Ein erfolgreicher Aufstieg, gerade in der Politik, lässt sich auf den Satz zusammenfassen: „Du sollst Dir mein Bild von mir machen“. Mein Bild, nicht irgendein Bild. Im Falle Guttenberg sollen die Menschen sich das Bild eines Ministers machen, der mit sich und der Welt im Reinen ist, weil er auf stürmischer See einen inneren Kompass hat. Der innere Kompass, oder die Anmutung dessen, unterscheidet Guttenberg von anderen Ministern. Seine adlige Herkunft spielt dabei eine entscheidende Rolle in dem Sinn, dass die Menschen zu spüren glauben – erstens, er weiß was sich gehört, zweitens, er denkt nicht augenblicksbezogen. Er ist nicht empfindlich, gefühlig, weinerlich gar, kein Blatt im Winde, und deshalb auch nicht opportunistisch oder zänkisch wie so manche Berliner Politiker um ihn herum.

An und für sich könnte er ja Betroffenheit zelebrieren. Scheidungskind, allein erzogen vom Vater, mit einer Kindheit so voller Gebote und überbordender Gefühlswelten, dass es für drei Leben gereicht hätte. Der Vater, ein hoch musikalischer, glühend emotionaler, sehr politischer Mensch, spürt noch im Alter Weltschmerz, wo andere bloß ein Problem sehen. Ein Dirigent, der Ökologie und Oratorien zur Botschaft vereinen möchte, lange verlacht vom klassischen Musikbetrieb. Beste Voraussetzung, es als Übervater mit einem gescheiterten Sohn zu tun zu bekommen. Viele andere Söhne anderer Familien wären ins Selbsterfahrungselend abgerutscht. Er, Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht. Dieser Sohn wird Minister.

Selbstdisziplin als Revolte

Als Lieblingsfilme nennt Guttenberg Francis Coppolas „Der Pate“, Alan Parkers „Angel Heart“ und Paul John Hogans „Peter Pan“. Sie alle kreisen im weiteren Sinne um die Suche nach dem eigenen Ich, und um die zerstörerische seelische Wirkung fehlender Selbstkontrolle. Zwei von ihnen sind verstörende Epen über enthemmende und zugleich sublime Gewalt, eingebettet in die Sensibilität ihrer Protagonisten. (Coppolas Vater war klassischer Konzertflötist, dessen lange unerfüllter Ehrgeiz im Komponieren lag. Ein Außenseiter wie Guttenbergs Vater.)

Guttenberg hat eine Vorstellung von der Welt der Irrlichterei, aber er ist scheinbar allzeit beherrscht. Jederzeit kontrolliert. Fast hölzern manchmal, trotz des federnden Ganges und des plötzlichen Funkelblicks. Revolte kann eben auch als Selbstdisziplin daherkommen, und das spüren die Menschen. Revolte einmal anders; konstruktives statt destruktives Aufbegehren.

Guttenberg passt in eine Zeit, in der es allmählich unschicklich wird, dauernd über eine eigene schwere Jugend zu reden und orientierungslosen Kindern einfach ihren Lauf zu lassen. Vererbte Emotionen und eigene Jugenderfahrungen im Verborgenen halten, sie fruchtbar machen, das nennen Amerikaner Coolness. Deutsche nennen es Selbstkontrolle. Sie lässt sich im Adel lernen. Er gilt als entmachtet, ist aber noch da, vor allem als Erziehungswelt. Karl-Theodor zu Guttenberg hat Erziehung genossen, was langsam wieder populär wird.

Das junge Ehepaar Guttenberg hat sich auf der Berliner Loveparade kennengelernt. Vom Alltagsbürger trennt den Minister nicht die fehlende Lust an der Moderne, sondern das bewusste Zurückfinden-Können. Man geht auf die Love Parade, und am nächsten Tag in die Kirche. Man hört Rockmusik, aber kennt die Umgangsformen bis ins Detail und lebt in beidem. Es gibt im klavierbegabten Sohn eines Verehrers europäischer Hochklassik eine anarchische, aufrührerische Ader. Aber er verliert sich nicht in ihr, er muss sich nicht später mühsam selber finden.

