetten, dass er den unbedingten Ehrgeiz hat, zurückzukommen. Zu einem Comeback bräuchte er Zurückhaltung, Bescheidenheit, leise Töne, etwa humanitäre Taten in der Stille. Er müsste eine Pause vom politischen Betrieb nehmen. Ob er das kann – das weiß er wahrscheinlich bisher selber nicht.

Morgenpost Online: Viele fragen sich, ob ein Rücktritt unvermeidlich war. Wenn man Ihnen zuhört, muss man das mit einem klaren Ja beantworten.

Baring: Natürlich. Vermutlich war ihm nicht bewusst, welches Damoklesschwert über ihm schwebte. Aber am Ende kommt immer alles raus. Ich fürchte, die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte wird Blätter wie „Bild“, „Bunte“ und „Gala“ mehr beschäftigen als die „Welt“ oder die „FAZ“.

Morgenpost Online: Warum ist es bei einem Volk von 80 Millionen Menschen eigentlich so schwer, politische Talente zu finden?

Baring: Das Thema treibt mich lange um. Obwohl oft anderes behauptet wird, haben wir in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik großes Glück mit unserem politischen Personal gehabt. Das lag an den Geläuterten, die schon in Weimar aktiv waren wie Adenauer, Heuss oder Schumacher. Dazu kamen Vertreter der Kriegsgeneration, zum Beispiel Helmut Schmidt, Erich Mende und Walter Scheel.

Weil diese Führungsschicht in den drei ernst zu nehmenden Parteien so überzeugend war, viel besser als in Weimar, haben die Parteien geglaubt, dass talentiertes Führungspersonal von selbst nachwächst. Tut es aber nicht! Bei den Parteien muss man heute Erstarrung, Leisetreterei und Meinungsarmut beklagen. Deshalb werden Ausnahmeerscheinungen wie Guttenberg so gefeiert.

Morgenpost Online: Allgemeine Talentlosigkeit als Voraussetzung für seinen Aufstieg?

Baring: Bis in die 60er-Jahre hinein gingen begabte Studenten in die Parteien. Später in die sozialen Bewegungen, einschließlich der verschiedenen kommunistischen Gruppen. Seit 1980 scheint Parteipolitik immer uninteressanter zu werden Gleichzeitig sieht man im Internet, wie viele junge Menschen sich für Politik interessieren. Sie schrecken nur vor zähem Gekungel in Hinterzimmern zurück. Leider scheint das den Parteien ziemlich egal zu sein. Sie werden auch die Parlamente füllen, wenn nur 20 Prozent der Bürger zur Wahl gehen. Gleichzeitig werden aber große Fragen, wie die enorme Verschuldung oder die verpfuschte Integration, gar nicht behandelt.

Morgenpost Online: Wie kann man das aufbrechen?

Baring: Das ist schwer. Als ich meinen Essay „Bürger auf die Barrikaden“ vor Jahren veröffentlichte, sagte mir Roman Herzog lächelnd: „Wissen Sie, wie viele Genehmigungen man in Deutschland braucht, um eine Barrikade zu errichten? 17!“

Morgenpost Online: Das klingt sehr pessimistisch. Hat die Aufregung um Guttenberg nicht auch ihr Gutes? Die Menschen äußern sich, manche werden sogar aktiv, ob für oder gegen ihn.

Baring: Die öffentliche Empörung hätte etwas Gutes, wenn sie eine substanzielle Kontroverse anstieße, ein dringendes Zukunftsthema zum Gegenstand hätte. Bei Brandts Rücktritt – aus völlig anderen Gründen – war die Republik auch bewegt. Aber der hat etwas hinterlassen: Große Reden, große Gesten, große Politik. Guttenberg liebte personalpolitisch bedenkenlos Hauruck-Methoden, war im Übrigen ein vorschneller Ankündigungsminister. Er geht, ohne dass etwas von ihm bleiben wird. Keine These, keine Schrift, kein Gedanke, nichts. Er wirkte durch seine guten Manieren, seinen Stil und den Anschein, unkonventionell entscheidungsfähig zu sein. Aber dieser Eindruck wird verwehen.