Plagiatsverdacht

Der schwarze Tag von Minister Guttenberg

Wie der angeschlagene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sich an allen Fronten verteidigt – und am Ende doch noch entschuldigt.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Der schlimmste Tag im politischen Leben des Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg beginnt schon katastrophal: Über Nacht sind neue Fundstücke aus seiner Doktorarbeit aufgetaucht, die ein Plagiat belegen sollen. Mindestens 17 Prozent der Doktorarbeit stammten gar nicht von ihm – heißt es. Selbst in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist das Gerücht nicht totzukriegen, die Arbeit stamme nicht vom Verteidigungsminister, sondern von einem schlampigen Ghostwriter.

Guttenberg ist wütend: Schon am Vorabend bestand er vor Vertrauten darauf, die Arbeit selbst verfasst zu haben. Fast acht Jahre hat er daran gebosselt – vor allem in den Nächten, denn er war damals schon ein vielbeschäftigter Abgeordneter und junger Vater. Am Ende hat er, um fertig zu werden, wohl schludrig gearbeitet, heißt es in seinem Umfeld. Das rächt sich jetzt: Eine peinliche Rüge durch die Universität Bayreuth wäre noch der glimpflichstes Ausgang. Auch eine Aberkennung des Titels, weiß Guttenberg, kann nicht ausgeschlossen werden. Gemeinsam mit Vertrauten hat er eine Erklärung (siehe Kasten) aufgesetzt, mit der er „vorübergehend“ auf den Titel verzichtet.

Guttenberg ist aber auch noch aus anderem Grunde wütend: Nach seiner Rückkehr von einem Truppenbesuch in Afghanistan ist er am Donnerstagabend ins Kanzleramt gefahren. Er hatte von sich aus einen Wahlkampftermin abgesagt und um ein Gespräch mit Angela Merkel gebeten. Aber als er ankommt, erwartet ihn ein Kamerateam. Das geheime Treffen ist von interessierter Seite „durchgestochen“ worden. Jetzt sieht es so aus, als habe Merkel ihren Minister einbestellt. Um diesen Eindruck zu verwischen, leitet Guttenberg seine Erklärung später mit dem Satz ein: „Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht.“ Das Protokoll des schwarzen Tages des Ministers:

9:51 Uhr

Während Guttenberg und seine Leute noch an der Erklärung feilen, erreicht sie die Nachricht, um 8 Uhr 30 habe ein Anschlag auf deutsche Truppen in der afghanischen Unruheprovinz Baghlan stattgefunden. Der Minister ist geschockt, handelt es sich doch um einen Angriff auf den „Außenposten Nord“, an dem er selbst noch vor zwei Tagen übernachtet hat. Von einem Toten ist in der ersten, geheimen Meldung noch keine Rede, dafür von Evakuierungen. Die Meldung endet mit dem Satz: „Vorfall scheint zunächst beendet“.

11:09 Uhr

Die nächste Meldung aus Afghanistan kommt im Bendlerblock an: „Ein Toter“. Vier Soldaten seien schwer verletzt, vier weitere mittelschwer. Gewissheit ist das immer noch nicht. Keinen Kilometer vom Ministerbüro entfernt, in der Bundespressekonferenz (BPK), warten derweil die Journalisten. Guttenberg soll zu den Plagiatsvorwürfen Stellung nehmen. Doch das wird er nicht tun. Nicht an dieser Stelle. Das hat er schon vorher entschieden. Sein Plan war: Am Nachmittag wollte er die Erklärung abzugeben, die seine Dissertation zu einer Angelegenheit zwischen ihm und der Universität erklärt, welche die Öffentlichkeit nichts angehe.

11:20 Uhr

Angesichts der immer noch unklaren Lage in Afghanistan trifft Guttenberg eine Entscheidung, die er wenige Stunden später bereuen wird. Er will nun nicht mehr bis zum Nachmittag mit seiner Erklärung warten. Es soll nicht wirken, als schlage er sich mit einer dubiosen Dissertation herum, wenn er eigentlich einen Todesfall in Afghanistan aufklären solle. Deshalb will Guttenberg – vielleicht in einer Kurzschlussreaktion – das Thema jetzt sofort abräumen. Mitarbeiter bitten einen Teil der Kameraleute und Fotografen, die schon den ganzen Tag vor dem Verteidigungsministerium warteten, jetzt hinein, damit sie Guttenbergs Erklärung aufnehmen können.