Guttenberg hat einmal gesagt, wenn er sich ein Urteil gebildet habe, sei seine Meinung unverbrüchlich. Dem herrischen Satz fehlt dennoch der unangenehme Unterton des Machtsüchtigen. Das weckt Sympathie in einer komplizierten Gegenwart, in der unbestechliche Meinungen erfolgsträchtig sind und das Pendel in die Richtung zurückschwingt, Kinder zu Disziplin und Lerneifer anzuhalten.

Unionsparteien betrachten Adel argwöhnisch

Als Adliger in der CSU hat man es nicht leicht. Die große Volkspartei lebt von der Macht, die aus den Wahlkabinen kommt statt von Freiherrntiteln. Fast nirgendwo wird der Adel so argwöhnisch betrachtet wie in den Unionsparteien, die nach dem Krieg als antimonarchische Basisbewegung entstanden sind. Es gab und gibt versteckte Anfeindungen. In der CSU-Landesgruppe im Bundestag war Guttenberg nach 2002 als neuer Außenpolitiker auf Interesse, aber auch Spöttelei gestoßen. Manch einer betrachtete ihn als dilettierenden Kosmopoliten.

Die größte Gefahr für Guttenberg ist es, als Minister nach Gutsherrenart betrachtet zu werden, als jemand, der Untergebene herzlos hinauswirft, weil er sich für etwas Besseres hält. Zweimal stand er dicht davor, in diese Falle zu geraten. Das erste Mal Ende 2009 nach den Entlassungen des Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan und des Staatssekretärs Peter Wichert. Das zweite Mal dieser Tage nach der Suspendierung des Kommandanten der „Gorch Fock“, Norbert Schatz. In solchen Momenten wird Guttenberg „schneidig“ genannt, und es ist nicht als Lob gemeint.

Beide Male hat der Minister die Entscheidungen als Beweis seiner Handlungsstärke deuten wollen. Im ersten Fall überzeugte er nicht alle Berliner Beobachter, und im zweiten Fall hat er nicht nur in Berlin noch Überzeugungsarbeit vor sich. Jetzt will er sein Ministerium umbauen, um eine Feuerschneise zwischen sich und einige für das Tagesgeschäft verantwortliche Beamte und Militärs zu legen. „Ain’t it a shame/To be shot down in flames“ heißt der Refrain eines AC/DC-Songs. „Ist’s nicht ne Schande/ auf offener Bühne unterzugehen“, so beispielsweise lässt sich das übersetzen.

Symbol für die Versöhnung der Deutschen mit ihrer Geschichte

Montag wird der Minister in Flensburg die Marine besuchen, ohne Presse. Es soll eine offene Aussprache geben. Die abrupte Suspendierung des Kommandanten der „Gorch Fock“ wird eine Rolle spielen. Der Minister muss damit umgehen, dass die Mutter der verunglückten Kadettin Sarah S. von ihm eine Entschuldigung verlangt – dafür, dass ein interner Bericht über ihre Tochter in die Presse gelangte.

Neider hat er genug. Bewunderer hat er zu viele, um eine breite Angriffsfläche zu bieten, aber nichts ist ohne Zutun von Dauer. Karl-Theodor zu Guttenberg will nicht scheitern. Er will einem achthundert Jahre alten Familiennamen zu der Ehre verhelfen, die einem solchen Namen zukommt. Nicht um seiner Person willen; nicht allein um seinetwegen jedenfalls.

Das Bild, das andere sich von ihm machen, sein Kultstatus als Herold einer disziplinierten Revolte mit Siegelring entspringt ohnehin vielen Quellen. Er ist womöglich die Symbolgestalt eines Landes, das unbewusst die Wiedervereinigung mit der ganzen deutschen Geschichtstradition jenseits der NS-Zeit ersehnt. Ein Mann wie er, aus antinazistischem Uradel mit zeitlosen Umgangsformen, könnte solche Sehnsucht stillen.