Unicef-Studie

Mama und Papa sind eben doch die Besten

Familie und Freundschaft sind Sechs- bis Vierzehnjährigen sehr wichtig. Prominente nehmen sie eher selten als Vorbilder.

Foto: Infografik Morgenpost Online

Home, sweet home! Familie und Freunde sind heute mit Abstand das Wichtigste für die Sechs- bis Vierzehnjährigen in Deutschland. Das zeigt der aktuelle Wertemonitor, eine Studie unter 1500 Kindern und ihren Müttern, die Unicef und das Kindermagazin Geolino in Berlin vorgestellt haben. 75 Prozent der Kinder halten demnach Familie und Freunde für „total wichtig.“ „Mein Zuhause ist meine Insel, wo mir nichts passieren kann“, zitiert die Studie eine 13-Jährige. Neben der Familie sind den Kindern Geborgenheit, Vertrauen, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit wichtig.

„Das Wertebewusstsein ist deutlich gewachsen“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland. So verzeichnet die Studie bei fast allen Werten eine Zunahme im Vergleich zu 2008. 78 Prozent der Kinder geben an, anderen helfen zu wollen – und dass in einer Zeit des vermeintlichen Werteverfalls und der zunehmenden Oberflächlichkeit.

Glaube ist eher unwichtig

Die Familie ist Homebase, Rückzugsort und Sicherheitsanker in einem. „Das Zusammensein mit den Eltern ist für Kinder heute das wichtigste“, sagt Schneider. Die Eltern sind es auch, die den Kindern Werte vermitteln: 97 Prozent geben an, dass ihre Eltern ihnen Werte beibringen. Lehrer, Großeltern und Freunde sind ebenfalls wichtige Vorbilder. Medien, Prominente und auch die Kirche werden dagegen weniger als Wertevermittler akzeptiert. Dazu passt, dass nur 18 Prozent ihren Glauben als „total wichtig“ einstufen.

Je älter die Kinder, desto weniger wichtig ist ihnen der Glaube. Politiker taugen nach Einschätzung der Kinder noch weniger zur Vermittlung von Werten: Nur elf Prozent sagen, Politiker könnten Werte vermitteln, 54 Prozent bezweifeln das. „Politik hat hier ganz klar eine Herausforderung vor sich“, sagt Gerd Brüne, Verlagsleiter der Geo-Gruppe, zu der das Kindermagazin gehört. Geschwister sind nur für knapp die Hälfte der Kinder wichtige Wertevermittler. Das schätzen die Mütter anders ein: „Sie halten Geschwister und Sportvereine für total wichtige Vermittler“, sagt Brüne.

"Scheidung der Eltern ein ganz großes Thema"

Bereits zum dritten Mal haben Unicef und das Kindermagazin Geolino Kinder nach ihren Vorstellungen befragt. Im Vergleich zu 2008 ist Kindern heute soziales Engagement wichtiger. Noch vor Freunden oder dem Verein rangieren hier Tiere: 44 Prozent der Kinder würden diesen gern helfen. „Die Mädchen sind dabei deutlich engagierter“, so Brüne. Knapp ein Drittel möchte Menschen helfen, „denen es nicht so gut geht“. 24 Prozent wollen sich in der Schule engagieren und die Umwelt schützen.

Die Studie zeigt auch, dass Kinder heute weniger Ängste haben als noch vor zwei Jahren: So haben 40 Prozent der Kinder existenzielle Sorgen. 2008 waren es noch 51 Prozent. Knapp ein Fünftel der Kinder hat Angst, Eltern oder Geschwister zu verlieren. Zugenommen hat dagegen die Furcht vor Naturgewalten: Elf Prozent der Kinder geben an, davor Angst zu haben. „Die Ängste, die die Erwachsenen haben, färben durchaus auf die Kinder ab“, betont Verlagsleiter Brüne. Deshalb nennen die Kinder auch Arbeitslosigkeit und finanziellen Ruin bei den Dingen, vor denen sie Angst haben: „Die Scheidung der Eltern ist ein ganz großes Thema.“

Mütter nehmen sich mehr Zeit

Die Berufstätigkeit der Eltern ist dagegen nur für wenige Kinder ein Problem. „Die Kinder finden es gut, wenn ihre Mütter arbeiten“, sagt Hans Bertram, Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin, der die Ergebnisse ausgewertet hat. 58 Prozent der Kinder geben an, sie seien froh, dass ihre Mutter eine Arbeit hat. Von den 1500 befragten Kindern haben rund 1000 eine berufstätige Mutter. Die Kinder schätzen es der Studie zufolge, dass sie durch die Berufstätigkeit der Mutter mehr Freiheiten haben und die Mutter zufrieden ist. Knapp ein Drittel der Kinder sagt, die Mutter sei meist gehetzt, wenn sie von der Arbeit komme.

„Die Studie zeigt auch, dass sich die Mütter mehr Zeit nehmen für ihre Kinder als die Väter“, erläutert Bertram: Während es im Schnitt drei Stunden pro Tag sind, die berufstätige Mütter ihren Kindern widmen, sind es bei berufstätigen Männern nur zwei Stunden. Knapp die Hälfte der Kinder findet denn auch, dass ihr berufstätiger Vater zu wenig Zeit für sie habe. 80 Prozent meint, dass sich die Mutter in der Woche genug Zeit nehme. „Die Kinder sind Realisten und Idealisten zugleich“, findet Gerd Brüne von der Geo-Gruppe. Die Erwerbsarbeit von Mutter und Vater bewerten sie dabei gleich. Soziologe Bertram: „Den Unterschied, den Erwachsene machen, den gibt es für die Kinder nicht.“

Neun Prozent treiben täglich Sport

Obwohl die gemeinsame Zeit mit den Eltern den Kindern so wichtig ist, verbringen sie doch den Großteil ihrer Freizeit allein. „Die Sechs- bis Vierzehnjährigen wissen, dass sie ihren Alltag für sich selbst gestalten müssen“, sagt Hans Bertram. Freunde treffen, Fernsehen, Sport und Lesen sind dabei die beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. 41 Prozent der Kinder treffen sich täglich mit ihren Freunden, 61 Prozent schauen täglich fern. 17 Prozent spielen jeden Tag am Computer, nur neun Prozent machen täglich Sport. Wenn sie etwas mit ihren Eltern unternehmen, dann meist mit der Mutter, mit einer Ausnahme: Am Computer spielen die Kinder eher mit dem Vater. Für Bertram ist die Rolle des Vaters inzwischen positiv besetzt.

2012 sollen in der Studie auch die Väter befragt werden. Es habe rein praktische Gründe gehabt, dass man in diesem Jahr nur Kinder und Mütter befragt habe. „Es ist schon ein Fortschritt, dass wir die Kinder befragen“, fasst Unicef-Geschäftsführer Schneider zusammen. „Kinder werden viel zu selten um ihre Meinung gebeten. Sie sind in der Debatte nur Objekte, manchmal sogar nur Störgeräusche.“