11:32 Uhr

Aber die Journalisten warten ja in der Bundespressekonferenz (BPK) – und sie sind empört. Denn Guttenbergs Sprecher sagt dort jetzt, der Minister gebe „in diesen Minuten vor ausgewählten Medienvertretern“ eine Erklärung ab, über deren Inhalte er hier leider keine Auskunft geben könne. Ungläubiges Staunen. Dann Rufe: „Feigling!“. Die Berichterstatter – viele von ihnen mit jahrezehntelanger Erfahrung – sind ehrlich entsetzt: Denn hier geht es nicht nur um gleiche Wettbewerbsbedingungen. Die Bundespressekonferenz ist eine Institution, die nach dem Krieg aus den Erfahrungen der Nazi-Zeit bewusst geschaffen wurde. Die Bundesregierung lädt eben nicht ausgewählte Berichterstatter an ihren Hof, sondern kommt selbst in das Haus der freien Presse, wo Nachfragen ausdrücklich erlaubt sind. Guttenbergs Sondereinladung wirkt in diesem Moment wie ein Bruch mit diesen demokratischen Gepflogenheiten. Die Journalisten verlassen unter Protest den Saal und lassen einen konsternierten Regierungssprecher Steffen Seibert und die Sprecher aller Ministerien zurück.

Zeitgleich

Auch im Verteidigungsministerium geht es gerade drunter und drüber. Journalisten, die von Guttenbergs vorgezogener Erklärung erfahren haben, sind zum Bendlerblock geeilt. Nun werden sie von barschen Feldjägern vom Gelände des Ministeriums vertrieben: „Die Presse ist schon drin.“ Selbst die Nachrichtensender n-tv und N24 haben ihre Kamerateams nicht schnell genug ins Ministerium bekommen – und können nicht live berichten.

11:50 Uhr

Über die Bildschirme in den Redaktionen, Abgeordnetenbüros und Ministerien flimmert jetzt endlich doch Guttenbergs Erklärung auf allen Sendern. Die Gleichzeitigkeit mit der BPK löst allenthalben Kopfschütteln aus – auch im Kanzleramt. Der Schluss von Guttenbergs letztem Satz: „… ich trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis am heutigen Tag wieder einmal mehr auf bittere Weise zeigt“, geht dabei unter.

12:45 Uhr

Guttenberg ist jetzt kein Doktor mehr – jedenfalls nicht mehr auf der Homepage des Verteidigungsministeriums: Noch zwanzig Minuten vorher war die Startseite mit „Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg“ überschrieben, nun ist der Titel verschwunden. Rein rechtlich gesehen bedeutet die Entscheidung, den Titel nicht mehr zu führen, allerdings gar nichts.

13:11 Uhr

„Die Bundespressekonferenz protestiert auf das Schärfste gegen Ihre Informationspolitik“, schreiben die Journalisten in einem Protestbrief: „Wir erwarten, dass Sie sich möglichst bald den Fragen der Hauptstadtpresse stellen.

14:37 Uhr

Guttenberg entschuldigt sich. Allerdings nicht bei den Wissenschaftler und Autorinnen, bei denen er Teile seiner Dissertation abgekupfert haben soll. Sondern bei den brüskierten Journalisten. Er schreibt ihnen nun seinerseits einen Brief, in dem er „um Entschuldigung für die Parallelität der Presseunterrichtungen“ bittet. Der Zeitplan sei durcheinandergekommen, deutet er die tragischen Ereignisse in Afghanistan an. Künftig wolle er versuchen, Parallelunterrichtungen zu vermeiden. Guttenberg schreibt nicht, dass er sich bald den Fragen bezüglich seiner Dissertation stellen wolle. Die Plagiatsvorwürfe betrachtet er immer noch nicht als öffentliche Angelegenheit.

15:11 Uhr

Noch am Morgen hatte der Verlag, in dem Guttenbergs Doktorarbeit erschien, erklärt, die Prüfung durch die Universität abwarte zu wollen. Nach dessen Erklärung scheint man sich umentschieden zu haben. Die elektronische Ausgabe habe man vom Markt genommen, bestätigt „Duncker&Humblot“. Die gedruckte Fassung – 400 Exemplare – war sowieso schon ausverkauft.

15:36 Uhr

Die „Berliner Zeitung“ meldet einen weiteren Schummel-Fund. Angeblich habe Guttenberg für seine Dissertation ausgerechnet aus einer im linken Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin eingereichten Grundkurs-Hausarbeit abgeschrieben. Kursthema: „Proseminar zur Einführung von Studienanfängern.“ Am Ende des Tages sind über 140 Stellen der Doktorarbeit Vorwürfen ausgesetzt.

16:27 Uhr

Den ganzen Nachmittag versuchte sich Guttenberg einen Überblick über den fatalen Angriff in Afghanistan zu machen. Jetzt wird bekannt, dass ein zweiter in Baghlan angegriffener Soldat seinen Verletzungen erlegen ist.