Kopierte Passagen

Doktorarbeit bringt Guttenberg in Bedrängnis

Nicht alles in der Doktorarbeit des Verteidigungsministers stammt von ihm selbst. Nun steht Guttenbergs Authentizität auf dem Spiel.

Über „meine verwegene Charakter- und Lebensmelange“ schreibt Karl-Theodor zu Guttenberg im Vorwort zu seiner Dissertation. Gut zwei Jahre ist es her, dass zu Guttenberg diese Zeilen verfasste. Er dankte in jenem Vorwort seinen akademischen Lehrern, außerdem Ehefrau und Töchtern. Manch juristischer Kollege Guttenbergs und mancher Publizist dürfte eine solche Dankbarkeit ebenso erwarten. Dieser Dank aber blieb aus.

Karl-Theodor zu Guttenberg, Doktorand an der Universität zu Bayreuth, hat für seine Dissertation allerlei Texte kopiert, teilweise minimal paraphrasiert oder sogar wortgleich in sein Opus magnum eingefügt – ohne dies jeweils kenntlich gemacht zu haben. Juraprofessoren, Medienwissenschaftler und die Opposition halten Deutschlands beliebtestem Politiker vor, er habe „abgekupfert“. Sollte Guttenberg, der schon allerlei politische Krisen durchstanden hat, nun nach einem akademischen Fauxpas sein Saubermann-Image loswerden? Ausgeschlossen ist jedenfalls nicht, dass Dr. jur. zu Guttenberg seinen Doktortitel verliert. Dafür sind zu viele Passagen ohne Quellenangabe in Guttenbergs 475-Seiten-Werk aufgetaucht, die schon vorher – fast oder ganz identisch – in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“ oder in wissenschaftlichen Aufsätzen zu lesen waren.

Das fängt bei der Einleitung zur Dissertation an. Guttenberg verwendet hier in den allerersten Sätzen seiner Arbeit fast wortgleich Formulierungen der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig aus einem Aufsatz in der FAZ. Eine eigene gedankliche Leistung ist im ersten Teil der Einleitung nicht erkennbar. Genau das aber wird von Doktoranden verlangt. Zehnpfennig erfuhr erst gestern Nachmittag, dass Guttenberg bei ihr abgeschrieben hat. „Es ist mir unverständlich, wie man sich solch eine Blöße geben kann“, sagte sie "Morgenpost Online“. Der CSU-Politiker habe sich „dumm“ verhalten. Zehnpfennig: "Wenn die Vorwürfe in dem behaupteten Umfang zutreffen, wird man juristisch tätig werden müssen.“

Der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano (Universität Bremen) hat Guttenbergs Werk zur Erlangung des Doktorgrades für die Zeitschrift „Kritische Justiz“ auf zwei Seiten rezensiert. Die eigentlich interessante Leistung Fischer-Lescanos aber ist die Anlage, in der er auf sechs Seiten eine Synopse erstellt hat: Links finden sich die guttenbergschen Passagen, rechts die fast identischen Fundstücke aus anderen Texten. Die Absätze sind sich frappierend ähnlich, ja oft genug wortgleich. Nun gilt die „Kritische Justiz“ als linke Zeitschrift, und der Bremer Jurist Fischer-Lescano wird ebenso verortet.

Fischer-Lescano hat mit der umstrittenen SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti eine allenfalls mittelmäßig erfolgreiche „Denkfabrik“ gegründet, außerdem betreut er Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seine Vorwürfe aber relativiert dies kaum – und die Sozialdemokraten, die Guttenbergs Popularität fürchten, halten sich bislang mit Kritik zurück. Der SPD-Verteidigungspolitiker Hans-Peter Bartels gehört zu den wenigen politischen Akteuren, die sich zu Wort melden. Er kommentierte Guttenbergs Arbeitsweise mit den Worten: „Das ist nicht die feine Art – oder um es mit Worten Guttenbergs zu sagen: Das gehört sich nicht.“ Bartels weiter: „Bei Herrn zu Guttenberg ist vieles tatsächlich nicht so, wie es scheint. Aber der Schein zählt.“ Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin ätzte: „Egal, ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann.“

