Doktorarbeit

Guttenberg soll ein Fünftel abgeschrieben haben

Netz-Aktivisten werfen Karl-Theodor zu Guttenberg vor, er habe ein Fünftel seiner Doktorarbeit kopiert. Die Bundeskanzlerin und Politiker der Union stellten sich demonstrativ vor den Minister.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Bundeskanzlerin Merkel deutete erstmals an, dass sie an ihrem Verteidigungsminister auch festhalten würde, sollte ihm der Doktortitel wegen der Plagiatsvorwürfe aberkannt werden.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Nach einem Zwischenbericht der Internet-Aktivisten, die die Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg analysieren, soll mehr als ein Fünftel des Textes Plagiat sein. Auf der in der vergangenen Woche eigens eingerichteten Internet-Plattform GuttenPlag - ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen und auch bearbeiten können - werden angeblich kopierte Passagen aus zu Guttenbergs Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt.

Hunderte Freiwillige beschäftigen sich inzwischen intensiv mit der Kontrolle. Darunter seien allerdings keine Juristen, betonte der Sprecher von Guttenplag, der Doktorand an einer deutschen Hochschule ist und namentlich nicht genannt werden wollte.

Am Abend wurde auf der Plattform ein erster Zwischenbericht veröffentlicht, der allerdings laufend fortgeschrieben wird. "Die gefundenen Plagiate erlauben es der akademischen und allgemeinen Öffentlichkeit, sich selbst ein Bild des Falls zu machen", heißt es zur Begründung der Veröffentlichung.

Die Verdachtsfälle wurden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Den Angaben zufolge weist die Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ des Verteidigungsministers nach den Maßstäben der Internet-Aktivisten zu einem Füntel Plagiate auf. Es seien „bis jetzt 3521 von 16.325 Zeilen, das sind 21,5 Prozent der Doktorarbeit (jeweils inkl. Fußnoten) als Plagiate identifiziert“ worden, heißt es in dem am Montagabend veröffentlichten Zwischenbericht des GuttenPlag-Wikis.

Auf insgesamt 271 Seiten der Doktorarbeit finden sich demnach Kopien von unterschiedlichem Grad. Der reine Text der Arbeit umfasst dabei 393 Seiten; Inhaltsverzeichnis, Anhänge, Literaturverzeichnis und Stichwortverzeichnis wurden nicht untersucht. Bei Zählung der Seiten ergibt sich somit für die Macher des GuttenPlag-Wiki eine Quote von mehr als 68 Prozent der Seiten, auf denen mutmaßlich Plagiate zu lesen sind.

Genauer ausgedrückt in Zeilen: 11.115 Zeilen sind laut der Mitteilung „Komplettplagiate aus anderen Quellen“ - das sind 27 Seiten reiner Text. Weitere 1437 Zeilen werteten die Plagiate-Sucher als „verschleierte Plagiate“, also umformulierte fremde Passagen, die „keinesfalls durch vergessene Anführungszeichen entstanden“ seien. Auf 410 Zeilen seien „Übersetzungsplagiate“ fremdsprachiger Texte gefunden worden. Dabei wurden Übersetzungen erstellt, ohne die Quelle zu nennen. Hinzu kämen weitere Stellen, an denen eine Fußnote angegeben worden sei, die sich jedoch auf einen unbedeutenden Teil des Originaltexts beziehe, während größere Abschnitte daraus ohne Zitatnachweis übernommen worden seien.

Guttenberg weist den Verdacht mutwilliger Täuschung zurück. Er hat bis zum 6. März Zeit, bei seiner Universität Bayreuth Stellung zu nehmen. Die Union stärkt ihrem Minister den Rücken: Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer wollen den angeschlagenen Minister auch bei einem Verlust des Doktortitels nicht einfach fallen lassen.

Merkel betonte, sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden ins Kabinett geholt. „Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt.“

CSU-Chef Horst Seehofer sicherte Guttenberg die volle Unterstützung seiner Partei zu. „Der Karl-Theodor, der hat die Unterstützung seiner politischen Familie, und zwar uneingeschränkt.“ Dies sei keine Solidarität auf Zeit. „Das bleibt auch so.“ Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, dass Guttenberg selbst bei einer Aberkennung des Doktortitels noch ein guter Verteidigungsminister wäre. Der Fraktionsvorstand im Bundestag stützte Guttenberg ebenfalls.

Die Kanzlerin wollte zwar nicht sagen, wie sie es bewerten würde, falls Guttenberg der doktortitel aberkannt würde. Sie betonte aber auf einer Pressekonferenz mehrfach, dass die Arbeit Guttenbergs als Minister entscheidend für sie sei. „Ich stehe zu der Person und zu der Arbeit, die er macht.“ Guttenberg habe ihr „volles Vertrauen“.

Seehofer rief Guttenberg dazu auf, die Affäre durchzustehen. Der Verteidigungsminister habe nach den Plagiatsvorwürfen zu keinem Zeitpunkt seinen Rücktritt angeboten oder angedroht. Guttenbergs Sprecher Steffen Moritz bezeichnete Spekulationen, nach denen der CSU-Politiker ans Aufgeben gedacht habe, als „Unsinn“.

Gegen Guttenberg steht inzwischen auch der Vorwurf des Amtsmissbrauchs im Raum. Laut "Spiegel“ soll er 2004 beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages eine Studie zum Gottesbezug in der US-Verfassung in Auftrag gegeben und das Papier fast vollständig in seine Dissertation eingefügt haben. Das Verteidigungsministerium wollte dazu zunächst nicht Stellung nehmen. Ob die Passage tatsächlich aus Inhalten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages übernommen wurde, konnte auch auf Guttenplag bislang nicht verifiziert werden, die Quelle ist nicht öffentlich.

Die Opposition will den CSU-Politiker in dieser Woche im Bundestag zur Rede stellen. Am Mittwoch will sie die Vorwürfe in einer Fragestunde thematisieren. Zudem will die SPD eine Bundestagsdebatte beantragen. Die CSU lehnte das ab. „Der Bundestag ist kein Schiedsgericht für Fußnoten“, sagte Landesgruppengeschäftsführer Stefan Müller. „Wer den Bundestag derartig offensichtlich als Pranger benutzt, kennt offenbar seinen tatsächlichen Zweck nicht.“

Eine für Dienstag geplante Buchvorstellung mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in den Räumen der deutschen Bank Berlin ist wegen „terminlicher Engpässe“ des CSU-Politikers kurzfristig verschoben worden. Guttenberg wollte das Buch des "Bild“-Journalisten Nikolaus Blome, „Der kleine Wählerhasser: Was Politiker über die Bürger denken“ präsentieren. Wie der Veranstalter, die Alfred Herrhausen Gesellschaft, mitteilte, soll die Buchvorstellung nun am 4. März stattfinden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums konnte nicht sagen, welche Termine dem Minister dazwischen gekommen sind.