Religion

Der Glaube erobert das kommunistische China

Peking schafft den Religionen neue Freiheiten. Allein die Zahl der Christen in der Volksrepublik wächst jährlich um eine Million.

Foto: REUTERS / REUTERS/X00149

Tempelvorsteher Yuan Zhihong muss den Gläubigen erst erklären, wie sie ihre Rauchopfer für die taoistische Götterwelt darbringen sollen. Mitten in Pekings Innenstadt, im Dongue-Tempel wird der seit der Gründung der Volksrepublik verbotene Neujahrsbrauch „Zishi“ wieder praktiziert.

Maos Kommunisten hatten die uralte taoistische Zeremonie als „abergläubischen Mummenschanz“ abgetan. Zur Wiederbelebung durfte das Kloster im vergangenen Februar 99 Gläubige einladen. Die Öffentlichkeit blieb ausgeschlossen. Die Partei will die Rückkehr religiöser Traditionen unter Kontrolle halten.

Immerhin tolerieren Chinas Kommunisten, dass Taoisten wieder in der Hauptstadt beten. Sie schaffen den Religionen Freiräume. In ihrer Theorie der „harmonischen Gesellschaft“ und der „politischen Stabilität“ für ihre Einparteienherrschaft bauen sie auf die Religion als wichtiges Fundament. Buddhismus und Taoismus stünden vor „goldenen Zeiten ihrer Entwicklung“, stellt das am Donnerstag erschienene „Blaubuch der Religionen 2010“ fest.

Die Akademie für Sozialwissenschaften und das Institut für Weltreligionen befragten dabei erstmals Chinesen, ob und warum sie zum Christentum konvertierten. Zwischen 2008 und 2009 gaben 210.000 Menschen aus 54.000 Familien Auskunft. Mindestens 23 Millionen evangelische Christen und sechs Millionen Katholiken gehören heute den beiden von Peking offiziell anerkannten, „sich selbst verwaltenden, patriotischen“ Amtskirchen an, stellen die Autoren des 290 Seiten starken Buches fest.

Christentum gewinnt immer mehr Anhänger

Damit korrigieren sie die Zahlen von nur zehn Millionen Protestanten und vier Millionen Katholiken, an denen das Staatliche Religionsamt noch immer festhält. Das Blaubuch bestätigt aber auch die Erfolge der Missionierung, über die die Vertreter der offiziellen evangelischen Kirche bisher nur intern berichten durften. Die Zahl ihrer Gläubigen wächst jährlich um eine Millionen Christen.

Allein zehn Millionen Menschen traten der Kirche zwischen 1993 und 2002 bei, als China umfangreiche Wirtschaftsreformen umsetzte. Vor allem in Ostchina und entlang dem Jangtse-Strom wohnt heute der größte Teil der evangelischen Christen, von denen 70 Prozent Frauen sind.

Als Gründe für ihren Kirchenbeitritt gaben drei Viertel der Befragten an, nach Trost und Hilfe wegen Krankheiten oder bei Problemen am Arbeitsplatz zu suchen, auf ein Jenseits zu hoffen oder der christlichen Tradition in ihrer Familie zu folgen. Rund zwei Drittel der Gläubigen sind zwischen 35 und 64 Jahre alt, nur zehn Prozent sind jünger als 34.

Die meisten wurden von Verwandten, Gläubigen oder Freunden gewonnen, kaum vier Prozent durch die Gemeinde und ihre Pfarrer und nur 1,1 Prozent über Bücher oder durch das Fernsehen. Offizielle Medien dürfen nach wie vor über religiöse Themen kaum berichten.

Verbotene Hauskirchen nimmt der Bericht aus

Von den 23 Millionen Protestanten sind 15,56 Millionen getauft. Diese Zahlen seien laut Blaubuch „Minimalschätzungen“, weil viele auf die Fragen nicht antworten wollten. Die Autoren schreiben: „Unter den heute in China herrschenden Bedingungen ist eine Untersuchung zur Religion ein heikles Thema.“ So durften die Autoren auch nicht über die verbotenen evangelischen Hauskirchen berichten.

Kirchenaktivist Yu Jie, Mitherausgeber eines seit 2005 in Peking vierteljährlich illegal erscheinenden Hauskirchenmagazins „Ganlanjie“ (Olivenzweig) schätzt, dass es in der Hauptstadt 2000 Hauskirchengruppen gibt, denen jeweils 40 bis 50 Mitglieder angehören. Die Zahl der Hauskirchenchristen in ganz China sei so hoch wie die der offiziellen Protestanten.

Auch im Fall der Katholiken behandelt das Blaubuch nur die staatstreue Kirche mit ihren sechs Millionen Gläubigen und ignoriert die verfolgte romtreue Untergrundkirche. Vom Vatikan wird sie auf sechs bis acht Millionen Christen geschätzt. Das Blaubuch fordert Peking auf, sein Schisma mit dem Vatikan zu überbrücken und diplomatisches Geschick zu zeigen.

Religiöse Bräuche erobern die Städte

Die offizielle Kirche leide unter dem Problem ihrer religiösen Legitimation, solange sie keine Verbindung zur Weltkirche halten kann. Der Papst sollte bei seinen Worten genommen werden: „Roms Kirche hat eine Reihe von Schreiben veröffentlicht, wonach sie mit China einen Dialog führen und die Beziehungen verbessern will. Sie ermuntern Chinas Katholiken, gute Gläubige und zugleich gute Bürger ihres Staates zu sein.“

Der entscheidenden Frage, warum so viele Menschen in China religiös werden, gehen die Autoren des Blaubuchs allerdings nicht nach. Das müssen andere tun. Auch das Staatliche Religionsamt schweigt. Es zieht sich auf seine Zahlen von 1997 von nur 100 Millionen Gläubigen in China zurück. Doch allein jeder Zehnte der 1,3-Milliarden-Bevölkerung bekennt sich heute zum Buddhismus oder Taoismus.

Dazu kommen 60 bis 70 Millionen Christen, 21 Millionen Muslime und ungezählte Anhänger von Volksglauben, Ahnenkult und Sekten auf dem Land. In den Dörfern sind Zehntausende neuer Tempel gebaut und unzählige Hausaltäre errichtet worden. Religiöse Bräuche, die in den vergangenen 30 Jahren zuerst auf dem Land erwachten, erobern nun auch die Städte.

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