Aus der Koalition war eine offensive Rückendeckung für Guttenberg nicht zu vernehmen – und das „Interesse“ der Bundeskanzlerin an der Causa lässt sich vielseitig interpretieren. Dem CSU-Verteidigungsexperten Florian Hahn blieb es vorbehalten, das Vorgehen der Opposition und „einiger Redakteure“ zu kritisieren, die nahezu jedes Mittel nutzten, um dem Minister zu schaden – „getreu dem Motto: irgendetwas wird schon hängen bleiben“. Das sei verantwortungslos und dumm. „Es ist auffällig, dass in dem Beitrag der ,Süddeutschen Zeitung‘ bereits Fakten geschaffen werden, wo es bisher nur Vermutungen und Unterstellungen Einzelner gibt“, sagte Hahn "Morgenpost Online“.

Selbst der als „Plagiatsjäger“ bekannt gewordene Medienwissenschaftler Stefan Weber hielt sich Mittwoch noch zurück. Nachdem er die Fundstellen kannte, die die „Süddeutsche Zeitung“ entdeckt hatte, sagte Weber: „Wenn noch circa fünf weitere Stellen dieser Art gefunden werden, dann muss Guttenberg nach meinen Erfahrungen der Doktortitel aberkannt werden. Wenn das nicht geschieht, dann gilt für Guttenberg ein anderes Recht als für andere.“ Als dann die aus der FAZ in Guttenbergs Einleitung kopierten Passagen bekannt wurden, legte Weber nach: „Guttenberg hat sogar bereits die allerersten Zeilen seiner Dissertation unzitiert abgeschrieben“, teilte Weber mit: „Es handelt sich hierbei um eine unglaubliche Entdeckung, die den Fall in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.“

Weber weiß, wovon er spricht. Er veröffentlichte vor vier Jahren ein Buch unter dem Titel: „Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden.“ Aufgrund von Gutachten Webers wurden nach dessen Auskunft elf Bachelor-, Magister- und Doktortitel aberkannt, davon neun in Österreich und zwei in Deutschland. „In Deutschland wird hier in aller Regel strenger vorgegangen als in Österreich“, sagt Weber allerdings. „Ich habe schon von Plagiatoren die wüstesten Ausreden gehört. Einige behaupten immer wieder, ihnen seien kopierte Stellen in die eigene Arbeit ,hineingerutscht‘. Das ist sehr kühn.“

Viele Prominente mit Vorwurf konfrontiert

Guttenberg ist bei alldem mit seinem Schicksal nicht allein. Immer wieder sehen sich Prominente mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten sich für ihre Promotion etwas zu detailgetreu bei anderen Autoren bedient. Einer der bekanntesten ist der russische Ministerpräsident Wladimir Putin, von dem es vor gut vier Jahren hieß, er habe wesentliche Teile seiner Dissertation abgeschrieben. Laut der US-Denkfabrik Brookings stammen 16 von 20 Seiten der Schlussfolgerungen in der 1997 verteidigten Doktorarbeit Putins „wortwörtlich“ aus einer 19 Jahre zuvor in den USA erschienenen Arbeit.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sah sich vor einem Jahr zwar keinen Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Dafür äußerten manche den Verdacht, sie habe ihre Dissertation nicht alleine geschrieben, sondern sich von der CDU-Parteizentrale helfen lassen. Eine Sprecherin Schröders teilte Morgenpost Online mit, dem Bundesfamilienministerium sei nicht bekannt, "dass es jemals den Verdacht gab".

Profiteur von der Debatte über Guttenbergs Dissertation ist der Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot. Nach dessen Angaben ist Guttenbergs Werk in einer Auflage von 400 Exemplaren erschienen, davon wurden bisher rund 250 Bücher verkauft. Mittwoch erreichten den Verlag etliche Anfragen nach dem Buch.

Hier finden Sie eine Liste einiger Werke, bei denen Guttenberg sich ohne Quellen-Hinweis bedient haben soll

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