Renate Künast hat sich lange Zeit gelassen. Nun endlich lüftete die 54-Jährige das Geheimnis, das die Spatzen seit Wochen von den Berliner Dächern pfeifen: Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag nimmt in Berlin den Kampf um den Posten des Regierenden Bürgermeisters auf.
„Ich bin bereit, ich kandidiere für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin“, sagte Künast unter großem Beifall von rund 900 Gästen im Museum für Kommunikation. Nominiert werden soll Künast am Sonntag auf einem Landesparteitag der Grünen. Sie will bei der Abgeordnetenhauswahl am 18. September 2011 das Rote Rathaus in der Mitte der Hauptstadt erobern, Amtsinhaber Klaus Wowereit von der SPD vom Thron stürzen und grüne Geschichte schreiben.
Die Chance könnte besser kaum sein. Die Grünen stehen in der Hauptstadt besser da denn je, haben Aussicht stärkste Kraft zu werden und erstmals in einem Bundesland den Regierungschef zu stellen – oder besser: die Regierungschefin. Künast gab früh den Kurs aus, sich bis November Zeit zum Nachdenken zu nehmen, und bewies trotz bohrender Nachfragen der Medien Stehvermögen.
Auch dem Drängen der Berliner SPD gab die Grünen-Politikerin nicht nach. Wowereit zeigte schon vor Wochen Anzeichen von Nervosität. Je länger Künast schwieg und die Umfragewerte nach oben gingen, desto weniger konnte er seine Unruhe verbergen. Der Frontmann der hauptstädtischen Sozialdemokraten sei dünnhäutig geworden, sagten Beobachter. Zumindest programmatisch suchte die SPD die Offensive und präsentierte bereits vor zwei Wochen Eckpunkte ihres Wahlprogramms. Zudem hatten die Sozialdemokraten Künast frühzeitig einen harten Wahlkampf in Aussicht gestellt. Die Grüne dürfte damit aber kein Problem haben.
Künast ist eine Kämpfernatur. Sie kommt aus einem einfachen Elternhaus in Recklinghausen und musste sich schon den Zugang zur Realschule erkämpfen. Die Familie hatte einen Hauptschulabschluss für sie eingeplant. Fertig. Künast war das nicht genug. Sie sattelte die Fachoberschulreife drauf, dann ein Sozialarbeitsstudium und später noch ein Jurastudium. Die Kindheit im Ruhrpott, Sozialarbeit im Knast, später der Einstieg in die männerdominierte Politik grauer Anzugträger – all das hat sie dazu gebracht, sich durchzusetzen und klare Ansagen zu machen.
Zurückhaltung ist ihre Sache nicht. Künast steht immer kerzengerade, ist wachsam und jederzeit zum Konter bereit. „Taff„ nennen sie viele. Manch einem kommt sie ein bisschen zu burschikos und forsch daher, ein wenig zu angriffslustig und zu herb. Doch in sehr kleiner Runde spart sie sich die Attacke-Haltung und zeigt andere Seiten – einen Tick leiser, weicher, charmanter.
Als Jugendliche mit 15 sei sie ziemlich schüchtern gewesen, sagte Künast einmal in einem Interview. Heute glaube ihr das kein Mensch. Die Beschreibung liegt tatsächlich nicht sonderlich nahe. Künast hat beharrlich ihren Weg gemacht, kam über die Anti-Atom-Bewegung zu den Grünen, saß 14 Jahre im Berliner Abgeordnetenhaus, zeitweise als Fraktionschefin. Sie kennt die Stadt, lebt seit mehr als 30 Jahren in Berlin.
Mit dem Aufstieg der Grünen im Bund wechselte Künast von der Landesebene auf die bundespolitische Berliner Bühne. 2000 bis 2001 stand sie gemeinsam mit Fritz Kuhn an der Parteispitze der Grünen. Unter Rot-Grün im Bund war sie vier Jahre lang Landwirtschaftsministerin, machte sich unbeliebt bei der Agrar-Lobby und setzte sich hartnäckig für den Verbraucherschutz ein. Seit 2005 ist sie Fraktionschefin der Grünen im Bundestag – erst gemeinsam mit Kuhn, dann mit Jürgen Trittin. Nun will sie wieder zurück auf die Landesebene – aber in die Regierung, nicht auf die Oppositionsbank.
Die Pläne der Grünen-Vorzeigepolitikerin sind ambitioniert. Das Wort Ehrgeiz mag Künast aber nicht besonders. Sie spricht lieber von Zielstrebigkeit, von „positivem Druck“ oder Antriebskraft. Daran fehlt es ihr nicht.
Künast hat in Berlin keine schlechten Karten. Sie ist hier fest verwurzelt, besucht regelmäßig den Wochenmarkt in ihrem Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg. In jüngster Zeit nahm sie ungewöhnlich viele Termine auf Landesebene wahr, darunter mit Fachleuten aus der Wirtschaft – nicht zwangsläufig eine Grünen-Domäne. Die Politikerin ist zweifellos fit im „Wahlkämpfen“, findet sich in verschiedenen Milieus zurecht und weiß, wie es mit dem Regieren funktioniert - zumindest in einer Nebenrolle. Dass sie auch die Hauptrolle beherrscht, möchte sie nun unter Beweis stellen – sofern der Wähler sie lässt.
dapd/dpa/lw





